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Briefwechsel Johnson/Enzensberger: Der Hellwache und der Redliche

Es sind Briefe aus einer vergangenen Zeit - 1959 beginnen Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger, sich Briefe zu schreiben. Eine ganze Epoche spiegelt sich darin. Von Oliver Vogel

In den schönen Sixties in Berlin: Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Neuss, Uwe Johnson und Günter Grass (von li. nach re.).
In den schönen Sixties in Berlin: Hans Magnus Enzensberger, Wolfgang Neuss, Uwe Johnson und Günter Grass (von li. nach re.).
Foto: Maria Rama, Akad. d. Künste/ Grass-Archiv

Als Stunde Null der deutschen Nachkriegsliteratur gilt 1959. Thomas und Heinrich Mann, Döblin, Brecht und Benn lebten nicht mehr. Im März des Jahres starb Peter Suhrkamp, 1960 Ernst Rowohlt. Neue, junge Autoren traten an und beherrschten die zehn Jahre bis 1968 und darüber hinaus. 1959 erschienen "Die Blechtrommel" von Günter Grass, Paul Celans "Sprachgitter", Heinrich Bölls "Billard um halbzehn" und, mit den "Mutmassungen über Jakob", Uwe Johnsons Debüt. Und 1959 beginnen zwei der Protagonisten dieser Zeit, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger, sich Briefe zu schreiben, in denen sich eine ganze Epoche spiegelt.

"Sobald das gedruckt wird, gehst du in den Westen", sagten die Freunde im Osten, doch der Verfasser der "Mutmassungen" weigerte sich zunächst. "Er zog das Land D.D.R. vor. Er glaubte, es werde sich verändern, er wollte anwesend sein bei Veränderungen", schrieb Johnson und musste 1959 doch aus der DDR in die Bundesrepublik übersiedeln. Sein Buch erschien und wurde zunächst zögerlich aufgenommen.

Man wusste im Westen nicht genug über die DDR, um die zahlreichen Anspielungen zu verstehen; im Osten dagegen umso mehr, weshalb es dort nicht erschien. Stattdessen fand es entschiedene Gegner, die Johnson als "Hosenscheißer" (Der Sonntag) oder als "Floh" und "dumm" (Peter Hacks) bezeichneten. Johnson gab dann im Oktober auf der Elmau sein Debüt als Neuling der Gruppe 47, wo er zwar keinen eigenen Text vorlas, aber aus Anlass des Gedichts "Schaum" von Hans Magnus Enzensberger in ein langes Rededuell mit diesem eintrat. Diese Diskussion hielt den fünf Jahre älteren Enzensberger - dessen erster Gedichtband auch erst zwei Jahre zuvor erschienen war - nicht davon ab, eine hellsichtige Kritik über die "Mutmassungen" für die "Frankfurter Hefte" zu schreiben, die der Rezeption des Buches die entscheidende Wendung gab. Damit begann der Briefwechsel, der bis 1967 andauerte, in zunächst tastendem, zunehmend freundschaftlichem Ton, ein Briefwechsel allerdings, den Freundschaft zu nennen man zögert.

Schriftsteller sind, zumal in halbwegs privaten Briefen, keine Chronisten, und haben nicht die Aufgabe zu erfüllen, der Nachwelt die Zeit zu erzählen. Trotzdem kann man fragen, worum es in diesen 161 Briefen eigentlich geht. Denn die erste Hälfte der sechziger Jahre waren eine bewegte Zeit: Fidel Castro übernahm Kuba. Die SPD verfasste ihr Godesberger Programm. John F. Kennedy wurde Präsident und behauptete, er sei Berliner. Martin Luther King meinte, er habe einen Traum. "Die Vögel" und "Das Schweigen" kamen in die Kinos, die Berliner Mauer wurde gebaut, man überlebte die Kubakrise, die Beatles standen mit fünf Singles auf den ersten fünf Plätzen der US-amerikanischen Hitparade. Das gab es noch nie. Jean-Paul Sartre lehnte den Nobelpreis ab und Hans Magnus Enzensberger nahm den Büchner-Preis an.

Anlässe hätte es also gegeben, doch von den genannten findet sich in den Briefen keiner. Bis 1966 mäandern die Mitteilungen zwischen Notwendigkeiten und Nebensachen hin und her, es geht um einen Enzensbergerschen Hauskauf in Berlin, den Johnson vorantreibt, die Gründung einer internationalen Kulturzeitschrift, die aber nie zustande kommt, dafür gründet Enzensberger das "Kursbuch", das er zusammen mit Karl Markus Michel einige Jahre leitet.

Es wird berichtet von Alltagsbeobachtungen, Reisen auf dem Mittelmeer mit dem italienischen Verleger, viel Gegenwart und Kolorit, nur selten Persönliches. "Meine Mutter ist gestorben; Briefe kann ich nicht", schreibt Johnson aus gegebenem Anlass. Enzensberger antwortet: "deinen verlust kann ich nicht ermessen, denn meine eltern sind am leben." Die Trennung von seiner Frau vermeldet Enzensberger lakonisch und Monate zu spät mit dem auch für Johnson erratischen Satz: "ich lerne auch kochen."

Aber beide leuchtfeuern und leuchten und üben sich ein in literarischer Öffentlichkeit. Fingerübungen und Vergnügen bei scharfer Intelligenz. In alle Richtungen hellwach, listig und kompromissbereit der eine, eigensinnig, entschieden und redlich der andere. Ein bisschen unernst zuweilen und nicht ohne rhetorischen Aufwand Enzensberger, Johnson dagegen in grundlegender Ernsthaftigkeit, wenn er schon mal den Auftritt fürs nächste Buch probt. Letzterem ist dieser Briefwechsel offensichtlich wichtiger und er fordert "Mang" immer wieder und ohne Erfolg auf, häufiger zu schreiben.

So wird Verlässlichkeit zu einer Forderung, sich selbst wirft Johnson "Saumseligkeit", dem anderen "Faulheit" vor. Keine Ausrede habe er "angesichts der Ueberlegung, dass die Gesamtausgabe unseres Briefwechsels auf mindestens zwei Bände angelegt ist, und zwar im Dünndruck." Wie ernst das gemeint ist, bleibt offen, ganz ernst dagegen sind seine Forderungen nach einer Korrespondenz als "brutaler Verständigung", eine Formulierung, die den etwas zuspitzenden Titel dieser Sammlung abgibt, die Henning Marmulla und Claus Kröger herausgegeben und sehr informativ und zuverlässig kommentiert haben. Sie ist allerdings auf Papier normaler Stärke gedruckt.

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Autor:  Oliver Vogel
Datum:  25 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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