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Literatur

25. Mai 2012

Buchrezension: Widmann: Vom Nachttisch geräumt

Was folgt sind keine Rezensionen. Es sind – sehr altertümlich gesagt – Lesefrüchte. Also Gedanken, Formulierungen, die mir bei der Lektüre auffielen, die ich weitergeben möchte. Manchmal sind es auch einfach nur Einfälle. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet.

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Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit, einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat neu.

Die Stellungen von Pollen und Narben

Genau so ist Natur nicht. Das ist Kunst. Ins Extreme gesteigerte Künstlichkeit. Unangenehm, beklemmend. Aber schön. Der 1964 in Stockholm geborene Fotograf Edvard Koinberg hat die Blütenstände von Pflanzen fotografiert. Das ganze Jahr über, dabei folgte er dem Blühkalender aus dem Jahre 1756 seines großen Landsmannes Carl von Linné. Er hat die wild wuchernde Sexualität der Pflanzen nicht in Wiesen fotografiert, nicht im Sumpf und auf Feldern. Er hat sie nicht fotografiert, umsummt von Bienen, Käfern und anderem für die Pflanzen lebenswichtigem und lebensgefährlichen Getier. Die Pflanzen stehen nicht neben einander, kämpfen nicht um Wasser, Platz und Licht. Koinberg hat die Pflanzen aus dem Boden gerissen, hat sie zerschlagen,  bis er nur noch den Blütenstand als seine Beute in Händen hielt. Den schleppte er ins Atelier. Dort fotografierte er ihn, vor schwarzem Hintergrund. Koinbergs Bilder sind Fotos aus einem Darkroom. Wer das Leben liebt, der wird diese Stilleben – nature morte, sagt man auf Französisch – nicht nur nicht lieben. Er wird sie hassen.

In dieser dunklen Kammer wird gemordet. Das Schlimmste daran aber ist: Es geschieht aus Liebe. Nicht aus Liebe zu den Pflanzen wie sie sind, sondern aus Liebe zu dem, was der Mörder aus ihnen macht. Aus in Hitze und Wind zitternden Lebewesen, die sich der Sonne und jenen Gästen entgegenstrecken, die ihre Pollen hinüber zur Narbe  bringen sollen, werden Monumente einer sterilen, sich selbst genügenden Schönheit, dargeboten auf einem zigfach geglätteten Papier, aus dem ebenfalls jede Spur seiner Entstehung getilgt wurde.

So angewidert man den Band auch betrachten mag, man wird doch, wenn man ihn denn nicht gleich weggelegt hat, eingefangen von der morbiden Perversität dieser Präsentation. Man sieht hier ganz genau, was Linné meinte, als er davon sprach, Narbe und Staubblätter einer Akelei lägen in den weißrosa Blütenblättern wie Braut und Bräutigam im Hochzeitsbett. Aber sie küssen einander nicht. Sie lachen nicht und weinen nicht. Sie sind tot. Doch der Tod ist der sicherste Konservator des Augenblicks. Bis der Verfall einsetzt. So lange das nicht geschieht, oder doch jedenfalls von uns nicht bemerkt wird, ermöglicht der Tod uns, die Sache in Ruhe zu betrachten. Die Sache? Es ist das Sache gewordene Leben, das wir sehen.

Das ist hier doppelt pervers. Denn Koinberg fotografiert die Fortpflanzungsorgane. Die männlichen und die weiblichen. In einer Blüte. Das gibt der Todesfaszination dieser Bilder einen zusätzlichen Kick. Der Fotograf hat uns verschleppt in den innersten Bereich dessen, was Kunst ist. Sie will Leben schaffen aus dem, das sie umgebracht hat. Aus dem also, das sie tötete und dem, das von ihr getötet wurde. In der Kunst geht es um die Wunden, die einem geschlagen wurden und die man geschlagen hat. Die stummen Bilder schreien. Je stummer sie gemacht wurden, desto lauter glauben wir ihren Schrei zu hören. Kein gefilmter Jesus am Kreuz schreit so laut wie irgendein gotischer Kruzifix. Vielleicht sehen wir in dem Darkroom der gemarterten Pflanzen Koinbergs die Sommerwiese nicht klarer als beim Sonntagsspaziergang, aber – und darum ärgerten wir uns so sehr über seine Fotos - wir sehnen uns ungleich stärker nach ihr und ihrem ach so lebendigen Leben und Sterben.

Edvard Koinberg: Herbarium Amoris – Das Liebesleben der Pflanzen, Texte von Henning Mankell und Tore Frängsmyr, übersetzt von Wolfgang Butt und  Nils Köster,  Taschen, Köln 2009, 320 Seiten, antiquarisch 15 Euro.

Auch da war sie dabei

Das früheste Foto ist von 1968. Es zeigt Barbara Klemms Vater, den Maler Fritz Klemm  in seinem Atelier in Karlsruhe. Er steht am verschlossenen Fenster und sieht hinaus. Auf dem neuesten ist der chinesische Autor Liao Yiwu  zu sehen, wie er am Abend des 18. August 2011 auf der Großen Bühne der Berliner Festspiele sein Gedicht Massaker, das er 1989 den Opfern der Schlächterei auf dem Platz des Himmlischen Friedens widmete, nicht vor trug, sondern hinaus brüllte und schluchzte. Dazwischen jenes Foto von Friederike Mayröcker (geboren 1924 in Wien), das eines der beeindruckendsten Bilder ist, das jemals von irgendeinem Autor oder einer Autorin gemacht wurde. Die Dichterin als Messie. Ein Zimmer, darin zwei Tische, ein Stuhl, Regale, Ablageflächen. Überall Papier, Papier, Papier. Gestapelt und in Schachteln. Schmale Gänge führen durch die Papierberge hindurch. Mittendrin sitzt die Dichterin gelassen auf einem Stuhl, blickt in die Kamera. Ihre Augen sind kaum zu sehen unter dem schwarzen Pony. Hier entstehen die Verse der Friederike Mayröcker. Carmen Tartarotti hat in einem sehr klugen und sehr anrührenden Film („Das Schreiben und das Schweigen“) gezeigt, wie die Mayröcker schreibt. Sie steht am Fenster, an diesem Fenster, das auch auf dem Foto von Barbara Klemm zu sehen ist, protokolliert, was sie sieht,  und dann greift sie in das sie umgebende, in das  von ihr erzeugte Chaos und greift nach einem der ihr von allen Seiten zufallenden Papierfetzen. Sie sind alle beschrieben. Es sind Sätze, Wörter, Wendungen, die sie sich irgendwann einmal notiert hatte, als ein Material, das sie einschieben kann in ihre Protokollsätze.

Wer immer Gelegenheit hat, diesen Film zu sehen, er nutze sie, so wie ich dieses Foto von Barbara Klemm nutze, um auf ihn hinzuweisen. Also da ist das Foto der Mayröcker in ihrem Chaos, aus dem sie den Kosmos ihrer Gedichte macht, und da ist ein Foto von Botho Strauß, entstanden 1980. Er sitzt in einem riesigen Zimmer, in dem nichts steht als ein alter Sekretär, ein Sessel, in dem der Dichter sitzt und hinten links in der Ecke ein Stuhl. Unter den beiden Fenstern die Heizkörper. Alles aufgeräumt. Kein Staubkorn, das sich dem Blick entgegenstellt.

Barbara Klemm war auch am 13. November 1976 in der Kölner Sporthalle und fotografierte einen überglücklichen Wolf Biermann bei seinem bis dahin größten Konzert, von dem er erst später erfuhr, dass es sein letztes  als Bürger der DDR gewesen war und viele Seiten – das Buch zeigt die Künstler und Wissenschaftler, die Musiker, Dichter und Architekten  in der nicht immer streng durchgeführten alphabetischen Reihenfolge ihrer Namen – später Christa Wolf, die 1976 sich auf die Seite Biermanns gegen die Staatsführung der DDR gestellt hatte, wie sie sich 1982 im Hörsaal VI der Frankfurter Universität durch wartende, jeden freien Quadratzentimeter besetzende Menschenmassen zwängen muss, um ihre Kassandra-Vorlesung halten zu können. Barbara Klemm war auch da dabei gewesen. Unsere Jahre, so merken wir jetzt, waren auch unsere Jahre mit Barbara Klemm.

Barbara Klemm: Künstler – Fotografien  1968-2011,Katalog zu einer Ausstellung, die bis zum 29. April in der Kestnergesellschaft in Hannover zu sehen war,  Nimbus Verlag, Wädenswil 2012,  166 Seiten,  150 s/w Fotos,24,80  Euro.

Er kann nicht!

Ulla Hahn gibt seit April 2011 im Reclam Verlag eine Reihe mit Liebesgedichten  heraus. Um die einhundert Seiten hat jedes Bändchen. Es sind schöne, gebundene Bücher mit einem roten Lesebändchen. Wer an einem Sonntag auf einer Wiese sitzt und noch nicht weise genug ist, um zwei Stunden lang nichts zu tun, der kann zum Beispiel, wie ich es tat, die „Liebesgedichte der Antike“ aufschlagen. Niklas Holzberg, Übersetzer und Biograph von Ovid, Horaz, Vergil, Tibull, Catull hat die Auswahl getroffen, die Texte vom sechsten vorchristlichen bis ins sechsten nachchristlichen Jahrhundert übersetzt, erläutert  und kommentiert. Man versaut durch die Lektüre dieser Sammlung.

Als ich heute im Büro in einer Konferenz eine Kollegin ihre Wange an die Zimmerwand legen sah, fielen mir die Verse des schwulen Straton ein. Der schrieb im zweiten nachchristlichen Jahrhundert: „An die Wand gelehnt hast du dein sehr ansehnliches Hinterteil, Kyris. Was versuchst du den Stein zu verführen? Er kann nicht!“ Die erste vollständige deutsche Ausgabe der überlieferten Texte des griechischen Dichters brachte Elisar von Kupffer um 1900 heraus.

Natürlich fehlt in dieser Sammlung nicht Ovids Klassiker von der Liebe am Mittag. Wer die berühmte Registerarie im Kopf hat, dieses „ In Italia 640, in Almagna 231, 100 in Francia, in Turchia 91. Ma in Ispagna son già 1003.“, der wird sich auf Seite 11 die Augen reiben. Es handelt sich um ein pseudoanakreontisches Gedicht eines unbekannten griechischen Autors aus dem vierten oder dritten vorchristlichen Jahrhunderts. Da ruft ein Herr seinem Schreiber zu, er soll seine Eroberungen aufzeichnen. Holzberg sagt „registrieren“, damit wir merken, auf wen das verweist. Zwanzig in Athen, reihenweise in Korinth, zweitausend in ganz Griechenland und da fehlen noch die Kreterinnen und die Frauen in Syrien, in Indien und in Baktra, sagt er. Nein, nein. Singt auch er. Denn diese Lyrik wurde doch gesungen, oder? Lorenzo da Ponte wird dieses Gedicht gekannt haben. Manchmal sind zweitausend Jahre wie ein Tag.

Liebesgedichte der Antike, hrsg. Von Ulla Hahn, ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Niklas Holzberg, Reclam Verlag, Dietzingen 2012,  112 Seiten, 8,80 Euro.

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