Benjamin Steins Roman "Die Leinwand" ist ein stiller Reißer, ein stiller Hinein- und Herunterreißer. Im Zentrum stehen die Sätze "Ich bin, woran ich mich erinnere. Etwas anderes habe ich nicht". In ihrer Harmlosigkeit verbirgt sich einige Heimtücke. Man hat ja auch einen Pass oder eine Wohnungseinrichtung. Deren Aussagekraft erweist sich im Laufe der Geschichte beziehungsweise der Geschichten jedoch als völlig unsolide. Und die Erinnerung ist das Unsolideste von allen.
"Die Leinwand" ist ein Wendebuch, das man von zwei Seiten lesen kann. Wer mag, dreht nach jedem Kapitel um. Reizvoller ist es, sich zweimal bis zur Mitte vorzunagen. Zwei Ich-Erzähler berichten aus ihrem Leben.
Amnon Zichroni wird in Jerusalem streng orthodox erzogen und nach einem Skandal - ein Lehrer erwischt ihn mit einem weltlichen Buch - nach Zürich verschickt. Bei dem Buch handelte es sich um Oscar Wildes "Dorian Gray", jener junge Mann, dem es zu einem hohen Preis gelingt, die dunkle Seite seiner Biografie auf sein Porträt, also eine "Leinwand", auszulagern. "Was einen Menschen ausmacht, steht ihm nicht im Gesicht geschrieben", stellt Zichroni fest, sein sechster Sinn für die Erinnerungen anderer prädestiniert ihn also für seine Karriere als Psychoanalytiker.
So lernt er Minsky kennen, ein offenbar traumatisiertes Holocaust-Opfer. Als dieser später mit einem Buch über seine KZ-Erlebnisse Furore macht, weist ihm ein Journalist und Schriftsteller nach, dass er gar kein Jude ist und seine Biografie gefälscht. Stein lehnt sich hier, wie es eines Spiegelkabinetts würdig ist, an die Geschichte Binjamin Wilkomirskis an, dessen offenkundig gefälschten Memoiren Mitte der 90er Jahre ein gewisses Aufsehen erregten - inklusive der faktisch bizarren, literarisch berechtigten Frage, ob gefälschte Erinnerungen an den Holocaust verwerflich sein müssen. Benjamin Stein enthält sich jeder Wertung. Ihn interessiert die für den Leser spannende, für den Betroffenen katastrophale Unsicherheit, welche Identität nun die richtige ist.
Von der anderen Seite aus erzählt Jan Wechsler, ein Mann mit einem wahrlich sprechenden Namen. Wer mit der Zichroni-Seite begonnen hat, weiß, dass der Minsky-Entlarver so heißt. Wechsler hingegen weiß von nichts. Bereits auf den ersten Seiten wird ihm ein verloren gegangener Koffer angeliefert, von dem er ebenfalls nichts weiß, der jedoch ihm zu gehören scheint.
Wechsler, Familienmensch und ebenfalls orthodox lebend - eine aus unorthodoxer Sicht exotische, für den Autor selbstverständliche Komponente, die sich durch den gesamten Roman zieht -, geht seltsam ruhig mit der Möglichkeit um, ein anderer zu sein. Das ist sicher kein Unvermögen Steins, der sich in seinem zweiten Roman (der erste erschien 1995) vielmehr als souveräner Erzähltonfinder und Konstrukteur erweist. Eher weiß Wechsler mehr, als seine Erinnerungen wahr haben wollen. Auf die verlässt er sich aber, wie Minsky es tat, und wird nun seinerseits zum Lügner. "Ich hasse es, überprüft zu werden", erklärt Wechsler mit Blick auf Fahrscheinkontrollen und ist sich des Umfangs seiner Aussage gewiss nicht bewusst.
Ironischerweise scheint sich seine falsche Lebensgeschichte - die er laut Zichroni wiederum seinem eigenen, Wechslers, Roman entnimmt - ein wenig an Steins eigene Biografie anzulehnen, der (unter einem anderen Namen) 1970 in Ostberlin geboren wurde und in der dortigen jüdischen Gemeinde aufwuchs. Heute wohnt er in München und arbeitet auch journalistisch. Als Wechsler der grausige Gedanke überkommt, er könne eine Romanfigur sein (was er ja beileibe ist), erschreckt ihn vor allem, dass der Autor mit ihm, der Figur, machen kann, was er will. In der Tat.
Nicht nur der effektvolle Ausgang, in dem psychische Probleme sich ins Justiziable entwickeln, könnte ebenso von Leo Perutz stammen. Mit dem deutschsprachigen jüdischen Prager und auch dessen älteren Kollegen Gustav Meyrink hat Stein den Sinn fürs Unheimliche und Bizarre gemeinsam, das sich nur einen Schritt ab vom vertrauten Leben auftut und den unglücklichen Menschen zum Spielzeug macht. Was jener aber als Eingreifen dunkler Mächte empfindet - Wechsler spricht von einem gegen ihn gerichteten "Plot" -, steckt allein in ihm selbst. Beziehungsweise im Autor, der ihm das antut.
Der wiederum muss als Alleinherrscher des Romans nichts weiter begründen. So entsteht bei Perutz und nun auch bei Stein jene unsinnige Zwangsläufigkeit, die außerhalb der Literatur Alpträumen inne ist. Das erschreckt die Leser, aber es unterhält sie auch.