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Literatur

17. März 2016

Buchmesse Leipzig: „Nach besten Kräften“

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Karten mit der Aufschrift "Für das Wort und die Freiheit" hielten Gäste im Rahmen der Eröffnung der Leipziger Buchmesse hoch.  Foto: dpa

Bei einer eindrucksvollen Buchmesseneröffnung erhält Heinrich August Winkler den Leipziger Buchpreis.

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Einen nachdenklichen Pragmatismus vertrat der 77 Jahre alte Historiker Heinrich August Winkler am Mittwochabend, als er bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse den mit 20 000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung überreicht bekam. Das deutsche Asylrecht, im Unterschied zu anderen europäischen Ländern als individuelles Grundrecht verankert, verspreche mehr, als es möglicherweise halten könne.

Die Verfassungsänderung von 1993 (Sichere Drittländer) sei gewissermaßen „unehrlich“, so Winkler. Sie weiche weiterhin der Frage aus, was sich umsetzen, was vertreten lasse. Eine „humanitäre Asylpolitik, die nachhaltig sein will“, müsse darauf achten, „dass die Bedingungen ihrer Möglichkeit auch morgen und übermorgen noch gesichert sind“. Dazu gehöre „nicht nur die Beachtung der Grenzen der Aufnahme- und Integrationsfähigkeit, sondern auch der politische Rückhalt in der Bevölkerung“, auf den eine Demokratie existenziell angewiesen sei.

Deutschland, das sich spät genug den kulturellen Idealen des Westens geöffnet habe, warnte er erneut vor „Selbstgerechtigkeit und Anmaßung“. Es sei richtig, eine europäische Lösung zu fordern. Das wirtschaftlich starke Land solle aber auch dann Flüchtlingen „nach besten Kräften“ – eine Formel, die ja nicht kleinmütig ist – helfen, wenn es damit in der EU „in der Minderheit“ bleibe.

Sich ratlos umsehen

Sein Laudator, Buchautor und Journalist Volker Ullrich, hatte zuvor erklärt, dass es für die von Winkler immer wieder beobachtete Fähigkeit des Westens zur Selbstkorrektur eine entwickelte Zivilgesellschaft und einen starken Pluralismus brauche. An beides hatten die Vorredner appelliert bei einer beeindruckend konzentrierten Eröffnung, die einer als politisch angekündigten Buchmesse würdig war. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) zitierte Rose Ausländers Gedicht „Die Fremden“ („Eisenbahnen bringen die Fremden, die aussteigen und sich ratlos umsehen …“), sprach vom fassungslos machenden Hass und erklärte, das Problem seien nicht die Flüchtlinge, sondern der Rassismus. Er erinnerte daran, was „vor Ort“, in den Kommunen, gefordert sei und von vielen auch geleistet werde: Menschlichkeit, Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Beheimatung.

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Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hob die Rolle von freier Presse und unabhängiger Verlags- und Buchhandelsstruktur hervor. Er fragte allerdings auch, wo die Autoren, Verleger, Buchhändler seien, die sich nicht nur indirekt durch ihre Arbeit, sondern auch direkt einmischten. Schweigen sei nicht immer Gold. Seiner Bitte, mit den auf den Plätzen im Gewandhaus schon verteilten Pappschildern, auf denen „Für das Wort und die Freiheit“ stand, kurz gemeinsam aufzustehen, kamen alle sofort nach. Dies schon, wie es auf der Rückseite des Schildes stand, Teilnahme und Engagement zu nennen, ist natürlich irgendwo auch rührend. Das Gewandhausorchester und vorzügliche Solisten des Opernhauses boten zwischen alledem ein dolles Arienwunschkonzert. Seite 10

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