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Literatur

11. März 2015

Buchmesse Leipzig: Mircea Cartarescu bekommt Buchpreis

Der rumänische Autor Mircea Cartarescu bekommt in diesem Jahr den Leipziger Buchpreis.  Foto: dpa

Der rumänische Schriftsteller, Dichter und Essayist Mircea Cartarescu ist der diesjährige Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung. Seine postmodern-barocke Literatur nimmt den Leser mit auf die Suche nach dem, was die Welt in Innersten zusammenhält.

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Bukarest –  

Es ist so still, dass das Schnurren der Katze, die es sich im Schoß des Schriftstellers bequem gemacht hat, fast wie ein Motorknattern wirkt. Mircea Cartarescu wohnt gediegen mit seiner Frau und dem halbwüchsigen Sohn am Rand eines Waldes bei Bukarest. Heftiger könnte der Gegensatz nicht sein zum dantesken Höllenschlund der Großstadt, eine der Horrorvisionen im Werk des heute 58-Jährigen. Cartarescu, diesjähriger Träger des mit 15 000 Euro dotierten Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, hat als postmoderner Erneuerer in Rumänien Literaturgeschichte geschrieben.

Jahrzehntelang hat er in scheußlichen Bukarester Plattenbauten gewohnt - nun kann er endlich in Ruhe seinem literarischen Zaubererhandwerk nachgehen. Denn Cartarescu schreibt wie ein Besessener, in einer Art nüchternem Rausch, ohne Plan - und dies stets mit der Hand und fast ohne Streichungen. 

«Denn um nichts weniger als um alles geht es in diesem Buch - um Geburt und Leben, Tod und Wiederauferstehung, Apokalypse und Erlösung», schrieb die «Neue Zürcher Zeitung» begeistert über den letzten Band der «Orbitor»-Trilogie, für die Cartarescu in Leipzig ausgezeichnet wird. Er fasziniert, verstört und amüsiert sein Publikum mit barocken, psychedelischen, apokalyptischen Weltvisionen und Selbsterkundungen, überquellend von philosophischen, mythischen, biblischen und wissenschaftlichen Bezügen. Immer wieder schimmern Figuren und Erzählstrategien des rumänischen Volksmärchens und der Science Fiction durch. Kritiker sahen bei alldem Marcel Proust, Bruno Schulz, James Joyce, Jonathan Swift und Gabriel García Márquez als Paten. All dies kennzeichnet «Orbitor», aber auch sein übriges Werk. 

Insbesondere sein Kurzroman «Travesti» aus dem Jahr 1994 enthält ansatzweise fast alle Mythen und Motive aus «Orbitor»: das in sein Gegenteil verkehrte Höhlengleichnis Platons, die Selbstsuche, das Androgyne, die lebendig werdenden Statuen - und das alte Symbol vom Spiegel als Grenze zwischen Leben und Tod, mit dem Cartarescu wohl auch ein persönliches Trauma verarbeitet: Sein eineiiger Zwillingsbruder Victor starb im Kleinkindalter, die Eltern bekamen die Leiche trotz ihrer Proteste nie zu sehen und durften sie auch nicht beerdigen. Victor hatte die sehr seltene, aber generell harmlose Fehlbildung Situs inversus totalis - alle inneren Organe seitenverkehrt angeordnet. Er war wie Mirceas «Spiegelbild».

Sohn einfacher Arbeiter

Geboren am 1. Juni 1956 in Bukarest als Sohn einfacher Arbeiter, die ehrlich an den Kommunismus glaubten, verschlang Cartarescu als Grundschüler Märchen und Science-Fiction-Romane. Während seines Literaturstudiums machte er in zwei studentischen Zirkeln auf sich aufmerksam, bei denen Debütanten mit damals in Rumänien noch kaum bekannten postmodernen Formen experimentierten. Frankreichs Literatur wurde damals in ihrer Vorbildfunktion von der amerikanischen Lyrik abgelöst. 1999 nutzte er diese Erfahrungen für sein Buch über den rumänischen «Postmodernismus» und wertete aus dessen erfrischender Perspektive Rumäniens Literaturgeschichte neu. 

Cartarescu hat in Rumänien riesigen Erfolg. Sein Bukarester Verlag Humanitas verkaufte sogar von der alles andere als leichten «Orbitor»-Trilogie 81 000 Exemplare. Normalerweise erreichen Auflagen der rumänischen Belletristik allenfalls ein paar Tausend. Sein leicht verdaulicher Erzählband «Warum wir die Frauen lieben» wurde ein Bestseller mit rund 190 000 Stück. Cartarescus Schaffen umfasst viele Tonarten. Auf die deutschen Übersetzer warten etwa noch Kostbarkeiten wie das ironische, in Sprach-Spiellust schwelgende Balkan-Versepos «Die Levante», oder die urkomische «Enzyklopädie der Drachen», an der durchaus nicht nur Kinder ihren Spaß haben. (Kathrin Lauer, dpa)

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