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Buchvorstellung: Der schwere Hammer der Langeweile

Voraus gesetzt, man hält den Zeitgeist für die Gegenwart: Joseph O'Neills preisgekrönter Roman "Niederland". Von Christoph Schröder

Das Chelsea Hotel in New York gilt seit jeher als ein Anziehungspunkt für Künstler und als ein Zufluchtsort der Gestrandeten: Thomas Wolfe hat hier gewohnt und Dylan Thomas; Janis Joplin, Jimi Hendrix oder Leonhard Cohen. Und auch Joseph O'Neill, als Sohn eines Iren und einer Türkin in Irland geboren und in den Niederlanden aufgewachsen und für seinen Roman "Niederland" in den USA mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet.

Es ist das New York nach den Anschlägen des 11. September, durch das O'Neills Protagonist Hans van den Broek, ein in der Nähe von Den Haag geborener Analyst in Diensten einer weltweit operierenden Bank, sich bewegt. Zusammen mit seiner Frau und dem kleinen Sohn musste er aus Sicherheitsgründen die Wohnung räumen; nun lebt die Familie quasi im Exil - im Chelsea Hotel, versteht sich. Finanziell ist man gesichert, doch der Terrorangriff hat alles verändert. Die Stadt und deren Bewohner leben in einem Schockzustand, den Rachel, Hans' Frau, schließlich nicht mehr erträgt: Sie nimmt den Sohn und kehrt zurück in ihre Heimatstadt London. Hans bleibt in New York zurück, verstört, leer und einsam - bis er eines Tages einem Mann namens Chuck Ramkissoon begegnet, einem aus Trinidad emigrierten Cricketfanatiker und dubiosen Geschäftemacher.

Das Buch

Joseph O'Neill: Niederland. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 316 S., 19,90 Euro.

Alles, was unsere Epoche vermeintlich ausmacht, kommt in "Niederland" vor: Die globalisierten Geldströme und der Multikulturalismus, der Terror und der Krieg, politischer Radikalismus und die Verwandlung der USA in einen Schurkenstaat unter George W. Bush. Wenn man den Begriff "Zeitgeist" als Synonym für "Gegenwart" begreift und von einem Roman dessen Abbildung erwartet, dann hat O'Neill den denkbar gegenwärtigsten Gegenwartsroman geschrieben.

Streng genommen erzählt er aber nur von einem recht langweiligen Mann mit einem doofen Job, der seiner hysterischen Frau nachtrauert und Sätze wie diese formuliert:

"Ich mochte und respektierte meine Kollegen: Ihr bloßer Anblick - die Männer glattrasiert und mit Wohlstandspolstern um die Hüften, die mit Firmenausweisen und Kommunikationsspielzeugen behängt waren, die Frauen in dezenten Kostümen, und alle schulterten sie ihre Lasten nach besten Kräften - konnten mich mit Freude erfüllen."

Ansonsten bedient sich der Ich-Erzähler Hans van den Broek einer ziemlich angespannten Literatursprache, die jederzeit in Schräglage geraten kann. Da wird schnell einmal ein Reiseplan "mit dem schweren Hammer der Langeweile zusammengeschustert". Was also soll all das? Es gibt Hinweise im Text: "Kurzum, ich war, was Ethik und Politik anging, ein Ignorant", bemerkt Hans eines Tages. Das wäre, konsequent durchgehalten, ein spannender Ansatz gewesen. Und hin und wieder schimmert er auch durch, dieser Verlust von orientierungsstiftenden Kategorien.

"Niederland" ist kein gänzlich misslungener Roman in seiner Diffusität, in der Strukturlosigkeit seines Helden, die sich in der sprunghaften Anlage des Textes selbst niederschlägt. Dass 9/11 das Fremdsein in einer fremden Stadt verstärkt hat; dass sich hier urplötzlich Leerstellen von existentieller Größe aufgetan haben - mag sein. Doch werden die Leerstellen des Selbstverlustes mit Pathos gefüllt. Und mit Cricket. Da kommt Chuck Ramkissoon wieder ins Spiel, der mit Inbrunst die amerikanischen Werte hochhält, in seiner Freizeit als Schiedsrichter arbeitet und Hans' alte Leidenschaft für den Sport neu entfacht, mit dem Ergebnis, dass "Niederland" seitenlange und komplett unverständliche Erläuterungen über das Cricketspiel enthält, deren Funktion im Dunkeln bleibt. Auch in diesem Fall gilt: Zu viel Gerede um Nichts, auch wenn dieses Nichts von großer Bedeutung sein könnte.

Autor:  CHRISTOPH SCHRÖDER
Datum:  22 | 6 | 2009
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