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Buchkritik: Bewegung auf dem Drahtseil

Der Umbau des Kapitalismus, schreibt der Berliner Philosoph Norbert Bolz, habe längst stattgefunden, und die Konturen eines Wirtschaftens, das mit sich ins Reine kommt, werden sichtbar. Von Harry Nutt

Schneller als die Volkswirtschaften hat die Finanzkrise die politische Rhetorik erreicht. Die Empörung über die Gier der Banker kam aus der gesellschaftlichen Mitte, und es galt nicht länger als Widerspruch, dem konservativem Lager anzugehören und eine Beschränkung der Managergehälter zu fordern. Ein starker Staat ist seit einiger Zeit die Antwort auf die meisten Fragen, und was immer auch in den Politrunden diskutiert werden mag: Es kommt einem sozialistisch vor. Wer jetzt noch auf die regulierenden Kräfte des Marktes setzt, scheint die Zeichen der Zeit nicht verstanden zu haben.

Oder er versucht, wie der Berliner Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz, intellektuelles Kapital aus der Verwirrung der Begriffe zu schlagen. In der Zeit, als Bolz in die Schule seines akademischen Lehrers Jacob Taubes ging, hätte man einen Text wie "Profit für alle" wohl als pure Affirmation geächtet. Wenn aber der Kapitalismus selbst von konservativer Seite aus als erledigt betrachtet wird, verdient dessen Reanimation als Sozialkapitalismus zumindest eine Prise intellektueller Neugier.

Der Umbau des Kapitalismus, schreibt Bolz, habe längst stattgefunden, und die Konturen eines Wirtschaftens, das mit sich ins Reine kommt, werden sichtbar.

"Der gebende, der sorgende Kapitalismus hat von den Non-Profit- und Non-Government-Organizations gelernt, dass man mit einer Mission, einer Vision, der Umwelt, der Gemeinschaft und dem Kunden beginnen muss."

Die entscheidende Pointe des Sozialkapitalismus, so Bolz, bestehe darin, dass Profit und Non-Profit keine Gegensätze mehr darstellen, sondern dass Non-Profit als Portal zum neuen Profit verstanden werde. Der philosophisch mit allen Wassern gewaschene Denker Bolz hat sich der Herausforderung einer von den Netzwelten angeleiteten Text- und Gedankenverarbeitung weitgehend angepasst. "Profit für alle" ist eine vor allem temporeiche Informationsverarbeitung, in die Bolz Zitate und Referenzen aus verschiedenen wissenschaftlichen Feldern einspeist. Dabei hat er wiederholt auch auf Textbausteine eigener Texte zurückgegriffen, zum Beispiel aus seinem durchaus inspirierenden "Konsumistischen Manifest" von 2002.

So wünschenswert es ist, über soziale Gerechtigkeit jenseits festgefahrener Umverteilungsdebatten nachzudenken, so unbefriedigt lässt einen allerdings Bolz luftiger Assoziationsstil zurück. "Wir müssen", meint Bolz, "den Begriff der sozialen Gerechtigkeit dem Egalitarismus der sozialistischen Neidgesellschaft entreißen und ihn als Begriff der modernen Balance neu denken." Welche Gleichgewichtsprobleme die ruckartigen Bewegungen des Reißens dem balancierenden Artisten bereiten, schreibt Bolz leider nicht.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  1 | 2 | 2010
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