Alan ist Spitzenklasse in seinem Beruf. Deshalb hat ihn sein Auftraggeber auch eigens aus Istanbul nach New York einfliegen lassen. Er ist genau der Richtige für den Job, denn Alan ist Kurde und soll einem gewissen Süleyman Erkal, türkischer Ex-Gouverneur von Kurdistan, größten Schmerz zufügen, indem er dessen Frau und beide Töchter tötet.
Alan ist so etwas wie ein "naturalborn killer". Schon als Kind hat er mit Schneebällen, in denen Steine verborgen waren, auf türkische Soldaten gezielt, und auch seine weitere Berufskarriere war höchst erfolgreich, wofür ein meterlanger Kleiderschrank mit Maßanzügen und 31 Paar hochwertigen Schuhen spricht.
Nun sitzt er in einem fast leeren Appartement in Queens, samt einer Brieftasche voller Dollars, einem amerikanischen Mobiltelefon und einem Sprachführer "Englisch in sechs Tagen". In fünf Tagen soll er seinen Auftrag erledigt haben. In dieser Zeit wird Alan Anfahrtswege, Wohnung und Gewohnheiten des Opfers und sein Arbeitsgerät - eine popelige Smith and Wesson im Gegensatz zu seiner gewohnten Walther - genau studiert haben.
Alan ist gewissenhaft, ein Profi, der seine Arbeit ernst nimmt. Warum jemand getötet werden soll, geht ihn nichts an. Er macht einfach seinen Job. Lakonisch beschreibt Irene Dische dieses Gewerbe als eines wie jedes andere. Der eine zählt Banknoten, der andere befördert Menschen ins Jenseits. Hauptsache effektiv.
Ein weiterer eherner Grundsatz ist: anonym bleiben. Schwierig, da Alan gleich am ersten Tag der exzentrischen alten Dame in der Wohnung neben ihm die Einkaufstüten in den sechsten Stock trägt, wofür diese sich mit Sherry-und-Ölsardinen-Mahlzeiten bedankt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Überhaupt zeigt Alan einige menschliche Züge, kein eiskalter Engel, vielmehr ein ganzer Mann, was sich auch an den Regungen seines "Kir" ablesen lässt, was hier keinen Johannisbeerdrink meint, sondern eines echten Kerls bestes Stück.
Irene Dische streut kokett kurdische Vokabeln in ihren Text, wenn sie Alan mit den Augen eines Manns vom Ararat das sonderbare New Yorker Leben studieren lässt. Süffisant persifliert sie amerikanische Bräuche, Ideologien, Haltungen, etwa, wenn Alan staunend feststellt, dass in der Türkei die Trennung von Religion und Staat viel klarer gehandhabt wird als in den USA, wo Politiker sich ständig in ihren Reden auf Gott berufen. Auch die wie Naturgesetze präsentierten Meinungen eines Machos verlieren so in ihrer tumben Lächerlichkeit alles Gefährliche oder Obszöne. Immer wieder beglückt die Autorin ihre Leser mit wunderbaren Sprachbildern, etwa als Alan seine Nachbarin nach Hause bringt. "Er zwängte sich für sie in seine besten Manieren - wie in einen engen Anzug - und verdeckte damit die Gereiztheit, die wie ein hässlicher, juckender Ausschlag in ihm aufgeblüht war."
Alan war mit einem imponierenden Schnauzbart in die USA eingereist. Im Laufe der Geschichte schnippelt und rasiert er täglich an dieser Manneszierde, bis sie am Ende ganz verschwindet - und mit ihr viele alte Verbindungen.
Ein geistvoll-graziöses Buch voller hintergründiger Komik über die Vielfalt und die Absurditäten des Lebens. Ein amerikanischer Traum der herkömmlichen wie der ganz besonderen Art.
Irene Dische:
Ein Job. Roman.
Dt. v. Reinhard Kaiser. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009, 159 Seiten, 15,95 Euro.