Kein Zweifel, die literarische Karriere Wolfgang Hilbigs gehört zu den größten Mirakeln der ganzen deutschen Nachkriegsliteratur. 1941 geboren in Meuselwitz, tief in der sächsischen Braunkohle, Enkel eines zugewanderten polnischen Analphabeten namens Kasimir, Sohn eines bei Stalingrad vermissten Schneiders und einer HO-Angestellten, aufwachsend in einem unglaublich beengten, gewalttätigen Milieu, begann Hilbig schon als Kind zu schreiben. Durch die Ungunst (oder eher Gunst?) der Verhältnisse blieb er ohne jede höhere Schulbildung, absolvierte eine Lehre als Bohrwerksdreher, wurde dann Montageschlosser, Abräumer in Ausfluggaststätten, NVA-Soldat und schließlich, für die meiste Zeit seines Arbeitslebens in der DDR, Heizer. Geschrieben hat er dabei ohne Unterlass, Gedichte und Prosa. Eine Zeitlang, solange man ihn nicht aus politischen Gründen verstieß, wirkte er in den sog. Zirkeln schreibender Arbeiter mit. Gelegentlich reichte er Texte bei Redaktionen und Verlagen der DDR ein - und bekam sie immer wieder zurück.
38 Jahre war er alt, als er, vom Hessischen Rundfunk entdeckt und an den S. Fischer-Verlag weitervermittelt, mit seinem ersten Gedichtband "abwesenheit" aus der literarischen Wohnküchen-Existenz herausgehoben und zum öffentlichen Autor wurde. A star was born, umflockt vom Ruß der Heizkessel. Grandiose Dichtung und Peeperkornsches Gestammel bei freier Rede als ewig verblüffender Kontrast.
Natascha Wodin: Nachtgeschwister. Roman. Verlag Antje Kunstmann, München 2009, 237 Seiten, 19,90 Euro.
Die Publikation seines ersten Buches veränderte natürlich Hilbigs Leben. Er zog vorübergehend nach Ost-Berlin, gab die Arbeit als Heizer bald auf, übersiedelte dann nach Leipzig und trat 1985 nach vielen Kämpfen mit der Kulturbürokratie der DDR ein West-Stipendium an, vorübergehend domiziliert in Hanau. Die wichtigste Veränderung, die sein Erstling einleitete, war vielleicht (so schlimm sie war!) nicht einmal die zweimonatige Inhaftierung durch das Ministerium für Staatssicherheit, mit der dieser Gedichtband verhindert werden sollte, sondern sie war privater Natur.
Auf dem Wühltisch einer Buchhandlung war der bedeutenden deutsch-ukrainischen Schriftstellerin Natascha Wodin ("Die gläserne Stadt", "Einmal lebt ich", "Erfindung einer Liebe") "das kleine, schon etwas angegilbte Taschenbuch" in die Hand geraten. "Ich schlug es auf und war wie vom Blitz getroffen. Schon von den ersten Zeilen, auf die mein Blick gestoßen war, ging eine Kraft aus, ein Licht, eine Dunkelheit, ein Schmerz, eine Schönheit, eine Wucht, dass ich zurückprallte und mich buchstäblich an der Tischkante festhalten musste... Ich wusste sofort, dass ich auf etwas Großes gestoßen war, auf etwas Einmaliges, auf einen Dichter, wie es sie zu allen Zeiten nur vereinzelt gegeben hat."
Es war die fatale Divergenz von lyrischem Ich und privater Person, die das gemeinsame Leben zur Hölle machte. Über die Stationen Hanau, Nürnberg, Schöppingen, Edenkoben landete das Paar auf dem Prenzlauer Berg der Nachwendezeit - eindrucksvolle Passagen von Natascha Wodins Buch gelten dem Milieu dieses lang nach 1989 noch östlichen Berlin-, war schließlich gar verheiratet und endlich wieder geschieden.
Ein Amour fou im schaurig schönsten Sinne, wie man ihn aus der Sicht Hilbigs, natürlich mit nicht zu übersehenden Unterschieden, bereits vor neun Jahren in seinem Roman "Das Provisorium" beschrieben fand . Eine endlose Kette von Alkohol-Exzessen, Gelöbnissen der Besserung, Entziehungskuren, Liebeswut, Eifersucht, Streitigkeiten, Fluchten, Neurosen, Entschlusslosigkeiten und gebrochenen Entschlüssen, Hingabe und Verweigerung, Streit und Versöhnung und Streit usque ad finem.
Hilbigs "Provisorium" und Wodins "Nachtgeschwister" sind aufeinander bezogene Schlüsselromane. So wie ER, C., seine Partnerin Hedda Rast nannte, heißt er nun Jakob Stumm. In beiden Fällen sind die realen Personen hinter den Decknamen leicht zu finden. Von Indiskretion kann bei Natascha Wodin angesichts der männlichen epischen Vorgabe wahrhaftig nicht die Rede sein.
Viele Schilderungen wirken wie einander bestätigende Parallelen, und bei genauerer Kenntnis der biographischen Hintergründe kann man sogar bescheinigen, dass Natascha Wodin in einer ganzen Reihe von Fällen das Verschweigen der Preisgabe vorzog; k.o-Schläge durch den ehemaligen Boxer und jähe Messerattacken sind Torts genug. Es ist ein schlechthinniges Rätsel, wie eine Frau von der Lebenserfahrung und den psychologischen Einsichten Natascha Wodins mehr als ein Dutzend Jahre an das - im bürgerlichen Sinne unbedingt so zu nennende - Monstrum W. H. gefesselt bleiben konnte und welchem Wiederholungszwang sie erlag.
Auch ihr Vater, der singende Don-Kosak Wdowina, war ein Trinker und Schläger. Lange Jahre hegte sie respektive ihr literarisches Ich - Literatur und Leben sind hier aufs Engste verschwistert, nachtverschwistert - die Hoffnung, dass ihr Partner als Person sich seiner Schrift, seinen bestechend formulierten Einsichten stellen und dass aus ihrer Virginia-Woolf-Beziehung ein lebbares Miteinander würde.
"Derjenige, den ich liebte, war nur auf dem Papier, im Leben erreichte ich ihn nicht, und das erfüllte mich mit einer so verzweifelten, rasenden Traurigkeit, dass ich mich am liebsten auf Jakob gestürzt und ihm den aus der Brust gerissen hätte, der darin verborgen sein musste."
Wodins Buch, das zum Bewegendsten gehört, was ich in den letzten Jahren gelesen habe, endet mit einer namenlosen Angst: "Ich warte auf die Worte, die mir durch ihn abhanden gekommen sind. Vielleicht, so denke ich oft, hat es mir gar nicht genützt, ihn zu verlassen. Vielleicht hat er mich für immer sprachlos gemacht." Der vorliegende Text ist der sprechende Beweis: dies ist nicht wahr.
So wenig Natascha Wodin die oft beschimpfte "Vernichterin" von Hilbigs Literatur war, so wenig hat er die ihre vernichtet. Sie hat das Rätsel ihrer Geschichte mit ihm gelöst, soweit dies Worte vermögen. Den unsagbaren Rest haben Jakob Stumm und sein dunkler Bruder mit ins Grab genommen.