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Literatur

28. Dezember 2015

Brigitte Kronauer: Aus dem Leben sprechen

 Von Jürgen Verdofsky
Brigitte Kronauer in ihrer Hamburger Wohnung.  Foto: dpa

Brigitte Kronauer feiert ihren 75. Geburtstag und legt fabelhafte Essays zu Poesie und Natur vor.

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Es könnte ein Ruf bestätigt werden, dabei neigt Brigitte Kronauer dazu, ihn durchbrochen zu sehen. Die große Erzählerin schreibt essayistische Texte zur Poesie und Natur, als sollten sie bewältigen, was ihr neben dem epischen Werk aufliegt: Kühn-unverwüstliche Chronistin der unter Verwüstung leidenden Natur zu sein, und, gar nicht gegensätzlich, ein verfeinertes Bild ihrer Poetologie in aufsteigender Linie zu entwerfen.

Die zweibändige Ausgabe unter dem frugalen Titel „Natur und Poesie / Poesie und Natur“ birgt verstreute Texte, die nebeneinander kein geschlossenes Programm ergeben, aber in die Welt der Vorstellungen und damit auf einen anderen Wahrheitsgrund führen. Neben die Verlässlichkeit der Natur tritt literarische Erfahrung und Überlieferung. Vor der Natur beruhigt sich die existentielle Angst, vor der Poesie emanzipieren sich die entnervenden Kräfte des Zweifels.

Wer sich in die Literatur begibt, versucht, etwas über sich selbst in Erfahrung zu bringen. Mit Natur ist es nicht anders, auch nicht mit dem „Unterschied der Gegenden im Raume“ (Kant), denn „Landschaft ist nicht Natur“. Natur ist überall, Landschaft ist aber überall anders. Aber auch Landschaft ist für Kronauer konstitutiv: Hamburg, wie es nur eine Quiddje aus Essen sehen kann. Die Niederelbe. Das größte europäische Süßwasserwatt namens Mühlenberger Loch, vom Airbus-Werk bedrängt. Das Schnaakenmoor. Nicht zuletzt der von widerständigen Hamburgern gerettete Botanische Garten von Klein-Flottbek. Allein fünf Texte kreisen um Hamburgensien. Und schon öffnet sich der Roman „Teufelsbrück“ ganz neu.

Wie die Natur hat auch die Kunst ihre mythische Seite. In Kronauers Hörspiel „Herr Hagenbeck hirtet“ ist der Übergang vom religiösen Mythos zu den Tiermythen fließend. Die Geschöpfe auf dem spätgotischen Gemälde „Die Erschaffung der Tiere“ auf Meister Bertrams Grabower Altar sprechen Rollenprosa: „Wie wir hier drinnen, so sind auch die Tiere draußen, ob versteckt in der Restwildnis, ob ausgestellt in den Käfigen, aus Klugheit Rätsel geblieben.“ Im Nachwort zu Elias Canettis Sammlung „Über Tiere“ sieht Kronauer in einer tierlosen Umgebung „das Absterben zu einer Gesellschaft, die ihre Kindheit und Kindlichkeit unwiederbringlich verloren hat“.

Drei Kindheits-Schocks

In ihrem Schreiben gibt es immer wieder den Neuansatz im Wechsel von Poesie und Natur. Zwischen allen Zeilen wird Gefährdetes, wenn nicht schon Verlorenes sichtbar: „Natur, das große, empfindliche Wirkungsgewebe.“ Es zeigt sich eine stete „Trauer über das drohende Aussterben, … weil wir als eine Art Sündenfall vage spüren, dass eine magische Substanz aus unserer eigenen Biographie, die wichtigste wohl, die Kindheit nämlich, … Stück für Stück beseitigt wird“. Hier schreibt Kronauer über das Schmerzgedächtnis des Naturverlustes auf der Höhe des französischen Gedächtnisforschers Maurice Halbwachs (77-jährig im KZ Buchenwald 1945 elend gestorben). Die Verlust-Rahmung des Menschen sah er darin, „dass man im Schoß der Gesellschaft der Natur nachtrauert, darauf lässt sich im wesentlichen das Betrauern der Kindheit beim Erwachsenen zurückführen“.

Drei schockartige Ereignisse der Kindheit führen zu den Ansätzen einer Poetik. Als Dreijährige fällt Brigitte Kronauer in den Wolfgangsee, ertrinkt fast. Für die Vierjährige bebt die Erde beim Auftritt eiserner Ungeheuer, und keiner sagt, dass das die Panzer der amerikanischen Befreier sind. Als die Siebenjährige auf dem Bürgersteig wartet, stürzt der Aufbau eines Lastwagens auf sie. Keine größeren Verletzungen, aber wie in den beiden anderen Fällen eine neue Erfahrung: Die Darstellungen der Mutter übertrafen nicht nur das eigene Erleben, sie wichen auch erstaunlich davon ab.

Beim Zuhören fremden Erzählens, werden die Kniffe interessant, eine Geschichte, so klein auch immer, unterhaltsamer, spannender zu machen. Das lässt sich schriftlich üben und schon entstehen kleine Textchen. Am Gymnasium immer noch nicht aufgegeben, aber es kommen Zweifel. „Das, was sich die Leute … erzählen, hat Anfang und Ende, Höhepunkt und Pointe, das … ist das Herausputzen der Details zu Symptomen, das Herstellen einer Geschichte. Was dabei entsteht, ist nicht die Realität.“

Diese Grunderfahrung lässt sie von Anbeginn gegen jede Vereinfältigung der Weltwahrnehmung anschreiben, egal wer nach Realismus, Avantgardismus oder Authentizität ruft. „Die Gegenwart genügt nie, sagen wir: genügt nur in Ausnahmefällen“, so ein Kernsatz in „Zwei schwarze Jäger“, ihrem Roman ohnegleichen. In den drei Poetik-Dozenturen zu Wien, Tübingen und Zürich offenbart Kronauer, ganz anders als betriebsüblich, ihre Schreibstrategie in ganzer Dimension. Das können sich nur wenige leisten: so offen aufzutreten. Auf Bekenntnissatz folgt Verwerfungssatz. Wie nebenbei, leise, doch präzise zeigt sie sich mit diesen drei Konzentrationen in Wahrnehmung, Aneignungshaltung und Induktion, aber auch in Gewissheit und Zweifel. Zu dieser fortdauernden Selbstvergewisserung gehören der Avantgardismus, Politik oder „wirkliches Leben“ in der Literatur, die „Gewalt der Bilder“ und, schon als Themenstellung eine Paraphrase, „Vom Umgang mit der Natur und wie sie mit uns umspringt“.

Brigitte Kronauer schreibt in einer Genauigkeit des Sehens, die versucht, nichts außer Acht zu lassen. All ihr Beobachten, sei es als Wahrnehmung, als Denkleistung oder als Evokation, setzt ein mitwirkendes Unterscheiden voraus. Zu Bravourstücken werden die Zürcher Vorlesungen. Schon die Titelei bestimmt die Höhe: „Was ist schon ein Roman!“ Der Roman als wichtigste literarische Gattung wird geprüft an einer Reportage, einem Roman-Fragment und einem „Romanriesen“. Die Reportage als Vorform des Romans, wenn sie Effekt, Pointe, Fazit durch Sprachführung und Komposition überwindet. Niemandem ist das besser gelungen als Marie-Luise Scherer mit der „Hundegrenze“.

Auf das „Betrauern der Kindheit“ kommt Kronauer mit Wilhelm Raabes Roman-Fragment „Altershausen“ zurück. Es wächst als Fragment über sich hinaus, denn hier zeigt Medizinalrat Feyerabend schon das Signal der Moderne: „Haben Sie auch einmal nackt vor dem furchtbaren Geheimnis des Selbstbewusstseins gestanden?“ Mit Jean Pauls Romanriesen „Titan“ wird es dann fast unmöglich, alles zusammenzuhalten. Kronauer gerät in evokative Ekstase, ganz jugendlich auch bei allen Liebeswirren. Ein Pflichtstück für Jean-Paul-Leser.

Heute feiert Brigitte Kronauer ihren 75. Geburtstag. Und alle ihre Bücher sprechen aus dem Leben, sie steht mitten drin. Medizinalrat Feyerabend ist weit weg.

Brigitte Kronauer: Poesie und Natur / Natur und Poesie. Essays. Klett-Cotta, Stuttgart 2015. 2 Bände, zusammen 240 S., 29,95 Euro.

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