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Boxsport: Rockys Stilschule

In "Die artige Kunst" huldigt A.R. Liebling liebevoll-unsentimental der klassischen Ära des Boxsports. Liebling (1904-1963) war ein US-Journalist, der seit 1935 für den New Yorker schrieb. Von Yaak Karsunke

Rocky Marciano (rechts) im Ring am 30. Januar 1951.
Rocky Marciano (rechts) im Ring am 30. Januar 1951.
Foto: Getty Images

Zum Spannungsritual großer Boxveranstaltungen gehörte es früher, vor dem Hauptkampf im Publikum anwesende Prominente in den Ring zu bitten und den restlichen Zuschauern als zusätzliche Attraktion zu präsentieren. Diesem bewährten Brauch folgend, darf der Rezensent dem geneigten Leser an dieser Stelle den legendären A.J. Liebling vorstellen: Mr. Liebling (1904-1963) war ein amerikanischer Journalist, der nach Lehrjahren in der Tagespresse 1935 anfing, für den berühmten New Yorker zu schreiben. Schwerpunkt seiner Arbeiten war das "low life", also die Alltags- und Populärkultur in all ihren Erscheinungsformen.

Zu den Volksbelustigungen jener Tage gehörte auch das Berufsboxen, zu dem Liebling eine besondere Beziehung pflegte, seit er im zarten Alter von 13 Jahren von einem Onkel in die Anfangsgründe dieser eher unzarten Sportart eingeführt worden war, später stieg er als Amateur zuweilen auch selbst in den Ring. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er vom New Yorker als Korrespondent nach Europa geschickt, als er 1945 in die USA zurückkehrte, wandte er sich wieder seinen alten Themen zu.

Das Buch

A. J. Liebling: Die artige Kunst. Joe Louis, Rocky Marciano und die klassische Ära des amerikanischen Boxsports. Deutsch von Joachim Kalka. Berenberg Verlag, Berlin 2009, 168 Seiten, 24 Euro.

Im amerikanischen Profiboxen fand zu dieser Zeit ein Generationswechsel statt. Der seit 1937 als Weltmeister aller Klassen amtierende "Braune Bomber" Joe Louis und seine kurzfristigen Nachfolger Ezzard Charles und Jersey Joe Walcott beendeten ihre Karrieren mit Rocky Marciano bestieg dann noch einmal eine "Weiße Hoffnung" den Schwergewichtsthron. Zeitgleich begann das Fernsehen, das Boxen per Inflation zu ruinieren: Box-Shows erwiesen sich als ideale Möglichkeit, in den Kampfpausen Werbespots zu senden, wobei die Kämpfe selbst zunehmend von bestenfalls drittklassigen Haudraufs bestritten wurden.

Die spektakulären Kämpfe schildert Liebling genauso detailliert wie den Alltag der Trainingscamp; nicht nur die Boxer selbst, sondern auch ihre Manager, Trainer, Sparringspartner und Betreuer werden knapp und pointiert porträtiert. Die Zuschauer kommen mit ihren Zu- und Zwischenrufen zu Wort. Wie nebenbei entsteht so eine Art Kulturgeschichte des Boxsports, die über die unmittelbaren Schreibanlässe des Autors hinausreicht.

Stilistisch dem Niveau des New Yorker verpflichtet, bedient sich Liebling eines gepflegt ironischen (auch: selbstironischen) Tons und stellt dabei die eigene Bildung nicht unter den Scheffel. Archie Moore, der erst mit 36 Jahren Weltmeister im Halbschwergewicht geworden war, wird als ein "wie Stendhal und (Laurence) Sterne spät reifender Künstler" vorgestellt, seinen Kampf gegen Marciano für den Liebling sich Albert Camus als Berichterstatter gewünscht hätte beschreibt er selbst als Analogie zu Kapitän Ahabs Jagd auf den Weißen Wal Moby-Dick.

Eine historische Dimension gewinnt Liebling dadurch hinzu, dass er mehrfach den klassischen Pionier der Boxreportage zitiert. Der Engländer Pierce Egan, geboren vermutlich 1772 und mit Sicherheit 1849 verstorben, berichtete als Erster regelmäßig über die seinerzeit noch mit bloßen Fäusten und oft über Stunden ausgetragenen Kämpfe. Seine in einer farbigen und kraftvollen Sprache verfassten "Boxiana" gelten bis heute als wertvolle Quellentexte, für Liebling war er "der größte Schriftsteller der Boxgeschichte, der je gelebt hat".

Von Egan hat Liebling auch den Titel entlehnt, unter dem er seine Einzelreportagen 1956 in einem Sammelband veröffentlichte. Der Engländer hatte die rohen Prügeltechniken seiner Epoche zur Sweet Science geadelt, mit der unterschwelligen Ironie dieser Bezeichnung hat sich der Übersetzer Joachim Kalka offensichtlich schwergetan. Im Katalog war das Buch noch als "Die sanfte Kunst" angezeigt, erschienen ist es jetzt unter dem Titel "Die artige Kunst". Nun ist Übersetzen wie Boxen ja eine Wissenschaft für sich, Kalkas Versuche hingegen, den Boxjargon kunstvoll einzudeutschen, führen zu eher betrüblichen Ergebnissen. Das amerikanische "milling" etwa, für das selbst mein Langenscheidt von 1977 u.a. eine "Tracht Prügel" aufführt, ist mit "schlegeln" zumindest fachfremd übertragen. Der Übersetzer ist von diesem sprachlichen Missgriff aber so begeistert, dass er ihn auch noch zu "Schlegelbursch" (Mehrzahl: "Schlegelbursche") erweitert, womit nicht etwa eine schwäbische Brauchtumsgruppe gemeint ist, sondern die Heroen der Ringschlachten.

Den locker-launigen Grundton Lieblings trifft Kalka dagegen angemessen leicht. Dass bei den durchschnittlichen Zuschauern "eine Beziehung zwischen ihrem Wahrnehmungsvermögen und den von ihnen abgeschlossenen Wetten zu bestehen" scheint, liest man mit ebensoviel Vergnügen wie man Don Cockell, dem Schwergewichts-Champion des British Empire begegnet, jenem "dicken Mann, dessen Begabung für öffentliche Leidenswege sich die Sympathie eines sentimentalen Volkes erobert hat". Abbott Joseph Liebling selbst war unbestechlich und unsentimental.

Autor:  Yaak Karsunke
Datum:  8 | 7 | 2009
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