Magersucht und Klimakatastrophe, Amoklauf und Weltuntergang, alles jeden Tag neu und alles immer öfter live auf Twitter, im Fernsehen, in Blogs und iPhonefilmchen. Der Grusel als Kitzel, der Alarm als Alltag: Die Österreicherin Kathrin Röggla beschreibt in ihrem neuen Buch "Die Alarmbereiten" eine Gesellschaft im permanenten Ausnahmezustand. Sie giert nach schlechten Nachrichten und ist ihrer zugleich wahnsinnig überdrüssig.
Doch ein Tag ohne Hiobsbotschaft von toxischen Bankpapieren und klaffenden Haushaltslöchern, von bestochenen Politikern und tödlich verunglückten Busreisegruppen, von sensationellen Erdbeben, Orkanen und Tsunamis wäre gar kein Tag. Was früher drohender Atomkrieg und Waldsterben waren, sind heute Klimakollaps oder Schweinegrippe. Die Lust am Gefühl, nahe am Abgrund zu stehen, sucht sich andere Anlässe, bleibt aber dieselbe. Lust auf Katastrophe, Spaß am derben Reiz, die Verführungen des Alamismus.
Kathrin Röggla wurde 1971 in Salzburg geboren und lebt seit 1996 in Berlin. Sie erhielt 2001 den Sacher-Masoch-Preis, den Italo-Svevo-Preis und 2004 den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch. Röggla verfasst auch Theaterstücke und Hörspiele. Zuletzt erschienen von ihr "tokio, rückwartstagebuch".
In Kathrin Rögglas ursprünglich als Hörspiel-Drehbuch entworfenen sieben Kurzgeschichten gehen die Katastrophen jedes Mal andere Wege zum immergleichen Ziel. Meist in zumindest nachgestellter, Radio-kompatibler Dialogform, als atemlose Rollenprosa mit knappen dramaturgischen Anweisungen ("danach, an der frischen luft") oder Zeitangaben ("jetzt"), und immer in konsequenter Kleinschreibweise entwirft die experimentierfreudige Autorin Szenen, die vollkommen überspitzt wirken, aber irritierend vorstellbar sind.
Desastertouristen bleiben nicht mehr cool
In "Die Zuseher" sitzen sogenannte Desastertouristen beisammen, bis sie von der rundherum herrschenden Hysterie selbst angesteckt werden. In "Die Ansprechbare" ist der Dialog ein Monolog am Sorgentelefon, in dem sich die Angst vor sich selbst fürchtet. "All die BSE-Hysterien, Asbestängste, Handystrahlenfurcht, Alzheimerahnungen, Vogelgrippemahnungen", legt Kathrin Röggla ihrer namenlosen Nichtheldin in den Mund - alles habe sie getreulich geglaubt und willig weitergegeben. Aber nun habe der ständige Alarm zur Folge, "dass niemand mir mehr zuhört". Zu viele Informationen, zu viel Abwechslung, zu viel Spektakel an der Weltuntergangsfront.
Bombardiert von Nachrichten, nach denen sich niemand mehr richten kann, stecken Rögglas seltsam körperlosen Helden in einem Kleinbuchstabenbrei aus Selbstgesprächen fest. Die Informationsgesellschaft meldet Insolvenz an, weil alle Informationen nichts mehr bedeuten, wo schon "Starkregen" das Leben bedroht und Computerviren die Existenz. Der Mensch steht bei Kathrin Röggla am Ende klein und staunend mitten auf der Autobahn. Allzeit alarmbereit und auf jähe Wendungen eingestellt. Und zudem unglaublich routiniert überhaupt nicht überrascht, wenn der Ausnahmezustand wieder einmal ausbleibt.
Kathrin Röggla: "Die Alarmbereiten", Fischer, 189 SEiten, 19,50 Euro
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