Literatur

06. November 2012

Bertolt Brecht: Neues zum alten Brecht

 Von Dirk Pilz
Ständiges Gerangel: Bertolt Brecht und Helene Weigel (1954). Foto: Horst Sturm, Bundesarchiv, Bild 183-24300-0049 / CC-BY-SA

Neues von Bertolt Brecht: Der Briefwechsel mit Helene Weigel und eine Biografie von Jan Knopf. Wer immer meinte, die Brecht-Weigel-Ehe folgte einem einfachen Muster, sieht sich aufs Schönste getäuscht.

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Neues von Bertolt Brecht: Der Briefwechsel mit Helene Weigel und eine Biografie von Jan Knopf. Wer immer meinte, die Brecht-Weigel-Ehe folgte einem einfachen Muster, sieht sich aufs Schönste getäuscht.

Das ist doch seltsam. Da hat sich ein Mann lebenslang dem Leben eines anderen Mannes gewidmet, hat seine Schriften herausgegeben, den Lesern ein so hilf- wie kenntnisreiches Lexikon übergeben und nach einer ersten, vor zwölf Jahren erschienen Biografie sich nun aufgerafft, noch einmal auf gut 550 Seiten zusammenzufassen, was vom Leben, Wirken und Schaffen dieses Mannes zu halten ist.

Und was muss man lesen? Von „sensationellen Erfolgen“ eines „Weltstars“, von einem „Genie“, der wie niemand sonst die „vorgegebenen ästhetischen und gesellschaftlichen Rahmen sprengte“, der gänzlich neue Genres schuf, die „der Literaturwissenschaft bis heute nicht bekannt sind“ und Theaterstücke ersann, die „keinerlei Nachfolge“ gefunden haben, aber „die Welt eroberten“. Als wäre die Kunst für derlei Eroberungsabsichten erfunden worden, was wiederum wirkt, als müsse der eine den anderen verteidigen, indem er ihn ins Unangreifbar-Hohe hinaufhimmelt. Das ist doch seltsam. Man meinte, derlei hemmungslose Himmelei hätten beide nicht nötig.

Jan Knopf hat eine Biografie über Bertolt Brecht verfertigt. Es ist ein lehrreiches Buch. Man lernt viel über Brecht und die „Lebenskunst in finsteren Zeiten“, über das Theater, die Frauen, den Nationalsozialismus, die Automobilindustrie, den Marxismus und das Pressewesen, auch über Jan Knopf selbst. Wer jedoch bislang nicht die Zeit fand, alle 30 Bände der Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Brecht-Ausgabe und wenigstens die wichtigste Sekundärliteratur zu lesen, wird womöglich den Überblick verlieren. Knopf erzählt zwar halbwegs chronologisch und manchmal auch schön anschaulich, was sich zutrug im Leben von Eugen Berthold Friedrich Brecht zwischen seiner Geburt 1898 in Augsburg und seinem Tod 1956 in Ost-Berlin. Aber es gibt dieses Buch offenbar vor allem deshalb, weil Knopf erstens sein wirklich beeindruckendes Wissen gebündelt der Welt überreichen und zweitens ein paar Dinge über Brecht unmissverständlich geklärt sehen möchte, wobei natürlich das Eine mit dem Anderen zusammenhängt.

Kleinstteilige Detailkenntnis

Den immensen Wissensumfang, von dem diese Biografie lebt, und die Lücken oder Irrtümer vermögen ohnehin einzig Knopfs Mitherausgeber der Werkausgabe, also seine Forscherkollegen und -konkurrenten Werner Hecht, Klaus-Detlef Müller und Werner Mittenzwei einzuschätzen. Es gefällt Knopf jedenfalls, immer wieder mit kleinstteiliger Detailkenntnis aufzutrumpfen, von den Umständen der Geburt (eine Hausgeburt) über die Semesterwochenstunden des in München begonnenen Medizinstudiums (24) bis zur Verletzung, die er sich beim Autounfall mit seinem Steyr 1929 zuzog (Bruch der Kniescheibe)und der Preissumme, die er 1955 für den Stalin-Friedenspreis in Moskau erhielt (160.000 Rubel).

Das alles scheint aber nur aufgehäuft, um Brecht nach allen Seiten hin zu verteidigen. Gegen Johannes R. Becher, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine Sprache verwendete, „die der der Nazis sehr nahe kam“. Gegen Adorno, der einem „reaktionären Verständnis von Lyrik“ aufsaß. Gegen Elias Canetti und dessen „konservativer Technikfeindlichkeit“. Gegen Walter Benjamin, der Brechts Witz nicht verstand. Auch gegen die Frauen Brechts, die an und unter ihm litten. Er war eben einer, stellt Knopf fest, der Beziehungskonflikten lieber aus dem Weg ging, „also kniff“. Aber man muss es verstehen: Alles steht im Dienste der Kunst, dem Werk, der Nachwelt.

Das Seltsame dieser Biografie ist dieser historisierende Glorienstaub, der dem Leser ins Hirn gepustet werden soll. Nichts liest man hier über den Brecht der Gegenwart, nichts über das heutige Theater, nichts Erhellendes über die widersprüchlichen Schulen, die er begründete. Es ist ein glatter Großbrecht, der einem entgegentritt. Dieses Buch verzichtet nicht nur auf Quellenangaben zu den Zitaten, sondern auch auf kritische Distanznahme zu seinem Gegenstand. „Die Widersprüche sind die Hoffnungen“, hat Brecht geschrieben. Jan Knopf teilt sie nicht; er hebt fast alle Widersprüche in Leben und Werk Brechts auf. Dort, wo sie besonders hervortreten, beim Brecht in der jungen DDR etwa, ist seine Biografie auffallend mundfaul, ungenau.

Bitte kaufen!

Je genauer man hinschaut, desto komplizierter wird es. Das lässt sich hervorragend anhand der Briefe zwischen Brecht und Helene Weigel studieren, die erst kürzlich aufgetaucht sind und im Berliner Ensemble von Herausgeber Erdmut Wizisla vorgestellt werden. Wer immer meinte, die Brecht-Weigel-Ehe folgte einem einfachen Muster (er der Ehebrecher, sie die treue Mutter), sieht sich aufs Schönste getäuscht. Man findet zwar auch hier den herablassend herrischen Brecht; 1931 schreibt er − mit der ihm eigenen Orthografie − nach einem Treffen mit Kurt Weill: „Liebe Helli, Weill hat einen schönen Rasierapparat Schick (Repeating Razor) von Scherk (Kurfürstendamm neben Rosenheim!) Bitte kauf ihn mir! Wetter jetzt gut.“ Wenige Jahre zuvor lässt er sie jedoch wissen: „Wenn ich 2 Selbste hätte würde ich eines ermorden.“

Es scheint ein ständiges Gerangel zwischen Beiden geherrscht zu haben. Helene Weigel richtet die Berliner Wohnung ein, und er dekretiert: „Der Sessel mus aber schwarz, genauer gesagt: grün sein, darauf bestehe ich.“ Solchen Anweiserton ließ sie sich immer weniger gefallen. Ihre Briefe aus den ersten Jahren des neuen Berliner Ensembles sind voller „Anmerkungen“, Bitten und Klarstellungen. Sie schrieben sich ja auch dann, wenn sie in derselben Stadt waren. Am 1. Januar 1933 übermittelte Brecht an Weigel, offenbar nach einem Streit: „Ich schreibe statt zu sprechen, weil das leichter ist, gegen das Sprechen habe ich eine solche Abneigung, das ist immer ein Kämpfen.“ Bis zum Schluss. Der letzte Brief des Bandes stammt vom 22. Juni 1956, am 14. August des Jahres ist er gestorben. Seine letzten Worte waren: „Lasst mich in Ruhe!“

Buchpremiere Briefwechsel Brecht/Weigel, Berliner Ensemble, 7.11.2012, 20 Uhr.

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