Literatur

13. März 2012

Buchtipps: Widmann: Vom Nachttisch geräumt

 Von Arno Widmann

Was folgt sind keine Rezensionen, nicht einmal Kurzrezensionen. Es sind – sehr altertümlich gesagt – Lesefrüchte. Also Gedanken, Formulierungen, die mir bei der Lektüre auffielen, die ich weitergeben möchte. Manchmal sind es auch einfach nur Einfälle. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet.

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Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit,  einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. In Zukunft möchte ich am 1. eines  jeden Monats  einen solchen Blick auf neue und alte Bücher, auch die eine oder andere CD oder DVD werfen.

Künstler werden, Künstler sein

Brigitte Gedons  „Franz von Lenbach“ , erstmals 1999 erschienen, liegt jetzt in einer überarbeiteten Ausgabe vor. Das Buch ist frei von kunstwissenschaftlichem Jargon. Es erzählt, wie aus dem Sohn eines aus Tirol nach Bayern eingewanderten Bauunternehmers in Schrobenhausen einer der erfolgreichsten deutschen Maler des 19. Jahrhunderts wurde. Als seine Mutter gestorben war und der Vater zum dritten Male heiratete, hatte Franz Lenbach elf lebende Geschwister. Die erste Frau des Vater starb mit 36 Jahren, nachdem sie in elf Jahren zehn Kinder geboren. Nach dem letzten war sie zwei Jahre lang bettlägerig gewesen. Auch die zweite Frau, Franz von Lenbachs Mutter, starb mit 36. Sie hatte in zwölf Jahren acht Kinder auf die Welt gebracht. Zu den Kindern kam nicht nur die Arbeit im Haushalt, sondern auch die Leitung der Geschäfte der Firma. Der Vater war auf den Baustellen unterwegs. Das sind die Verhältnisse,  von denen Franz von Lenbach sich abstößt, um Künstler zu werden.

Man erfährt hier viel darüber, wie Böcklin, Lenbach, Makart, Hans von Marées, Piloty, Wilhelm Busch einander förderten und sich einander in die Wege stellten, über die Kunstszene also. Wie viel Jahre Lenbach sein Geld als Kopist verdienen musste. Und was für ein Sprung das schon war, nachdem er als junger Mann Bilder von Unfällen und Erhörungen malte, die die Bauern dann nach Altötting brachten. Wer heute an dem Rundbau entlang geht und sich wundert über die Schönheit mancher Bilder, hat vielleicht einen frühen, sehr frühen Lenbach vor Augen. Wir stehen heute vor Gerhard Richters Wolkenbildern und erkennen, dass es Bilder nach Fotos sind, ja sein müssen. Aber schon Lenbach malte nach Fotos. Eines seiner berühmtesten Gemälde, das Selbstbildnis mit Frau und Töchtern, bei dem man das Gefühl hat, selten ist der familiäre Wahn so genau erfasst worden, hat er nach einem Foto gemalt. Der Eindruck des Wahns mag sich auch daher herstellen, dass alle wie gebannt auf das Kameraobjektiv starren.

Brigitte Gedon: Franz von Lenbach – Die Suche nach dem Spiegel, DuMont Verlag, Köln 2011, 322 Seiten, zahlreiche s/w und farbige Fotos, 29,95 Euro

 

Er ist ganz nett

Wir leben in Klischees. Wer C.G. Jung (1875-1961) hört, denkt Archetyp. Er denkt an einen Reaktionär, der alles in den Tiefen verankert, die Gesellschaft nicht sieht. Dagegen hilft lesen. Querbeet lesen. Auch das, das einem nicht in den Kram passt, das einem widerspricht. Man liest dann zum Beispiel in Jungs „Über Grundlagen der Analytischen Psychologie“, einer Reihe von fünf Vorlesungen, die der Schweizer Analytiker 1935 in der Londoner  Tavistock-Klinik hielt. Sie sind besonders lesenswert, weil sie auch die sich an die Vorlesungen  anschließenden Diskussionen protokollieren. Gleich in der ersten fragt der Theosoph Laurence J. Bendit,  wo denn die Grenze zwischen dem Einfall eines Verrückten und zum Beispiel künstlerischer Inspiration verlaufe. Jung stellt fest: „Es gibt keinen Unterschied.“ Er fährt fort: „Ich werde sagen, dass der Mann so lange nicht geisteskrank ist, als er sich mir gegenüber in einer Art erklären kann, dass ich einen Kontakt mit ihm habe.“ Das ist ganz wunderbar:  Ver-rückt ist der, der von mir abgerückt ist. Wer meine Verrücktheit teilt, ist normal. Dann wird Jung noch deutlicher: „‘Verrückt sein‘ ist eine soziale Vorstellung; wir benützen soziale Abgrenzungen, um geistig-seelische Störungen zu bezeichnen.“  Einen Maler zum Beispiel mag man für einen originellen Künstler halten, „aber“, jetzt kommt ein Beispiel tief aus dem Schweizer Herzen C.G. Jungs „ wenn sie ihn als Kassier bei einer Großbank einstellen, dann wird die Bank etwas erleben!“ All dies, so Jung sind „einfach soziale Beurteilungen.

Das Gleiche kann man in Irrenanstalten beobachten. Wenn diese zu Monsterinstituten anwachsen, so liegt der Grund dafür nicht in der absoluten Zunahme der Geisteskrankheiten, sondern darin, dass wir abnormale Menschen nicht mehr ertragen.“ Und dann ein Schluss, der garantiert Friedrich veranlasst hätte,  den verrückten C. G. Jung an seine Tafel zu bitten: „In meinem Heimatort – Kesswil am Bodensee hat heute 980 Einwohner – hatten wir Imbezille; aber man sagte nicht: ‚Er ist ein dummer Esel‘ oder etwas Ähnliches, sondern: ‚Er ist ganz nett.‘ Ebenso nannte man gewisse Idioten ‚crétins‘, was von dem Ausdruck herkommt: ‚Il est bon chrétin.‘ Man konnte nicht viel anderes von ihm sagen, aber auf alle Fälle waren sie ‚gute Christen‘.“

Carl Gustav Jung, Ausgewählte Schriften, hrsg. Von Verena Kast und Ingrid Riedel, Patmos Verlag, Ostfildern 2011, 316 Seiten, 24,90 Euro.

 

Mit den Jahren erzarten

1860 hielt der 75-jährige Jacob Grimm in der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin eine „Rede über das Alter“. Ohne die verheerenden Wirkungen der Zeit auf Körper und Geist zu leugnen, breitet er doch einen Schein der Güte und Milde darüber aus. Er zitiert Cicero, der die eigene Verbitterung, seine Bereitschaft, sich über alles und jeden zu ärgern, ihrerseits bitter notiert. Aber Grimm schließt sich ihr nicht an. Er sagt tröstend: Man kann auch weich werden im Alter. Milde. Mit den Jahren erzarten. Der Leser sieht das gleich danach, an der Art, wie Jacob Grimm im selben Jahr über seinen gerade erst gestorbenen Bruder Wilhelm spricht. Dazu ein Nachwort des heute – leider – kaum noch gelesenen Kunsthistorikers Hermann Grimm, seines Neffen. Ein schönes, kleines Buch für den milden Herbstnachmittag eines alten Mannes.

Jacob Grimm: Rede über das Alter, Rede auf Wilhelm Grimm, Steidl, Göttingen 2010, 111 Seiten, 14 Euro.

 

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