Literatur

14. Dezember 2012

Brüder Grimm: Die Märchen-Brüder

 Von Judith von Sternburg
Zeichnung nach einer Fotografie von 1847, die Jacob nicht leiden konnte. Wilhelm sitze „da im stul wie ein kranker und ich habe das ansehn eines herangerufenen Hausverwalters“. Foto: Imagop

Märchen über Märchen: Vor 200 Jahren erschien das berühmteste Werk von Jacob und Wilhelm Grimm. Zunächst verkauften sich die „Kinder- und Hausmärchen“ jedoch nur schleppend.

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„Ich will dich ja nimmermehr verlassen.“ Schwesterchen zu Brüderchen in „Brüderchen und Schwesterchen“

Hätten die Brüder Grimm einen Ratgeber für Geschwister geschrieben – hätten sie aber nie, schon aus Diskretion nicht –, wäre darin vermutlich von Nähe und Entfernung die Rede gewesen. Denn das meiste machten sie gemeinsam, aber nicht alles. Wilhelms Sohn Herman erinnerte sich später (berichtet Steffen Martus in seiner herausragenden Doppelbiografie): Der ältere, Jakob (1785-1863), der als zupackender galt, sei rasch spazieren gegangen, der jüngere, Wilhelm (1786-1859), der kränkelte und den bedächtigen Part übernahm, langsam. „Zusammen sind sie nie gegangen.“

Auch bei der Arbeit standen die Schreibtische zwar nah beieinander. Aber von den insgesamt mehr als 700 Veröffentlichungen erschienen nur zwanzig als Gemeinschaftsproduktionen. Dass die populärsten Werke, die „Kinder- und Hausmärchen“ und das „Deutsche Wörterbuch“, darunter waren, machte sie dennoch als Paar zur Marke, so sehr, dass sie bisweilen die Gebrüder Grimm genannt werden. Als wären sie eine Firma.

Jacob, der Schnellere, reiste weiter. Wilhelm, der Bedächtigere, kam besser mit anderen Menschen zurecht. Etwas besser.

Vor allem wohnten sie zusammen: in Kassel, der Stadt, die ihnen die liebste war; in Göttingen, wo sie vor haargenau 175 Jahren mit fünf anderen Professoren des Landes verwiesen wurden, weil sie gegen das Aushebeln der Verfassung protestierten; oder später in Berlin, das ihnen immer besonders gefiel, wenn es sie an Kassel erinnerte. Wilhelm Grimms Ehe mit Dorothea Wild war dabei kein Hindernis. Alle drei kannten sich schon lange. Eine glückliche Verbindung, scheint es, analog zum heiteren Familienleben ihrer frühen Kindheit im hessischen Steinau. Zeitgenossen scherzten darüber, dass ja offenbar wenigstens eine Ehefrau hermusste. „Was soll ich tun? Das Heiraten ist eine Freude und ist auch eine Qual“, heißt es am Anfang des Märchens „Die drei Männlein im Walde“.

Denn, nein, die Brüder Grimm schrieben keinen Ratgeber für Geschwister, aber sie schrieben sich gelegentlich doch hinein in ihre Märchensammlung. 1805 schickte Wilhelm Jacob die Zeilen: „... was du schreibst von Zusammenbleiben, ist alles recht schön und hat mich gerührt. Das ist immer mein Wunsch gewesen.“ Einige Jahre später legte er dem Schwesterchen die rührenden Worte in den Mund, dass sie sich auch von einem Reh als Brüderchen nicht trennen wird.

Zwei Märchen ranken sich um Grimms Märchen

In der ersten Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“, am 20. Dezember vor 200 Jahren herausgekommen, fehlte der Satz allerdings noch. Fehlte überhaupt noch vieles. Am Anfang fehlte es sogar an der Durchschlagskraft beim Verkauf. Die 900 Stück, die der Berliner Verleger Reimer fürs Weihnachtsgeschäft druckte, gingen arg schleppend weg. Erst die folgenden Auflagen wurden zu dem Erfolg, der bis heute anhält. Das jedoch lag nicht alleine an der Kraft der Geschichten. Vielmehr lag es am zarten und zunehmend weniger zarten Redigat, für das vor allem Wilhelm sorgte. Jacob fand das nicht gut, dann so unmöglich, dass er sich aus dem Projekt zurückzog (das konnten die Brüder hervorragend, punktuell getrennte Wege gehen).

Denn zwei Märchen ranken sich weiter um Grimms Märchen: Dass die Brüder übers Land zogen, um sich von schlichten Mütterlein was erzählen zu lassen. Und dass sie bloß mitschrieben. Die beiden sind daran nicht unschuldig, sprachen sie doch von der „treuen Auffassung der Überlieferung“, um gleichzeitig schon lustig mitzureimen und überdies stolz zu erklären, „jeden für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck sorgfältig gelöscht“ zu haben.

Moderne Leser haben ihnen das verübelt. Dabei ist doch wesentlicher, dass Wilhelm mit seinen Eingriffen erst jenen echten Märchenton etablierte: keinen Kunstmärchen-, einen Volksmärchenton. Mit Reimen wie „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“ und „Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie“. Mit Formeln wie „als das Wünschen noch geholfen hat“. Zwar mit einem Versimpeln einiger Gegebenheiten – „schön und faul“, das kam bald nicht mehr vor–, aber doch auch mit deutlicher Spannungssteigerung. Nie überrascht der Aus-, fast immer der Hergang. Die bürgerliche Moral mag in den bekannten Märchen durchschlagen, und sicher bekam der „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ einen so aufwendigen Neuanfang, damit die Prinzessin bloß keine Affäre mit einem Holzhacker mehr hatte. In den weniger bekannten Märchen aber herrschen bis heute vielfach Chaos und nackte Gewalt.

Freilich wissen wir nicht, wussten auch die Grimms nicht und stellten sich nur vor, wie die Geschichten mündlich weitergetragen worden waren. Der einzige überlieferte Versuch Wilhelms, eine Feldforschung zu unternehmen, scheiterte bezeichnenderweise: Im Marburger Elisabeth-Hospital schwieg sich eine empfohlene Informantin aus. Es dauerte, bis Wilhelm einen fand, „der eine Schwester des Hospitalvogts zur Frau hat und den ich endlich dahin gebracht, dass er seine Frau dahin gebracht, ihre Schwägerin dahinzubringen, von der Frau ihren Kindern die Märchen sich erzählen zu lassen und aufzuschreiben“.

Lebendigkeit ging über Korrektheit

Axel Winzer zitiert das im Nachwort zur soeben erschienenen, seit 160 Jahren nicht mehr nachgedruckten fünften Auflage („Ganz Große Ausgabe in 3 Bänden“, Haffmans Verlag bei Zweitausendeins). Wie man sieht, nahmen die Grimms ihren Mangel an Volksnähe mit Humor. Sie ließen sich auch nicht davon verdrießen, dass durch ihre Zuträger – die auch nicht neben der Kuhmagd saßen und meist auch nur viel gelesen hatten – keineswegs nur deutsche Stoffe in ihre Sammlung gerieten.

Eigentlich ließen sich die Grimms überhaupt nicht verdrießen. Ihre Märchen, eine perfekte Nachahmung der Natur und von Auflage zu Auflage eine immer perfektere, passen sich gerade in ihrer Beweglichkeit ins Gesamtwerk ein. „Wenn die Schrift“, so Wilhelm, „immer weiter um sich greift und die lebendige Rede verdrängt, verliert jenes angeborene, feine Gefühl für die Natur der Sprache seine glückliche Sicherheit.“ Grammatik und Wortgebrauch, Orthographie und Märchen: Lebendigkeit ging ihnen in jedem Fall über Korrektheit. Im Märchen- und im Wörterbuch verteidigten sie bis aufs Messer den Akkusativ zu „bei“ („bei mich“).

Beharrlich an ihren Schreibtischen stellt man sie sich vor, während um sie herum alles fließt und funkelt und nie langweilig wird.

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