kalaydo.de Anzeigen

Bob Dylan: Die erste Muse des Folk-Heroen

Als Suze Rotolo Bob Dylans Mädchen wurde, war sie 17. Nun, fast 50 Jahre später hat sie die Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit im Künstlerviertel Greenwich Village veröffentlicht. Von Harry Nutt

Liebespaar: Suze Rotolo gemeinsam mit Bob Dylan.
Liebespaar: Suze Rotolo gemeinsam mit Bob Dylan.
Foto: Parthas Verlag

Sie schmiegt sich an ihn, halb Wärme suchen, halb gebend. Er trägt ein dünnes Jäckchen und friert. In den Straßen von Greenwich Village liegt Schnee. Es ist Winter 1963 in New York. Der frierende Junge ist Bob Dylan. In James-Dean-Pose wandelt er auf dem Boulevard of Broken Dreams, nur nicht so einsam wie der früh Verunglückte. Die Frau an seiner Seite ist Susan "Suze" Rotolo, die erste Muse des Folk-Heroen, der sehr genau weiß, wie imagefördernd juvenile Zerbrechlichkeit sein kann. Den Dresscode zur kühlen Witterung hatte er zuvor vorm Spiegel einstudiert. "Come in she said, I´ll give you shelter from the storm."

Als die beiden einander begegnen ist Bob 20, Suze 17. Sie hat ihn ein paar Mal auf der Bühne gesehen, im Gerde´s, einem der später legendären New Yorker Folkclubs, wo Dylan zunächst Mundharmonika neben anderen spielte und bald solo auftrat.

Das Buch

Suze Rotolo: Als sich die Zeiten zu ändern begannen. Erinnerungen an Greenwich Village. Aus dem Englischen von Paul Lukas. Parthas 2010, 376 Seiten, 24 Euro.

"Als die Zeiten sich zu ändern begannen" heißt die Chronik der frühen Jahre, die Suze Rotolo fast 50 Jahre später zu Papier gebracht hat, wohl auch, um ihre eigene Geschichte vor der erdrückenden Legende zu retten. Gut drei Jahre lebte sie mit dem nervösen Poeten zusammen. Für Susan Rotolo war es überfällig, endlich aus dem berühmten Freewheelin´-Cover herauszutreten.

Das kleine Glück dieser Erinnerungen besteht in der Weigerung Rotolos, nachträgliche Intimität zu verheißen. Die Gewissheit, dabei gewesen zu sein, als alles begann, hat sie davor bewahrt, dylanologisches Futter zu liefern. Wer in welcher Liedzeile gemeint sein könnte und warum, hat Rotolo kaum interessiert. Es ist vielmehr ein aufrichtiges Erinnerungsbuch über das New Yorker Künstlerviertel Greenwich Village dabei herausgekommen, wo die Mieten billig und die Klubs lange geöffnet waren. Dylan und Rotolo bevölkerten dieses Boheme-Quartier mehr als dass sie es dominierten. Aber wenn man sich Fotos ansieht, die der spätere Starfototgraf Richard Avedon von Bob Dylan zwischen 1962 und 1965 gemacht hat, dann wird spürbar, wie rasend sich der Zeitgeist entwickelte. The slow one now will later be fast.

Suze Rotolos Greenwich-Porträt ist dagegen ein Entschleunigungsprogramm, in das sie souverän ihre eigene Geschichte einträgt. Als Tochter italienischer Einwanderer und Kommunisten befindet sich ihre Familie in der McCarthy-Ära in einer Außenseiterrolle. Ihr Vater war Gewerkschaftsfunktionär und arbeitete als Illustrator, sie wuchs politisch vor Bildungshorizont auf. Als die Siebzehnjährige auf Dylan traf, war sie für ihn nicht nur als Frau attraktiv. Suze Rotolo zeigte ihm das Museum of Modern Art und sagte ihm, was er lesen solle. Der junge Dylan packte alles in den Ordner Inspirationsquelle. Trotz seiner albernen Attitüde war er ein ernster Angry young man.

Suze Rotolo schreibt, dass ihr das Buch sehr schwer gefallen ist, zu sehr lastete der Mythos auf dem gemeinsamen Lebensabschnitt. Außerdem ist sie, die heute als Künstlerin arbeitet, keine Schriftstellerin, die ihr Leben in einen Zeitroman verwandeln wollte. Die etwas holprige Dramaturgie des Textes und das erkennbare Bemühen, eine volkshochschultaugliche Version der Zeit zu präsentieren, die auf ´68 zulief, ist kein Nachteil für den Leser. Suze Rotolo schildert die Greenwich-Jahre als einen Karneval der Eitelkeiten und Namen. Heldenkult betreibt sie aber nicht, und der Rückblick auf ihre frühe und letztlich gescheiterte Liebe ist keine nachgetragene Abrechnung.

Von 1964 an entwickelte sich das Leben des Paars in verschiedenen Geschwindigkeiten. Dylan, der aus dem Nichts nach New York gekommen zu sein schien, drängte weiter. Lange vor Women´s Lib wollte Suze nicht das Püppchen an seiner Seite sein. Den ersten Krach hatte es gegeben, als sie durch Zufall seinen richtigen Namen erfuhr. Auf dem Nachhauseweg war ihm, auch das sagt viel über die frühen 60er, der Wehrpass aus der Jacke gefallen. Suze nannte ihn von da an RAZ, wenn sie ihn ärgern wollte: die Initialen seines vollständigen Namens, Robert Allen Zimmerman.

Freunde, Weggefährten und spätere Stars wie Woody Allen oder John Lee Hooker paradieren nahezu beiläufig durch dieses Buch, das ein Muss für Dylan-Fans und eine ergiebige Ergänzung zur New Yorker Kulturgeschichte der 60er Jahre ist. Zur Legende gehört auch, dass Dylan, der sich gern das Image des Waisen auf dem Weg von Nirgendwo nach Irgendwo gab, ganz artig seine Eltern aus Minnesota zum Konzert einlud. Suze verstand sich mit der Mutter prächtig, auch wenn diese den Jungen am liebsten darüber zur Rede gestellt hätte, wie es nun weitergehen soll in seinem Leben. Aber der Junge hörte schlecht zu in jener Zeit. Der Sound des anderen Amerika war einfach zu laut.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  25 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.