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Buchkritik: Die Meinhof und der Kleist

Die Idee besticht: Zwei extreme Charaktere aus verschiedenen Jahrhunderten einen Dialog führen zu lassen. Doch Dagmar Leupold hat in "Die Helligkeit der Nacht" den Bogen überspannt. Von Insa Wilke


Foto: dpa

An ästhetischen Extremismus denkt man nicht zuerst, fällt der Name Dagmar Leupold. Vielleicht zu Unrecht. Zumindest will ihr Buch "Die Helligkeit der Nacht" viel auf einmal sein: Journal, Roman, Totengespräch. Die Idee ist gut: "Die Meinhof und der Kleist!" Der eine Anfang des 19. Jahrhunderts Extremist in der Kunst, die andere im Leben radikal und als Studentin so scharf formulierend, dass selbst der spätere Bundeskanzler "Schmidt Schnauze" Fracksausen bekam. Auf die Begegnung müsse man erst einmal kommen, lässt die Autorin denn auch ihren Wagemut durch die Kleist-Figur loben.

Die Fußstapfen aber könnten größer nicht sein: nicht nur die Figuren sind wortgewaltige Ikonen, auch das Journal ist eine diffizile Gattung zwischen Tage- und geistreichem Notizbuch. Leupold schreibt es als Zwiegespräch, indem sie Heinrich von Kleist als Geist in den Jahren 2008/09 so lange Briefe an Ulrike Meinhof denken lässt, bis die endlich antwortet. Aber damit nicht genug: "Die Helligkeit der Nacht" knüpft ja auch noch an eine andere literarische Tradition an, die des imaginierten Gesprächs. In Verbindung mit Kleist denkt man da sofort an Christa Wolfs Meisterwerk "Kein Ort, nirgends". Sehr viel Gewicht auf den Schultern der Autorin!

Anlass für dieses Buch scheint die publizistische Aufmerksamkeit im Jahr 2007 für "30 Jahre Deutscher Herbst" gewesen zu sein. Damals erschienen Jutta Ditfurths Lebenserzählung der Meinhof und ein Schwung Kleist-Biographien. Die Verbindung Kleist-Meinhof hatte schon die Regisseurin Helma Sanders-Brahms hergestellt, als sie 1998 in ihrem Theaterstück "Ulrike. Mondzeit - Neonzeit" Kleists Schwester Ulrike mit der Terroristin sprechen ließ.

Die Konstellation Heinrich v. K. - Ulrike M. könnte genauso rasant sein. Nicht zwingend verlangt sie die stilsichere Imitation der Ikonen. Aber einen Gedanken. "Sie werden sich womöglich fragen, warum ich Ihnen schreibe - das wäre schön, dann teilten wir bereits ein Geheimnis." Das lässt nichts Gutes ahnen.

Holzschnittartige gegenüberstellung

In der "Helligkeit der Nacht" sollen Räume begangen werden, "die unbegangen geblieben sind". Kleists Seite der Gewalt ist die "Wortgewalt". Die der Meinhof die Tat, die Zerstörung, das "Machtwort". Beide verbinde dieselbe "Weißglut", behauptet Leupolds Kleist. Schon diese Gegenüberstellung ist holzschnittartig.

Und so bleibt es. Leupold nennt alle Stichworte, über die der preußische Junker und die linksradikale Feministin diskutieren könnten, alle Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die sich geistreich ineinander verdrehen ließen: die "Weiblichkeit" Kleists, der bei Leupold Naturliebhaber ist, und Meinhofs auf Politik fixierte Rosshändler-Härte. Das Gefühl, zerrissen zu werden zwischen Amt und Kunst, bürgerlichem Leben und Untergrund, Kindern und Genossen. Das Penthesilea-Motiv bzw. seine Umkehrung, der Generationenstreit - alles wird zitiert, aber nichts ausgeleuchtet, nirgends entsteht Reibung.

Das liegt vor allem an der Kleist-Figur, dem Sprecher, den es immer wieder ins "Narkosestübchen" zieht, eine Raucherkneipe in Berlin-Schöneberg. Dort sitzt er und lästert über die Biertrinker. Der Autor, den Goethe einen Meteor nannte, den Günther Kunert in seinem "Pamphlet für K." und in "Ein anderer K." vor übler Nachrede rettete, tritt hier als betulicher Idylliker auf, ganz ohne kunststiftenden Zwiespalt, und macht neckische Bemerkungen über das Toten-Leben, um sich dann wieder mit Langstreckenflügen auszukennen.

"Sie strengen mich an"

Leupold schreibt ihre Figur vom schrecklich pädagogisierenden Briefeschreiber Kleist her, nicht vom Radikaldramatiker, der bei ihr zum "schwärmerischen Schuljungen" wird. Ein politisch korrekter Kleingeist, der zu "verstehen sucht, aber nicht billigen kann". Die Kant-Krise ist auf ungeahnte Weise Gestalt geworden. Und die Meinhof? Die soll vor diesem Kleist rhetorisch kapitulieren und nach hellen Erzählungen verlangen: "Sie strengen mich an."

Das ist nicht komisch, sondern zu kurz gedacht. Warum weist Kleist ununterbrochen auf die Tragik seines Todes hin, warum bekommt Sylvia Plath einen nebulösen Gastauftritt? Man könnte annehmen, weil es ein Thema wäre für den Dichter und die RAF-Gründerin, ob ihr Selbstmord nun Verzweiflungstat oder politischer Akt war. Aber so tiefschürfend ist dieses Kleistgespenst nicht. Es neigt eher zur hilflosen Geschmacklosigkeit und endet einen Brief aus Buchenwald mit: "Bis auf die Initialen gerupft: H.K."

Man darf das natürlich machen, seinen eigenen Kleist schreiben. Aber unklar bleibt, mit welchem Bedürfnis Leupold diese Begegnung konstruiert. Und allein über das Bedürfnis der Autorin könnte ein Zwiegespräch, in dem es sichtlich nicht um eine historische Charakterstudie geht, Spannung gewinnen. Dann könnte es auch Journal werden, das Journal einer Begegnung zwischen Dreien. So aber bleibt der Schluss, dass es gut ist, nicht mehr an die Geisterstunde zu glauben.

Autor:  Insa Wilke
Datum:  17 | 12 | 2009
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