kalaydo.de Anzeigen

Berlins Technoszene: Zeitverschwendung im großen Stil

"Lost and Sound": Tobias Rapp liefert eine Momentaufnahme der Welttechnohauptstadt Berlin. Von Stephan Loichinger

Gern hat der Raver ein wenig Schaum dabei.
Gern hat der Raver ein wenig Schaum dabei.
Foto: ddp

Tobias Rapps "Lost and Sound" handelt viel von Zeitverschwendung im großen Stil und von den mentalen und geschäftlichen Strukturen, die sich in Berlins Technoszene aufgebaut haben. Das Buch beginnt mit der Schilderung einer Party im Club Watergate, hunderte Besucher harren bis zum Morgen aus - an einem Mittwoch. Solchen Zuspruch mitten in der Woche gibt es in Berlin eher als andernorts: Die Stadt ist groß und noch immer vergleichsweise billig, viele leben von wenig Geld, viele von ihnen sind nachtaktiv.

Für die halbe Erdbevölkerung im tanzfähigen Alter ist Berlin die Welttechnohauptstadt. Zwar ist die Love Parade Vergangenheit, dafür zogen aber DJs und Techno-Produzenten aus aller Welt nach Berlin; am Spree-Ufer schossen Techno-Clubs aus dem Boden. Rapp misst diese neue "Clubmeile" fast staunend nach. Hierher gehen längst nicht nur Berliner. Wie der Autor aus vielen Stunden an Bars, auf Tanzflächen und in Warteschlangen vor den Türstehern weiß, kommen die Gäste aus aller Welt, mindestens aber aus ganz Europa. Der "Easyjetset" eben.

Tobias Rapp

Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset. Suhrkamp Verlag 2009, 268 Seiten 8,50 Euro

Je weiter das Buch in der Feierwoche voranschreitet, je seltsamer es nicht techno-affinen Lesern vorkommen muss, dass die Raver nicht Samstagmorgen oder Sonntagnachmittag, sondern oft erst Montagabend nach Hause gehen, desto mehr gerät Rapp dieser Easyjetset, den sein Buch immerhin im Untertitel trägt, aber aus dem Blickfeld. Das Buch verliert sich wie ein Feiernder auf einer Afterhour im Gestrüpp der Bekanntschaften, die er im Lauf der Stunden und im Rausch gemacht hat.

Selbst wenn Rapp auch seine persönliche Feiergeschichte erzählen will, hätte man sich doch mehr Tiefgang gewünscht. Zu oft bleibt "Lost and Sound" nur eine Momentaufnahme der Technoszene "im Berlin der nuller Jahre", wie Rapp wieder und wieder formuliert. Einmal trifft Rapp die junge Anna aus Dänemark. Sie sei neugierig auf Berlin. Andere erzählen Rapp, dass es sich in Berlin anders feiern lasse als anderswo. Aber was bedeutet es, dass Menschen so weit anreisen, um sich stundenlang im Basshagel zu verlieren und erschöpft heimzufahren?

Techno ist das Endlose, das Willenlose, das gemeinsame Genießen flüchtigen Glücks. Techno in seiner populären, diskokompatiblen Prägung funktioniert so gut, weil es keine Botschaft hat und nur ein Ziel: Menschen zum Tanzen zu bringen. Es ist die einfachste Musik der Welt.

Rapps Schlusssequenz, wie wieder mal mittwochs im Watergate die Sonne aufgeht und er "Alles ist gut" denkt, ist kraftlos. Er schiebt noch "eine kleine Geschichte des Berliner Sounds der nuller Jahre" nach. Das wirkt ebenso unmotiviert wie die Interviews mit der ravenden Mutter und ihrer enthaltsamen Tochter und die Kapitel über den Miterfinder der erfolgreichen Produzenten-Software Ableton Live, das Innervisions-Label und den Musiker Efdemin beim Sonar-Festival in Barcelona. Das Buch franst aus.

Beim Thema bleibt "Lost and Sound", wenn Rapp beschreibt, welche ökonomischen Strukturen der Techno-Tourismus ausgebildet hat. Das "Techno-Hostel", dessen Betreiber sich auf den Easyjetset spezialisiert hat und zu dem auch ein Plattenladen gehört, ließ die Zahl günstiger Übernachtungsmöglichkeiten in Berlin sprunghaft ansteigen. Und der neben dem Berghain berühmteste Club der Welttechnohauptstadt, die Bar 25, ist mehr als ein Club, der Donnerstagabends auf- und dienstags wieder zumacht: Zur Bar 25 gehören ein Kino, ein Restaurant und ein Hotelbetrieb. In bester Hippiemanier leben die Betreiber auf dem Gelände und re-investieren den Gewinn in den Betrieb. "Wir leisten uns den Müßiggang", sagt einer von ihnen. Darum geht es hier.

Autor:  STEPHAN LOICHINGER
Datum:  26 | 5 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.