Mit dem Satz "Ich bin nicht Internet" reagierte Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker irritiert auf den Laptop, den er aufgeklappt an seinem Rednerpult vorfand. Im Rahmen der Buchtage 2009 war Weizsäcker kurz zuvor mit einer Ehrenmedaille für seine Verdienste um das Buch ausgezeichnet worden: Als ein Leser, der beinahe lebenslang Partei ergriffen hat für das bedruckte, liebevoll eingebundene Papier. Angesichts des Tagungstitels "Die Branche der Zukunft" reüssierte Weizsäckers Erinnerung an die Geschichte des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels jedoch eher als ein Lob des Antiquariats. Wer wollte sie ernsthaft bestreiten, die Würde der old school der Vermittlung von Wissen, Bildung und Unterhaltung?
Die Fragen der Stunde aber blinkten von diversen Powerpoint-Präsentationen in den Kuppelsaal des Berliner Kongresszentrums am Alexanderplatz hinein. Wie jung ist, wie mutig darf, wie innovativ kann die Branchenvereinigung sein, in der die immer heftiger aufeinanderprallenden Interessen von Verlegern, kleinen Buchhändlern und aggressiven Sortimentern vereint sind? Die Buchtage sind qua Institution eine unwahrscheinliche Veranstaltung, in der es auf den Ton ankommt, der die Musik des Handels mit dem geistigen Eigentum macht.
Der Auftaktsound kam schweizerisch daher. Urs Gasser, Direktor des Berkman Centers for Internet and Society an der Universität Harvard entwarf ein Sittenbild der digital natives, der medialen Sozialisationsmuster der nach 1980 Geborenen, denen die digitalen Medien schon an die Wiege gestellt worden sind. Wer mit flimmernden Zeichen groß geworden ist, der weiß, dass weitere tektonische Verschiebungen im Umgang mit Information bevorstehen. Das informationelle Ökosystem, so Gasser, ist grundlegenden Veränderungen ausgesetzt. Die Eingeborenen der digitalen Welt verfügen über einen schwach ausgeprägten Qualitätssinn, bewegen sich dafür aber in einer Kultur des Mitteilens und Teilens. Bezahlt wird nicht im Netz. Es wird getauscht, gechattet und heruntergeladen, ökonomische Interessen werden rasant überholt, forciert und zurückgelassen.
Was das heißt, veranschaulichte der Musikmanager Tim Renner am Beispiel seiner Tochter, die kürzlich mit ihren Bibi-Blocksberg- und Pink-CDs aufkreuzte und fragte, ob das Haus- oder Sondermüll sei. Sie hatte Musik und Märchen auf ihren iPod gezogen und das Trägermedium anschließend als überflüssig erachtet. Ein libidinöses Verhältnis zu Buch oder Platte, stellte der Vinylliebhaber Renner ernüchtert fest, wird es in der digitalen Welt wohl nur noch sehr begrenzt geben.
Lieber gar nicht erst verbieten?
Renner, der einstige Vorstandschef der Universal Music Group Deutschland, trat vor den Buchhändlern als freundliche Kassandra auf. Seit seinem Abschied von der Managerkarriere schlüpft er bevorzugt in die Rolle des Warners vor sentimentalischen Ökonomien. Wiederholen sie nicht die schlimmsten Fehler der Musikindustrie, rief er den Buchhändlern zu. "Versuchen Sie gar nicht erst, über Verbote nachzudenken." Ein guter Buchhandel, so Renner, sei der beste Kopierschutz.
Vehement widersprach er Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der zur Eröffnung der Buchtage für eine Buchpreisbindung bei E-Books votiert hatte. Renner riet, nicht länger gegen die Bedürfnisse der Konsumenten anzukämpfen. Wenn diese nur ein paar Kapitel aus einem Buch erwerben wollen, sei es Aufgabe des Handels, ihm diese zugänglich zu machen. Das physische Angebot Buch werde nicht sterben, so Renner zum versöhnlichen Schluss.