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Buch über Kafkas Prosa: Visionen eines Kinos der Zukunft

Peter-André Alt will zeigen, dass Kafkas Prosa von den Filmen seiner Zeit inspiriert wurde. Seine These: Filme spielten in Kafkas Werk eine strukturelle wie thematish entscheidende Rolle. Von Bettina Augustin

Vorbild für den Proceß? Der Film Der Andere von 1913.
Vorbild für den "Proceß"? Der Film "Der Andere" von 1913.
Foto: kinemathek

Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt". - Schon die erste Tagebucheintragung Kafkas vom Sommer 1909 bannt jene Mischung aus Faszination und panischem Erschrecken, die die bewegten Bilder einer vorbeirauschenden Eisenbahn damals beim Kinopublikum auslösten. Obwohl Kafka zwischen 1908 und 1913 zahlreiche Aufzeichnungen zu seinen Filmeindrücken festgehalten hat, ist sein Interesse für die zeitgenössische Kinematographie von der Forschung lange Zeit vernachlässigt worden.

Erst 1996 erschien Hanns Zischlers Pionierarbeit "Kafka geht ins Kino", die sich auf minutiöse Recherchen zu Kafkas Kino-Rezeption gründet. Allerdings beschränkt sich Zischlers Studie auf die Reflexe, die der Film in Kafkas autobiographischen Texten - Briefen und Tagebüchern - hinterlassen hat; obwohl Kafka zeitweise ein leidenschaftlicher Kinogänger war, stehen die Filmbilder, so Zischler, "in keinem unmittelbar erkennbaren Zusammenhang zu seiner Prosa. Ja, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als wollte er diese Bilder aus seiner Prosa heraushalten."

Technik des Gegenschnitts?

Mit seinem Buch "Kafka und der Film" versucht der Berliner Literaturwissenschaftler Peter-André Alt jetzt den Gegenbeweis anzutreten. Er behauptet, dass der Film auch in Kafkas literarischem Werk "sowohl strukturell als auch thematisch eine entscheidende Rolle spielt". In dem frühen Prosastück "Der Fahrgast" (entstanden vor 1908) schweift der Blick eines Tram-Passagiers zu einem jungen Mädchen und wandert über Rockfalten, Bluse, Kragen und Schirm zu ihrem Gesicht, um schließlich bei der Muschel ihres Ohres zu verharren. "Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel." Zu Recht vergleicht Alt diese Szene mit einer "ungeschnittenen Kamerafahrt", die in einer Großaufnahme endet - doch handelt es sich hier nicht um eine "Annäherung an den Film, die Kafkas Text unternimmt", da die Technik der bewegten Kamera zu diesem Zeitpunkt im europäischen Kino noch völlig unbekannt war.

Im Schlusskapitel von Kafkas Amerika-Roman "Der Verschollene" (1912/13) fährt Karl Roßmann in atemberaubendem Tempo durch eine von Felsen zerklüftete Landschaft. "Bläulichschwarze Steinmassen giengen in spitzen Keilen bis an den Zug heran, man beugte sich aus dem Fenster und suchte vergebens ihre Gipfel, dunkle schmale zerrissene Täler öffneten sich, man beschrieb mit dem Finger die Richtung, in der sie sich verloren ... ." Die grandiose Beschreibung einer überwältigenden Bewegung ist durchaus filmisch und erinnert, wie Alt konstatiert, an die "Technik des Gegenschnitts". Allerdings hat Kafka auch diese Methode nicht vom Kino übernommen, weil sie 1913 noch nicht praktiziert wurde. Alle Filme, die Kafka bis dahin gesehen hat - "Der durstige Gendarm", "Die weiße Sklavin", "Theodor Körner", "Isidors Hochzeitsreise" und "Der Andere" (um nur einige Beispiele zu nennen) - huldigen einer Dramaturgie, die der Filmtheoretiker Béla Balázs trocken als "photographiertes Theater" bezeichnet hat: gleicher Rahmen, gleiche Distanz, gleiche Einstellung des Bildes und damit gleicher Standpunkt des Zuschauers innerhalb einer Szene.

Antizipation, nicht Inspiration

Wenn Kafka in seinen Texten mit Techniken wie der bewegten Kamera und dem Gegenschnitt arbeitet, entwickelt er Verfahrensweisen, die die zeitgenössische Praxis des "Kinema" weit hinter sich lassen. Die Aneinanderreihung von "Momentaufnahmen" zu einer Sequenz, die sich vor allem in der frühen Prosa findet, die "skurrilen Verfolgungsszenen" im "Verschollenen" mögen Reflexe seiner Kinobesuche sein - aber wer, wie Alt, in Kafka einen Autor sieht, "der beim Kino in die Schule geht", verkennt die visionäre Dimension seines Schreibens, das nicht "programmatische Adaption", sondern vielmehr die Antizipation einer Bildästhetik war, die das neue Medium erst um 1920 realisiert hat. Dass die Literaturgeschichte in dieser Hinsicht die Vorgeschichte des Films ist, bestätigt auch D. W. Griffith, der die Idee für seine Montagetechnik nach eigener Aussage in den Werken von Dickens fand.

Nicht "alte Filmerfindungen" wie Max Macks Doppelgängergeschichte "Der Andere" (1913) haben Kafka beschäftigt (Alt sieht in dem Drama einer Persönlichkeitsspaltung, das Kafka in einem Brief an Felice als "elendes Stück" bezeichnet, eine Inspirationsquelle für den "Proceß"-Roman), sondern die Vision eines Kinos der Zukunft. Wenn im nächsten Jahr das 3D-Fernsehen auf den Markt kommt, ist dies die Erfüllung einer Vision, die Kafka 1911 angesichts der dreidimensionalen stereoskopischen Aufnahmen des Kaiserpanoramas in Friedland formuliert hat: die "Vereinigung von Kinema und Stereoskop".

Autor:  Bettina Augustin
Datum:  2 | 11 | 2009
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