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Studie "Hitlers Charisma": Begriffsgitter ohne Leben

Wie der Berliner Historiker Ludolf Herbst mit Ian Kershaws Hitler-Biographie oder Hans-Ulrich Wehlers viertem Band der Deutschen Gesellschaftsgeschichte ins Gericht geht, ist kühn. Die Erwartungen an seine Studie "Hitlers Charisma" sind entsprechend groß - und werden enttäuscht.

        

Mit Inszenierung und Organisation zum Charismatiker?
Mit Inszenierung und Organisation zum Charismatiker?
Foto: Getty

Wer die Rezensionen kennt, in denen der emeritierte Berliner Historiker Ludolf Herbst mit imposanten Werken von Kollegen – etwa Ian Kershaws Hitler-Biographie oder Hans-Ulrich Wehlers vierter Band der Deutschen Gesellschaftsgeschichte – streng ins Gericht geht, wird ihm eines sofort zugestehen: Kühnheit. Die Erwartungen sind groß, wenn er nach all dem zu Hitler und auch zu dessen Charisma Publizierten ein Buch über „Hitlers Charisma“ vorlegt.

Der Untertitel „Die Erfindung eines deutschen Messias“ verspricht Klarheit. Doch was damit genau gemeint ist und was erreicht werden soll, wird im Buch auf eine sperrige und irritierende Weise vermittelt, so dass Klarheit nicht zustande kommt. Zum sperrigen Charakter gehört zunächst das demonstrative Bekenntnis zu einer theoriegeleiteten Geschichtsbetrachtung. Die theoretischen Instrumente werden vorgezeigt. Gestützt auf die Ausführungen Max Webers zur charismatischen Herrschaft als Teil einer mit drei Idealtypen arbeitenden Herrschaftssoziologie, wird dann ein feinmaschiges „Begriffsgitter“ zum Einspannen des Untersuchungsgegenstandes entworfen.

So soll offenbar wenigstens auf kategorialer Ebene ein Ganzes in den Blick genommen werden. Dieses Ganze sieht Herbst unter Berufung auf Arthur Schweitzers „The Age of Charisma“ in einem „Transformationsprozess“, bei dem es in einer krisenhaften Situation zu einer „Symbiose“ zwischen charismatischen Herrschaftsansprüchen und modernen, bürokratisch organisierten Institutionen kommt, und zwar mit „synergetischen Effekten“. Allerdings lief dieser Transformationsprozess später „vollständig aus dem Ruder“.

Was Herbst dann im historischen Teil seines Buches darlegt, ist weit davon entfernt, das „Begriffsgitter“ mit Leben zu füllen oder Hypothesen am Material zu überprüfen. Es geht ihm um Hitler und dessen Karriere bis zum August 1934, als der vor einer Wahl zurückschreckende Kanzler Hitler einfach die Befugnisse des verstorbenen Reichspräsidenten Hindenburg auf den „Führer“ übertragen ließ. Das Buch erweist sich als Beitrag zu einer Debatte darüber, wieweit und in welchem Sinne von einer charismatischen Beziehung zwischen Hitler und den Deutschen die Rede sein könne. Herbsts Skepsis gilt sowohl der Stilisierung Hitlers zum erstaunlich potenten charismatischen Führer als auch dem Bild einer deutschen Gesellschaft, die Hitler willig folgte, ja ihm „entgegenarbeitete“ (Kershaw).

Was er infrage stellt, ist vor allem eine „gesellschaftsgeschichtlich akzentuierte Forschung“, die das Gewicht immer mehr auf die Mitwirkung der Gesellschaft verlagert habe. Wer auf diese Weise eine weitgehende Übereinstimmung zwischen „Führer“ und „Volk“ annimmt, begebe sich in eine „prekäre Nähe zum Propagandabild“, das die Nationalsozialisten von sich verbreiteten und mit den modernen Mitteln der Fotografie und des Films auf suggestive Art nachhaltig in Szene setzten. Dem möchte Herbst mit der Konzentration auf zuverlässige Informationen über die Anfangsjahre des Politikers Hitler entgegentreten und untersuchen, ob für diese Zeit von Hitlers Charisma gesprochen werden kann und falls ja, in welchem Sinn.

Das Bild, das sich auf diese Weise ergibt, ist einerseits nicht überraschend. Was man sich gemeinhin unter Charisma vorstellt – nämlich eine wenn nicht wirkliche, so doch überhöhte, und wenn nicht überhöhte, so doch eine zugeschriebene bzw. angedichtete Tat oder Begabung –, gab es bei Hitler nicht. Zwar wurde er ein erfolgreicher Redner. Aber davon gab es damals viele. Merkwürdigerweise nennt Herbst Hitler einen „Virtuosen der Menschenfischerei“, ohne das zu erklären. Und merkwürdigerweise attestiert er Hitler „Witz und Ironie“. Doch als Beleg dafür erwähnt er nur Lacherfolge, die Hitler der Verwendung gängiger antisemitischer und anderer Stereotype und Vorurteile verdankte.

Zum Bild, das Herbst vom frühen Hitler entwirft, gehört überraschenderweise andererseits, dass bei Hitler doch schon früh Charisma im Spiel war. Der Opern- und Wagner-Begeisterte, den weniger die Qualität der Musik als die der Inszenierung faszinierte, „lebte in einer Welt, in der Charisma eine wichtige Rolle spielte“. Er wird, vermutet der Autor, „keine Charisma-Studien betrieben oder gar Max Weber gelesen haben“. Aber indem er die Form für den Inhalt nahm, verfügte er über ein „latentes Charisma-Wissen“, das er später entsprechend den Möglichkeiten und Herausforderungen einer krisenhaften Zeit instrumentalisieren konnte.

Was sich so herausschält, ist die Ansicht, dass der „Künstler-Politiker“ Hitler für einen Kreis von Anhängern und Gefolgsleuten, bei denen in unterschiedlicher Mischung Glauben und taktisches Kalkül eine Rolle spielten, ein gewisses Charisma hatte, dessen reale Grundlage für einen nüchternen Betrachter die durch eine Reihe von Zufällen zustande gekommene Haltung eines Charismaträgers bildete. Über eine Art Anerkennungsgemeinschaft hinaus konnte Hitler aber in der gesellschaftlichen und politischen Realität nur Fuß fassen, indem es zu einem Zusammenspiel von Inszenierung und moderner Organisationsstruktur kam.

Wer Bücher wie beispielsweise Peter Reichels „Der schöne Schein des Dritten Reichs“ nicht kennt, findet in „Hitlers Charisma“ manches Interessante. Wer das Buch als Ganzes ernst nimmt, wird es verwirrend finden – so verwirrend wie bei näherem Hinsehen das Inhaltsverzeichnis. Da wird Hitlers Charisma zunächst zur Legende erklärt. Doch dann geht es Kapitel um Kapitel um Hitlers Charisma und den Versuch, dessen Charakter auf die Spur zu kommen. Eine wirklich „dichte Beschreibung“ ohne vorangestelltes „Begriffsgitter“ wäre vermutlich ergiebiger gewesen. So aber ist man nach der Lektüre dieses Buches nicht schlauer hinsichtlich der Frage nach Existenz und Beschaffenheit einer charismatischen Beziehung zwischen Hitler und den Deutschen.

Autor:  Rolf Wiggershaus
Datum:  30 | 7 | 2010
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