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Literatur

20. Januar 2016

Buch über Pegida: Bierchen am Kofferraum

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Es wäre einiges gewonnen, wenn die Stadt Dresden die Kundgebungen an den Stadtrand legen könnte, meint Autor Vorländer: „Andere Städte haben das auch geschafft.“  Foto: dpa

„Wenn man wüsste, was sie eigentlich fordern...“: Der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer stellt ein neues Buch über die Empörungsbewegung vor.

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Es ist nicht das erste, und es wird nicht das letzte Buch über Pegida sein, soviel ist sicher. „Pegida. Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung“, heißt das 165 Seiten starke Werk. Der Dresdner Politikwissenschaftler Professor Hans Vorländer und seine Ko-Autoren Maik Herold und Steven Schäller haben es am Mittwoch in Dresden vorgestellt – und da war es auch schon ausverkauft.

Ein gutes Jahr alt ist nun, was als kleine Facebook-Gruppe um den vorbestraften ehemaligen Bratwurstverkäufer und Gelegenheitsgrafiker Lutz Bachmann begann und sich zur „rechtspopulistischen Empörungsbewegung“ entwickelt hat, wie Vorländer Pegida beschreibt. Ansonsten, das gibt der Politikwissenschaftler offen zu, steht er einigermaßen fassungslos vor dem Phänomen: „Pegida ist für viele ein Rätsel, für uns auch“, sagte der gebürtige Wuppertaler, der seit über 20 Jahren in Dresden lebt und arbeitet.

Das Buch zeichnet nach, wie sich die Bewegung entwickelte, es beschreibt, wie sie sich zusammensetzt. Es greift dafür auf Befragungen, Beschreibungen, Studien anderer, eigene Beobachtungen und einen Berg Zeitungsartikel zurück und kommt zu Schlüssen wie: Pegida ist in Randgruppen rechtsextremistisch, die Ausländerfeindlichkeit bewege sich „im Rahmen des Ostdeutschen und Deutschen“. Und Dresden als, salopp formuliert, die „Hauptstadt der Bewegung“, sei auch nicht ausländerfeindlicher als Düsseldorf.

Hans Vorländer, geschäftsführender Direktor des Instituts für Politikwissenschaft an der TU Dresden, mit dem neuen Buch über Pegida.  Foto: dpa

Schwieriger tut sich das Buch naturgemäß mit der Deutung, auch wenn es der Titel verspricht. Es war im Sommer 2015 abgeschlossen, zu einer Zeit also, als die Flüchtlingskrise in Deutschland erst begann und damit die Wiederbelebung und eine unübersehbare Radikalisierung der Bewegung. Auch stand der enge Führungszirkel um Bachmann den Forschern nicht für Fragen zur Verfügung. „Wenn man wüsste, was sie eigentlich fordern...“, entfuhr es Vorländer während seiner Buchpräsentation.

Eine rechtspopulistische Empörungsbewegung sei das, eine, die islamfeindliche Ressentiments mobilisiere, außerdem Aversionen hege gegen die politischen und medialen Eliten in Deutschland. Pegida werde keine Partei, werde auch nicht der Straßenableger der AfD, weil sich die Führungsfiguren in beiden Lagern in Dresden nicht ausstehen könnten. Pegida inszeniere Entrüstung, sei zu einem Ritual mit hoher emotionaler Aufladung geworden, einer montäglichen „Wallfahrt“, wie es ein Teilnehmer beschrieben habe.

Aber wozu das Ganze? Wohin soll es führen? Viele Kundgebungsteilnehmer hörten nicht einmal den Rednern zu, so Vorländer. Viele kämen aus dem ostsächsischen Umland mit dem Auto, man treffe sich in Gruppen, trinke am Kofferraum ein paar Bierchen und dann verschaffe man sich zwei Stunden lang Erleichterung bei frischer Luft und Pegida.

Das Buch

Hans Vorländer, Maik Herold, Steven Schäller: Pegida. Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung. Verlag Springer VS. 165 Seiten, 24,99 Euro.

Das Buch endet pessimistisch. Es teilt nicht die auch schon vorgebrachte Meinung, Pegida werde zu einer Art „Frischzellenkur der Demokratie“ beitragen, indem ehemals passive Verdrussbürger wieder politisch aktiviert würden und sich einmischten. Dass die mit den Protesten ausgelöste Politisierung in diese Richtung gehe, „muss stark bezweifelt werden“, so die Autoren.

Was tun? Es gebe kein Patentrezept, so Vorländer. Es wäre einiges gewonnen, wenn die Stadt Dresden die Kundgebungen verlegen könnte, weg von der Semperoper oder der Frauenkirche und raus an den Stadtrand. Vorländer: „Andere Städte haben das auch geschafft.“ Es würde den Empörungsbewegten die weltberühmte Kulisse und damit die Fernsehbilder nehmen.

Und natürlich: „Weniger mediale Aufmerksamkeit“ für Pegida. Darf man ja ruhig mal äußern – auch bei der eigenen Buchvorstellung über Pegida.

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