Literatur

31. Oktober 2012

Buchrezension: Ausgebrochen aus dem Kindheitsmuster

 Von Cornelia Geissler
Schriftstellerin Christa Wolf. Foto: dapd

Gerade ist Christa Wolfs letzte Erzählung „August“ zum Lesen und Hören erschienen. 38 Seiten umfasst sie nur, ein broschiertes Büchlein mit taubenblauem Einband und weißer Banderole. Ursprünglich war sie als Geschenk für Gerhard Wolf gedacht - zum 60. Hochzeitstag.

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Gerade ist Christa Wolfs letzte Erzählung „August“ zum Lesen und Hören erschienen. 38 Seiten umfasst sie nur, ein broschiertes Büchlein mit taubenblauem Einband und weißer Banderole. Ursprünglich war sie als Geschenk für Gerhard Wolf gedacht - zum 60. Hochzeitstag.

#"Vielleicht ist es ihm geglückt, Schneider zu werden“, schreibt Christa Wolf in einer Klammerbemerkung im „Kindheitsmuster“ über den Jungen August. Es sind wenige Zeilen in diesem großen Buch aus dem Jahr 1976, die sie dem Jungen gönnt, der sich in der Lungenheilanstalt ihre Nelly als Beschützerin erkoren hatte. Er schrieb ihr noch Briefe in ungelenker Orthografie, als Nelly bereits entlassen war. Einen warmen Mantel wollte er ihr nähen, wenn er erst groß sei und Schneider, „damit du immer an deinen lieben August denkst“.

So wie Nelly vieles mit Christa Wolf gemeinsam hat, gibt es auch für August ein reales Vorbild. Die Autorin dachte an ihn, auch ohne Mantel, bewahrte all seine Briefe auf. „Kindheitsmuster“ hat deshalb noch eine kleine Fortsetzung gefunden. Die Erzählung „August“ ist gerade erst erschienen. 38 Seiten umfasst sie nur, ein broschiertes Büchlein mit taubenblauem Einband und einer weißen Banderole. Sie war ursprünglich gedacht als Geschenk für Gerhard Wolf zum 60. Hochzeitstag. Die Widmung an ihn erscheint als Faksimile auf der letzten Seite, versehen mit dem Datum 28. Juli 2011. Nicht einmal ein halbes Jahr später ist Christa Wolf gestorben.

Christa Wolf: August. Suhrkamp, Berlin 2012. 38 Seiten, 14,95 Euro.
Christa Wolf: August. Suhrkamp, Berlin 2012. 38 Seiten, 14,95 Euro.
Foto: Suhrkamp

Heldin der Geschichte ist Lilo, ein Mädchen in der Heilanstalt, die sich um alle kümmerte. Auch um August, und der bewunderte sie. Christa Wolf hat hier die Perspektive gewechselt, hat erstmals eine männliche Sicht eingenommen. Mit den Worten „August erinnert sich:“ fängt sie an und begibt sich in seine Denkweise.

Er erinnert sich, wie er als acht Jahre alte Waise in das Krankenhaus in Mecklenburg kam, das wegen seiner früheren Funktion „das Schloß“ genannt wurde, wegen seiner Rolle als Tuberkulose-Heilanstalt auch die „Mottenburg“. Und wie er da auf Lilo traf, die ihm auffiel, weil sie der Oberschwester Widerworte gab, die sonst so gut war, den Schwestern zur Hand ging, die mit den anderen Kranken sang, tröstliche erzählerische Lieder. Lilo war eine, erinnert sich August, die nicht an sich dachte, wenn sie auch den schweren Fällen zur Seite stehen wollte.

Christa Wolf hat ihn nicht Schneider werden lassen, August ist Busfahrer jetzt. Während er sich erinnert, chauffiert er „eine Gruppe quietschvergnügter Senioren“ von Prag nach Berlin. Er ist diese Arbeit gewohnt, sie strengt ihn aber auch an, zumal jetzt, da er das Rentenalter erreicht hat. Während es also hinter ihm schnattert, wandern seine Gedanken zu seiner Frau, die noch nicht lange tot ist, und dann eben zu Lilo.

August blickt gern zurück auf seinen Neuanfang nach dem Unglück des Krieges und dem Verlust der Mutter auf der Flucht. So wie Christa Wolf schreibt, tasten sich die Erinnerungen langsam zurück, es sind Episoden, an deren Verlauf er sich genauso erinnern kann wie an die Gefühle dabei.

Wie enttäuscht er war, wenn er die Nähe zu Lilo mit anderen Kindern teilen musste. Und wie er ihr einmal ganz nah war, und wie ihn das wohl für später geprägt hat. So einfach der Mann ist, der selbst vermutet, seine Kollegen mögen ihn für langweilig halten, so sehr kann er von einer Herzensbildung zehren, die er früh erhalten hat. Christa Wolf lässt es aus den Sätzen klingen: eine Atmosphäre des Vertrauens, begleitet von Liedern und Geschichten, spannend durch Streiche, getrübt durch Verluste. Das alles hat ihm den Weg ins Leben geebnet. Eine große Menschlichkeit und Liebe steckt in dieser kleinen Erzählung. Die reife Autorin blickt selbst mit Dankbarkeit zurück.

Der Käufer des im Berliner Audio-Verlag erscheinenen Hörbuchs (71 Minuten, 15,99 Euro) ist in diesem Falle gegenüber dem Leser im Vorteil. Ein abfotografierter Brief an „Fräulein Christa Ihlenfeld“, wie Christa Wolf als Mädchen hieß, mit dem Poststempel vom 15. Juli 1947, führt in den Hintergrund der Geschichte ein.

Die ruhige, manchmal zögernde, warme Stimme von Dagmar Manzel gibt dem Text einen schönen Klang. Im Anschluss erzählt Gerhard Wolf über August und das Geschenk seiner Frau. Und im Booklet sieht man Fotos des Paars aus verschiedenen Jahren, Momente einer lebenslangen Liebe. Sogar zwei Hochzeitsbilder von 1951 sind dabei. Außerdem ist die Erzählung „Er und ich“ von Christa Wolf aus dem Jahr 1988 abgedruckt, im Ton sehr passend zu August. Sie beschreibt ihr Zusammenleben mit Gerhard Wolf, indem sie ihn charakterisiert, staunend und verständnisvoll, mit einer kleinen Prise Ironie.

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