Literatur

29. Oktober 2009

Buch über das Ehepaar Humboldt: Die Geschichte von Bill und Li

 Von Judith von Sternburg
Caroline von Humboldt, Wilhelms Li. Foto: dpa

Nein, die Humboldts führen nicht die originellste Ehe, das kann man in Hazel Rosenstrauchs Buch "Wahlverwandt und ebenbürtig lesen. Dennoch muss diese Verbindung ein Glücksfall gewesen sein.

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Hazel Rosenstrauch stellt uns Caroline von Humboldt als sparsame Hausfrau vor. In Jena bezieht sie die Kaffeebohnen direkt von der Leipziger Messe. Die Kosten, die sie damit einspart - Rosenstrauch hat es ausgerechnet -, entsprechen just der Summe, die Carolines Mann Wilhelm wenige Jahre zuvor bei einem Bordellbesuch ausgegeben hat.

Nein, die Humboldts führen nicht die originellste Ehe aller Zeiten und nicht einmal ihrer Zeit. Aber gerade deshalb, gerade durch den gepflegten Lebenswandel zwischen Konvention und Grenzüberschreitung wecken sie die Neugier und womöglich sogar die Zuneigung der Leserin. Vielmehr ist es Hazel Rosenstrauch, die sie weckt, in ihrer Doppelbiografie "Wahlverwandt und ebenbürtig", in der nicht nur praktisch alles interessant ist, sondern in der ihr auch das Kunststück gelingt, die Humboldts heutig wirken zu lassen, ohne sie ins 21. Jahrhundert zu zerren. Sie erscheinen uns aufgeklärt, vernünftig und aufgeschlossen, aber auch unvernünftig und unlogisch und dennoch partnerschaftlich und fortschrittlich in der Erziehung ihrer Kinder.

Caroline stammt aus der "besseren" Familie: Gegen die von Dacherödens sind die Humboldts nicht sehr viel. Wie das junge Paar ringt und hadert und Briefe an den Brautvater entwirft, ist aber amüsant zu lesen und lässt keine tragischen Facetten ahnen. Anders als beim "Lucinde"-Paar Dorothea und Friedrich Schlegel, anders auch als bei dessen Bruder August Wilhelm und seiner energiegeladenen Frau, verläuft das Meiste in bürgerlicher Bahn. Bei der Hochzeit 1791 ist Wilhelm gerade 24, die Braut ein Jahr älter. Man lebt ländlich oder in Rom, wo sich der Hauslehrer so in Caroline verliebt, dass er entfernt werden muss. Auf Reisen trägt sie bisweilen Männerkleider, um in jeder Hinsicht beweglicher zu sein.

Die Beziehung wird aber nicht so sehr unter dem sicher unbefriedigenden Aspekt der Gleichberechtigung heraus charakterisiert, sondern als individueller Glücksfall. Caroline, fasst Rosenstrauch zusammen, war "sein Leben, die Ergänzung seiner manchmal toten Seele ... Und Caroline macht Wilhelm zu ihrer Lebensaufgabe".

Was wir wissen können, wissen wir zeitgemäß vor allem aus den Briefen, und zwar aus geschmeidigen, empfindsamen, die stets auch zum Mit- und Nachlesen bestimmt sind. Aber er, den sie Bill nennt, schreibt auch an sie, die er Li nennt: "Nichts hilft mir alsdann, wirklich nichts, liebe Li, als das Gefühl ... dass Du mich liebst, dass ich Dich liebe, und dass doch e t w a s ist, und wäre auch alles andere nichts." Das mag wohl sein, was nicht jeder kennenlernt.

Auch der Autorin, muss man sagen, hat es Wilhelm angetan. Gleichwohl bewahrt sie einen kühlen Kopf, während sie ihrem eigenwilligen Helden einen ebensolchen attestiert. Intensiv ist sein Privatisieren, aber selbst der klügste Beobachter will einmal eingreifen, um "etwas hervorzubringen, einen Beweis zu hinterlassen, dass man verdiente, dagewesen zu sein", wie Wilhelm schreibt. Rosenstrauch teilt durchaus seine Meinung, dass ihm als Diplomat im Zuge der Befreiungskriege gegen Napoleon Großes gelingt - ohne zu leugnen, dass es mehr als fraglich ist, ob tatsächlich der unerfahrene preußische Gesandte den Kriegseintritt Österreichs bewirkte. Humboldt war jedenfalls zufrieden mit sich. Rosenstrauch gönnt es ihm - und konstatiert ebenso zufrieden, dass sich ihr Held nicht mit dem System Metternich arrangiert, sondern wieder ins Privatleben zurückzieht.

Während ihr Mann etwas für seine Unsterblichkeit tut (tun kann), ist Caroline die Zuhörerin, Beraterin. Ihre intellektuelle Eigenständigkeit gegenüber ihrem Mann ist auf Dauer allerdings größer als ihre Eigenständigkeit gegenüber dem Zeitgeist. Vor allem packt sie der neue Patriotismus. "Sie wird enthusiastisch, er bleibt immer ein bisschen im Abseits, bei seinen antiken Vorbildern, idealistisch, manchmal konservativ in seinen Ansichten, aber habituell so modern, dass es gelegentlich schon postmodern wirkt, weil er alles relativiert und dekonstruiert und sich von Heroen, Tatmenschen, von den Mächtigen wie den Ohnmächtigen abgrenzt." Ein schönes Beispiel dafür, wie Hazel Rosenstrauch für ihn doch originellere Einschätzungen findet als für sie.

Heikler ist die Abneigung gegen Juden, die Caroline - denkbar unoriginell - zunehmend pflegt. "Ich würde das Paar hier gerne verlassen", schreibt Rosenstrauch, "Judenfeindschaft ist, im Unterschied zu damals, heute peinlich, zumal bei so klugen und sympathischen Leuten. Trotzdem stellt sich die Frage: Was hat sie denn so furios gemacht?" Die Erklärungsversuche - die Juden "als Repräsentanten der Moderne" und ähnliches - wirken letztlich flau. Immerhin kann die Autorin vermelden, dass Wilhelm nicht recht mittut. Dies sei "die einzige größere Differenz in den Auffassungen der Eheleute" gewesen. Und dies sind die einzigen Passagen des Buchs, die nach Pflichterfüllung klingen. Möglicherweise ist es der Preis für das Werk einer Autorin, die die Objekte ihres Interesses so sehr zu schätzen weiß.

Die Geschichte von Bill und Li ist also auf mehreren Ebenen ein Liebesroman. In der Natur muss er traurig enden. Wilhelm von Humboldt, womöglich "der erste, der die Symptome der Parkinsonschen Krankheit genau beobachtet und überliefert hat", überlebt seine Frau dennoch um sechs Jahre. Er stirbt 1835, "nicht zuletzt, weil er sich beim Gang zu Carolines Grab bei schlechtem Wetter eine Erkältung zugezogen hatte".

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