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Literatur

01. Juli 2015

Bibel: Wozu gibt es das Alte Testament?

 Von Dirk Pilz
Gott ist auf diesem Deckenbild aus der Kirche "Unser lieben Frauen auf dem Berge" in Penig, Sachsen, fleißig mit der Erschaffung der Welt befasst.  Foto: © epd-bild / Rainer Oettel

Sollte das Alte Testament aus dem biblischen Kanon verschwinden? Der Berliner Theologe Notger Slenczka hat einen heftigen Bibel-Streit in Gang gesetzt. Seine Thesen, nicht neu, aber neu diskutiert, sind eine Provokation.

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Es gibt in den Wissenschaften Fragen, die immer wieder diskutiert werden, obwohl sie als längst entschieden gelten. Sie sind es offenbar nicht. Eine der heikelsten dieser Fragen lautet: Wozu braucht das Christentum ein Altes Testament? Bereits Marcion von Sinope hat in der Mitte des zweiten Jahrhunderts darauf gedrungen, dieses Alte Testament aus der christlichen Bibel zu verbannen. Er trennte dabei scharf zwischen einem angeblich dunklen, zürnenden Gott des Alten und einem Erlösergott im Neuen Testament.

Diese grob dualistische Lehre wurde von der Alten Kirche jedoch abgelehnt und Marcion aus der Gemeinde von Rom ausgeschlossen. Er gründete eine Gegenkirche, die bis ins 5. Jahrhundert Anhänger fand.

In der Kirche setzte sich dagegen die Lehre durch, dass der heilsgeschichtliche Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament, Judentum und Christentum nicht zerschnitten werden dürfe; andernfalls verliere das Christentum seine Wurzel.

Jesus, der Held des Neuen Testaments, war Jude – das sollte nicht in Vergessenheit geraten. Zugleich verstand sich die Kirche jedoch als „neuer Bund“ und sah im Christentum damit letztlich eine Überbietung des Judentums.

Bloß eine „Vorgeschichte“ des Christentums?

Hier setzte der berühmte Berliner Theologie Adolf von Harnack mit seinem Marcion-Buch von 1921 ein. Er behauptete, das Alte Testament weiter zum Kanon der Bibel zu rechnen, führe zu einer „religiösen und kirchlichen Lähmung“. Denn das Alte Testament behandle eine „Vorgeschichte“ des Christentums, die „Eigenart und Würde der christlichen Religion“ komme in ihm nicht zur Geltung.

Diese These galt spätestens seit den Arbeiten des in Berlin geborenen Alttestamentlers Rudolf Smend im Grunde als überholt – Smend betonte, dass die Bibel und mit ihr Gott zu einer „gefährlichen Harmlosigkeit“ werde, nehme man ihr die Vielgestaltigkeit, auch die Fremdheit, die aus beiden Testamenten spreche: Judentum und Christentum stehen nicht gegeneinander, sondern erzählen in verschiedener Weise von einem gemeinsamen Gott.

Bereits vor zwei Jahren erschien im „Marburger Jahrbuch Theologie“ aber der Aufsatz „Die Kirche und das Alte Testament“ des Berliner Theologen Notger Slenczka. Seine zugespitzte, an Harnack orientierte These: Im Alten Testament drücke sich nicht das „fromme Selbstbewusstsein“ des christlichen Glaubens aus. Es sei vielmehr die „Identität stiftende Urkunde einer anderen Religionsgemeinschaft“, eben ein dem Christentum gegenüber „abständiges“ Judentum. Slenczka empfiehlt deshalb, das Alte Testament aus dem biblischen Kanon herauszunehmen, auch um zu verhindern, dass es weiterhin von der christlichen Theologie vereinnahmt wird.

Zur Sache

Notger Slenczka, geboren 1960, studierte Evangelische Theologie in Tübingen, München und Göttingen. Seit 2006 ist er an Humboldt Universität Professor für Systematische Theologie.

Der umstrittene Aufsatz „Die Kirche und das Alte Testament“ ist veröffentlicht in: Elisabeth Schmidt-Gräb, Reiner Preul: Das Alte Testament in der Theologie. Marburger Jahrbuch Theologie XXV. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2013, 193 S., 24 Euro. Zu finden ist er auch auf der Webseite Notger Slenczkas. Hier sind zudem weitere Texte Slenczkas zum Thema versammelt.

David Nirenberg: Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens. Aus dem Englischen von Martin Richter. C.H. Beck, München 2015. 587 S., 39,95 Euro.

Natürlich weiß Slenczka, dass sein Vorschlag eine Provokation ist, besonders hinsichtlich des jüdisch-christlichen Dialogs. Vom Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit wurde sein Aufsatz zwar mit einiger Verspätung, jetzt aber umso heftiger kritisiert. Fünf Kollegen Slenczkas an der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität distanzierten sich daraufhin öffentlich von seinen Thesen – die fakultätsinternen Gräben sind tief.

Aber Slenczka weist auch darauf hin, dass die Kirche „faktisch“ mit den Texten des Alten Testaments „fremdele“, das zeige ihr gottesdienstlicher Umgang mit ihm. Es scheint also ganz so, dass gerade die Kirche selbst ihr Verhältnis zum Judentum nicht als geklärt betrachten kann.

Überhaupt tauchen hier weitere Fragen auf, die es zu diskutieren gilt. Stimmt Harnacks Grundannahme, dass sich jede Idee, auch eine religiöse, im Laufe der Geschichte erst entfaltet und entsprechend verändert? Harnack und mit ihm Slenczka sagen, im 2. Jahrhundert n. Chr. sei es ein Fehler gewesen, die Einheit von Altem und Neuem Testament auflösen zu wollen, heute dagegen entspreche diese Auflösung dem Stand des christlichen Selbstbewusstseins.

Aber ist es nicht gerade umgekehrt? Zu Beginn des Christentums lag die Idee einer Trennung von Altem und Neuem Testament womöglich nahe, um das Neue des Christentum hervorzuheben, heute dagegen entspricht es gerade einem theologisch aufgeklärten Bewusstsein, die dichten Verbindungen von Judentum und Christentum anzuerkennen – und es ist Aufgabe der Kirchen, das auch faktisch zur Geltung zu bringen.

Für den Umgang mit der Bibel ist damit weder die historisch-kritische noch die religionsgeschichtliche Perspektive die einzig mögliche. Vielmehr scheinen beide an der Sache des Glaubens vorbeizuführen, weil die Bibel nicht Historie referiert, sondern Geschichten der Gottesbegegnung erzählt.

Ist es so, bedeutet der zentrale biblische Hinweis darauf, man könne Gott nicht von „Angesicht zu Angesicht“ sehen, dass dieser Gott gerade nicht aus einer Perspektive, nicht allein vom Neuen Testament aus zu erfassen ist: Das Alte Testament erzählt andere Geschichten desselben Gottes. Tilgt man diese Andersartigkeit, verliert das Christentum seinen Gott an eine falsche Eindeutigkeit – und gerät damit einmal mehr in das Fahrwasser des Antijudaismus.

Dessen tiefreichende Wirkung rekonstruiert der Chicagoer Historiker David Nirenberg in einer lesenswerten Grundlagenstudie. Es ist ein Buch, das diesen Antijudaismus nicht als „archaische oder irrationale Kammer im weiten Gebäude des westlichen Denkens“ ausmacht, sondern als „grundlegendes Werkzeugs beim Bau dieses Gebäudes“ selbst. Bei allen Debatten um Altes und Neues Testament, Judentum und Christentum, auch um die Religion überhaupt sollte dieses Buch künftig mitdiskutiert werden.

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