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Literatur

28. November 2012

Bücher im November: Nach der Bücherjagd: Vom Nachttisch geräumt

 Von Arno Widmann
Arno Widmann. Foto: Mely Kiyak

Ambrosius von Mailand, Bertolt Brecht, John Cage, David Hume, Ernst Ludwig Kirchner, Kojiki, Napoleon, Thomas von Aquin: Büchergedanken im November.

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Es folgen keine Rezensionen. Es handelt sich  – sehr altertümlich gesagt – um Lesefrüchte. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet. Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit, einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat neu wird vom Nachttisch geräumt.

 

Das Spiel von Liebe und Tod

Am 25. Dezember 2011 wäre Louise Bourgeois (1911-2010) einhundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erschien erstmals vollständig auf Deutsch das Gespräch, das Donald Kuspit 1988 mit ihr führte. In einer sehr schönen Ausgabe im Schweizer Piet Meyer-Verlag. Es ist ein gründliches Gespräch, in dem immer wieder auch auf einzelne Arbeiten eingegangen wird. Deren Abbildungen stehen dann gleich daneben. So weiß auch, wer nicht vertraut ist mit dem Werk einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, sofort wovon die Rede ist. Das ist bei Louise Bourgeois besonders hilfreich, denn auch noch ihre scheinbar abstraktesten Arbeiten sind autobiographisch. Das liest sich dann so: „ ‚Wie heißt diese Arbeit?‘ ‚Cumul. Man sieht die Elemente, die zusammenhängen. Sie treten aus dem Faltenwurf hervor. Die Drapierung fällt ab, und sie gelangen ans Licht. Alles um sie herum ist Drapierung. Das Gefühl von etwas, das vollständig verdeckt ist und dann hervortritt – das ist mir wichtig‘.“ Man blickt auf die Seite gegenüber, betrachtet den aus einem Holzkasten hervorquellenden Marmor und muss lachen. Es sieht aus als wüchsen Penisse eng gedrängt wie Pilze aus einem gemeinsamen Boden. Penisse, die sich aus ihren Vorhäuten recken. Kuspit will es genauer wissen und fragt nach: „Sagen Sie etwas mehr zu dieser Arbeit. Erzählen Sie mir ihre Geschichte.“ „Nun, das hier stellt eine Küstenlinie dar, das dort das offene Meer, und jenes Element steht im Begriff, allein fortzugehen und sie selbst zu sein.“ „Sie stellen also ein Bild der Familie dar.“ „Richtig. Es ist wie eine Familie, in der es zu behaglich ist, zu eng.“

Bourgeois betrachtet jedes Element - also jeden Penis - und erklärt sie zu Mutterfiguren. Man käme nicht drauf und man behält den Zweifel, ob es wirklich so ist. Aber, was heißt schon „wirklich“? Andererseits: ausgerechnet die Glans offenlegende Penisse als Mutterfiguren zu bezeichnen, lädt schon sehr zu tiefenpsychologischen Gedankenspielen ein. Haben wir es mit einem Panfeminismus zu tun? Wenn auch noch das Symbol der Männlichkeit zu einem der Frau wird, wenn Lingam Yoni ist, wo gibt es dann überhaupt noch den Mann?

Eine dumme Frage. Denn der Mann spielt eine große Rolle im Werk der Louise Bourgeois. Als Fluchtpunkt. Nicht als der, zu dem sie flüchtet, sondern als der, vor dem sie flüchtet. Donald Kuspit fragt sie: „Ihre Skulpturen entstehen aus der Perspektive der betrogenen Frau, die den Tod gekostet hat, deren Sex mit ihrem Ehemann mit einem Makel behaftet ist, weil er bei anderen Frauen gelegen hat. Ist ihre Beharrlichkeit angesichts des Steins, Ihre Entschlossenheit in der Situation, in der sie der Härte des Steins gegenüberstehen, mit der Zuverlässigkeit ihrer Mutter zu vergleichen? Ist ihre Beharrlichkeit die Geduld Ihrer erwachsenen Mutter mit ihrem infantilen Vater, den Sie im Geiste in mehreren Ihrer Werke vernichtet haben – um Ihrer Mutterwillen vernichtet haben, um Ihre Mutter zu rächen?“ Spinnt Kuspit? Was soll das? Fragt sich der ahnungslose Betrachter der Skulpturen der Louise Bourgeois. Aber er täuscht sich. Louise Bourgeois setzt noch einen drauf: „Es ist noch persönlicher. Ich bin unfähig dafür zu sorgen, dass ich geliebt werde. Der Widerstand des Steins ist meine Unfähigkeit dafür zu sorgen, dass ich geliebt werde. Ich finde mich in einem Spiel wieder, in einem Spiel, das ich nicht spielen kann, einem Spiel der Liebe, das aussieht wie ein Spiel des Todes. Ich weiß nicht, ob das Spiel richtig ist, aber es existiert, es ist gegeben, es ist die Familie.“

Donald Kuspit: Ein Gespräch mit Louise Bourgeois, aus dem Englischen von Volker Ellerbeck, Piet Meyer Verlag,  119 Seiten, 24 farbige und s/w Abbildungen, 12,80 Euro.

 

Moskauer Simpel

Als im November 1812 die Große Armee Napoleons in Russland von Frost und Schnee eingefangen wurde, war das das Ende des napoleonischen Zeitalters. Eckart Kleßmann hat unter dem Titel „Die Verlorenen“ zusammengetragen, was er an Äußerungen der Soldaten in Napoleons Russlandfeldzug finden konnte. Es ist eine erschütternde Lektüre. Ich habe sie nicht am Stück hinter mich bringen können. Sondern immer wieder eine Woche Pause eingelegt, bis ich mich wieder diesen Todesmärschen zuwandte. Am Morgen des 29. November, um 9.30 Uhr, ließ General Eblé, da er die Russen herannahen sah,  die Brücken über die Beresina abbrennen. Wer jetzt noch drüben war, war verloren.

Allein hier an der Beresina starben 13.000 Mann der Grande Armée, daneben zehn- bis fünfzehntausend Russen. Das Abbrennen hielt die russischen Verbände allerdings nicht lange auf. Der Fluss gefror bei 25 Grad minus schnell und war leicht zu überqueren.

Am 30. November vor zweihundert Jahren notiert Leutnant Christian von Martens in sein Tagebuch: „Was wir in diesen langen Nächten zu leiden hatten, kann nicht leicht geschildert werden; das schnell auflodernde Feuer schrumpfte auf einer Seite die auftauenden Glieder zusammen, während auf der entgegengesetzten Seite der Frost doppelt empfunden wurde, die zerlumpten Kleider wurden durch darauf fallende Kohlen immer mehr bis auf die Haut durchlöchert; das Ungeziefer, welches man scharenweise auf dem Leibe trug, setzte sich durch die Wärme in Tätigkeit und marterte uns bis zur Verzweiflung; endlich stellte sich, wenn man auf das äußerste erschöpft war, der Schlaf ein, die Augen fielen zu, das Feuer erlosch, und viele erlebten den folgenden Tag nicht mehr. – Doch noch unglücklicher waren jene, denen noch das zurückgetretene Blut im Herzen rollte, mit erfrorenen Händen und Füßen waren sie nicht mehr vermögend aufzustehen, sie kämpften in schrecklicher Todesangst, sahen ihre Kameraden weiterziehen und sich hilflos dem qualvollsten Tod preisgegeben, in ihren wilden Zügen herrschte Bestürzung, Hunger, Schmerz und Tod. Den wollenen Socken, die mir als Handschuhe dienten, hatte ich die Möglichkeit der Fortsetzung meines Tagebuchs zu verdanken, ohne diesen Schutz hätte ich bei der grimmigen Kälte keinen Finger bewegen können. Moskauer Simpel wurde ein jeder genannt, dessen Bewusstsein unter den obwaltenden Umständen Not gelitten hatte; für einen solchen mag man mich auch gehalten haben, wenn ich am Biwakfeuer zusammengeschrumpft Bleistift und Papier hervorzog, um des Tages Begebenheiten niederzuschreiben.“

Eckart Kleßmann: Die Verlorenen – Die Soldaten in Napoleons Russlandfeldzug, Aufbau-Verlag, Berlin 2012, 441 Seiten mit s/w Abbildungen, 29,99 Euro

 

Die eigentlichen Angelegenheiten Deutschlands

So anregend der Briefwechsel Bertold Brecht – Helene Weigel sein mag, er weckt doch vor allem das Verlangen nach einer umfassenderen Ausgabe. Bei einem derart ineinander verzahnten Freundes- und Liebeskreis wie dem um Bertold Brecht, möchte man bei den frühen Briefen, als Helene Weigel die Geliebte Brechts war, doch sehr gerne den gleichzeitigen Briefwechsel des Meisters mit seiner Gattin heranziehen und bei den späteren dann, als Helene Weigel seit April 1929 mit Brecht verheiratet war, die mit Margarete Steffin, Ruth Berlau und anderen hinzuziehen. Denn ohne die und sicher noch ein paar andere Männer und Frauen, kann man nicht verstehen, was Brecht der Weigel und was sie ihm schrieb. Und was ist anregend? Vielleicht die die Briefe Brechts abschließenden letzten Sätze, die zärtliche Nüchternheit, mit der er einen oder mehrere Küsse anbringt oder auch einfach ein: „Sei freundlich, ich mag Dich.“ Wobei mir das der Coolness deutlich zu viel ist. Ganz anders und vielleicht doch nachahmungswürdig ist das Ende seines Briefes vom 21. März 1946 aus New York: „Ich küsse Dich vorsichtig und unvorsichtig, sorgfältig und flüchtig, schnell und langsam, Heli“. Mir gefällt daran, dass am Ende keine Unterschrift, sondern der Name der Geliebten steht.

Bertolt Brecht, Helene Weigel: ich lerne: gläser + tassen spülen. Briefe 1923-1956. Hg. von Erdmut Wizisla. Suhrkamp, Berlin 2012, 26,95 Euro.

Die Briefe sind meist kurz, viel Organisatorisches. Oder genauer: Brecht bittet Weigel darum, ihm etwas zu besorgen. Ein Buch, eine Wohnung. Es ist kein Überschwang in diesem Briefwechsel. Nicht einmal in 33 Jahren. Auch keine Wut. Alles wohltemperiert. Immer auf Haltung bedacht. Man kann das bürgerlich nennen. Offenbar lässt das sehr unbürgerliche Leben der beiden sich am besten mit einer bürgerlichen Haltung führen. Ruth Berlau, auch eine Mitarbeiterin und Geliebte Brechts, schafft das nicht. Sie verschwindet eine Weile in einer Anstalt, wird mit Elektroschocks behandelt, dann kommt ein Psychoanalytiker. Das ist der immer mal wieder sich Gehör verschaffende Gegenton des schrecklichen, wirklichen Lebens zur kultivierten, maskenhaft lächelnden Höflichkeit um den Thron Brechts herum.

Daneben gibt es noch die Weimarer Republik, die Nazis, die Sowjetunion, das Dritte Reich, das Exil, die USA und die frühe DDR. Genug Stoff für große Stücke. Wenig ist davon in den Briefen zu finden. Der Sozialismus kommt vor als die Bitte um Bücher, als Bericht über Treffen mit Karl Korsch. Nirgends ein Zweifel, nirgends ein Blick hinein in den Entstehungsprozess von Überzeugungen. Alles schön fertig und kühl formuliert. Keine Angst. Dafür aber die Diffamierung der Angst der anderen. Oder wie soll man Brechts Brief vom 28. September 1933 aus Sanary-sur-Mer verstehen: „Die Emigration hier ist nicht besonders angenehm zu sehen. In Paris entsetzte mich Döblin, indem er einen Judenstaat proklamierte, mit eigener Scholle, von Wallstreet gekauft. In Sorge um ihre Söhne klammern sich jetzt alle (auch Zweig hier) an die Terrainspekulation Zion. So hat Hitler nicht nur die Deutschen, sondern auch die Juden faschisiert. Die eigentlichen Angelegenheiten Deutschlands interessieren hier niemand.“

Diese Sätze Brechts sind ein Beleg für die Notwendigkeit des Zionismus. Wenn der Angriff auf die jüdische Existenz von den deutschen Antifaschisten so ernst nicht genommen zu werden braucht, weil er nicht zu den eigentlichen Angelegenheiten Deutschlands zählt, dann bleibt den Juden nur,  sich auf ihre Jüdischkeit zu besinnen, um sie und sich zu retten.

Bertolt Brecht – Helene Weigel: „ich lerne: gläser + tassen spülen“, Briefe 1923-1956, hrsg. und hervorragend kommentiert von Erdmut Wizisla, Suhrkamp, Berlin 2012, 402 Seiten, Fotos, 26,95 Euro.

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In der Wiese auf dem Rücken

Es ist fast zu spät, meint Herausgeber Hans Delfs. Zu spät für eine Gesamtedition des Briefwechsels von Ernst Ludwig Kirchner. Warum zu spät? Weil so viele Einzelkorrespondenzen schon erschienen sind. Delfs behilft sich jetzt so, dass er alle Briefe, von denen er Kenntnis hat, auftreten lässt, aber da, wo man sie leicht nachlesen kann, auf einen Abdruck verzichtet und stattdessen eine Inhaltsangabe bringt. So hat man den gesamten Briefwechsel, knapp 3600 Briefe, vor Augen, kann feststellen, wem Kirchner was erzählt und wem er was verschweigt. Jeder Brief ist mit Erläuterungen versehen, die dem Leser weiter helfen. Zum Beispiel, wenn Kirchner im Februar 1912 Franz Marc schreibt,  „der junge Macke ist nun hier“, dann bewahrt uns der Herausgeber vor einem naheliegenden Irrtum und bemerkt: „Hier ist sicher nicht August Macke (1887-1914) gemeint, sondern Helmuth Macke (1891-1935), Maler, Vetter von August Macke.“ Ohne die Interventionen des Herausgebers würde der Leser immer wieder hilflos ins Dunkle tapsen. Oder aber den Lügengeschichten Kirchners erliegen, der seine Lebensgeschichte und die der Künstlervereinigung Brücke immer wieder so umschrieb, dass er der Größte, der Bedeutendste und natürlich auch der Erste war.

Mit einem Brief des 21-jährigen Kirchner an seine Mutter beginnt die Edition. Es ist ein Dankeschön für ein Fresspaket, das eine Fresskiste ist. Es ist – und das ist interessant für den Leser – der Brief eines Literaten. Kirchner beschreibt sein Zimmer und die Ankunft der Kiste darin. Ein Auftritt, eine Szene. Er feiert das Geschenk und damit die Geberin. Eine grelle Inszenierung, die 1901 noch ein wenig sehr moritatenartig daherkommt: „Das bleiche, kalte Licht des Novembertages kriecht schwer durch die beschlagenen Fenster…“ Aber es ist schön, gleich zu Beginn des Briefwechsels zu sehen, dass da einer schreibt, dem es auch ums Schreiben geht.

Später kann man nachlesen, dass auch Kirchner zu Beginn des 1. Weltkrieges zu den Begeisterten zählte und wie er sich schon bald vom Krieg abwandte, ja ihn physisch nicht mehr ertrug und mit schweren psychischen Störungen auch auf ihn reagierte. So landet er bald bei Ludwig Binswanger im Sanatorium Bellevue. Bei dem waren auch Hesse, Nijinski, Aby Warburg und viele andere in Behandlung. Davor aber noch erwog Kirchner die Herstellung eines Eisenmannes, also eines jener während des Ersten Weltkrieges so beliebten Denkmäler, in die man gegen eine Kriegsspende, einen Nagel einschlagen durfte. Dafür wurde Werbung gemacht. Das las sich dann so: „Der eiserne Hindenburg von Berlin. Nagelung täglich. Auch in der kalten Jahreszeit. Bei schönem Wetter Militärkonzert.“ 12 Meter hoch und 26 Tonnen schwer war der Hindenburg als Nagelmann. Die reichsweite Aktion ging freilich schief. Die Luftfahrerdank G.m.b.H., die das Ganze organisierte, ging in Konkurs, die Spendengelder waren verschwunden. Der anschließende Prozess brachte keine Aufklärung. Kirchner konnte also von Glück reden, dass man ihn als Erbauer eines Eisenmannes abgelehnt hatte. Womöglich hätte er etwas gemacht, das einem Nagelfetisch aus dem Kongo ähnlich gewesen wäre oder gar dem, den Thomas Hirschhorn vor zwei Jahren auf der Art Basel zeigte. Kirchner war damals auch als Designer unterwegs. Er entwarf für die Firma Krupp einen Kriegskochtopf aus Gusseisen. Ganz ohne kritisch-satirische Hintergedanken. Eine kleine Skizze davon gehört zu den vielen s/w Abbildungen der Edition.

Natürlich liest man, weiß man um den extrem labilen psychischen Zustand Ernst Ludwig Kirchners in jenen Jahren, mit besonderer Aufmerksamkeit alles, was sein Geschäftsleben angeht. Er konnte das offenbar auch noch mitten in der tiefsten Depression – oder in einem heftigen Schub – glänzend organisieren. Sieht man näher hin, entdeckt man freilich helfende Hände. Zum Beispiel bei dem Vertrag mit dem Kurt Wolff Verlag vom April 1917. Bei dem führte seine Lebensgefährtin Erna Schilling, die er 1912 kennengelernt hatte und die ihn bis zu seinem Selbstmord 1938 begleitete, die Feder.

Am 16. Juni 1938 schreibt der Amtsarzt:

„Der Todesfall Kirchner, Erich (!) Ludwig, Kunstmaler, der Unterzeichnetem am 15.d.M. 10 Uhr vorm. vom Polizeicommissariat gemeldet wurde, ist nach gemeinsamen Feststellungen mit dem Kreisamt Davos – ca. 1 Stunde nach der Tat – gerichtlich-medizinisch völlig abgeklärt. Zwei Schüsse in die Herzgegend haben den Tod herbeigeführt. Zwei Zeugen, die einen Schuss hörten, haben eben noch den Unglücklichen zu Boden fallen sehen.

Die Leiche liegt vor dem Hause Ruesch Wildboden in der Wiese auf dem Rücken. Rechts vorn, ca. 1 Meter von der rechten Hand entfernt finden wir die Pistole. Die Leiche hat noch Körperwärme eines Lebenden, die Glieder zeigen noch keinerlei Totenstarre, der Tod ist also vor kurzer Zeit eingetreten. Die Kleider und speziell das Hemd in der Herzgegend ist von Blut überströmt. Im Intercostalraum 6 und 7 findet sich je eine kleine Einschussöffnung, herrührend von einem kleinen Geschosse. Das Herz ist so gut getroffen, dass der Tod jedenfalls sofort eingetreten ist. Auf der Leiche mehrfach vorgefundene Eukodaltabletten – ein Alkaloid ähnlich dem Morphium – und Injektionsspritze ließen auf den Gebrauch von Betäubungsmitteln schließen. In der Tat konnte Unterzeichneter dann auch in der Apotheke Einsicht nehmen, dass Kirchner regelmäßig, allerdings ärztlich verordnete Narcotica bezog. In letzter Zeit wurde eine Entwöhnungskur durchgeführt, die bei der steten Verminderung der Giftdosen einen Erregungszustand brachten, der sich in den letzten Tagen nach Aussagen seiner Gefährtin erheblich steigerte. Er hatte Tag und Nacht keine Ruhe, wandelte planlos umher, grübelte fortgesetzt vor sich hin, ohne zu arbeiten.

Diese innere Unruhe brachte Kirchner zur Verzweiflung, er griff zur erlösenden Pistole. Die Pistole ist ein Browning, er enthielt noch 2 Patronen.“

Ernst Ludwig Kirchner: Der gesamte Briefwechsel, hrsg. Von Hans Delfs, Scheidegger & Spiess, Zürich 2010, vier Bände im Schuber, 2360 Seiten, 13 farbige und 203 s/w Abbildungen, 330 Euro.

Das Neue beginnt mit einem Raubzug

Wir alle kennen die Anzeigen, in denen Saturn und Aldi uns ihre Billigprodukte bekannt machen. Wir kennen auch die Tiefdruckbeilagen der Schmuck- und Uhrenbranche, die manchen Hochglanzmagazinen und einigen wenigen glücklichen Tageszeitungen beiliegen. Das Antiquariat Heribert Tenschert macht mit ganz besonderen Anzeigen auf die bei ihm zu erwerbenden Produkte aufmerksam. Es sind wissenschaftliche Monographien. Einer der besten Kenner der Buchmalerei, ja der Buchkunst überhaupt, der Berliner Professor Eberhard König stellt zum Beispiel das Stundenbuch der Claude de France (1499-1524), Königin von Frankreich, vor, ein gerade mal 84 mal 61 mm kleines Büchlein aus 122 Blatt feinsten Pergaments. Das Antiquariat hat das vom Meister Eloy Tassart wohl um 1520 entstandene  Manuskript erstanden, restauriert, mit einem prächtigen Einband aus dem Prag um 1600 versehen und bietet jetzt beides zum Verkauf an. Allein der Einband erzielte Mitte der 70er Jahre 265 000 Dollar. Als das Manuskript im April 2011 verkauft wurde, erzielte es in deutlich schlechterem Zustand als jetzt 2 610 000 Euro. Wir haben es also mit Weihnachtsgeschenken zu tun, die jenseits des Horizontes der kleinen Angestelltenkultur liegen, in der wir uns bewegen. Aber die Anzeige des Antiquariats Tenschert, Königs Monographie, das ist etwas, das wir uns gerade noch leisten können. 270 Seiten mit Abbildungen – darunter alle Seiten des Manuskripts in Originalgröße - in bewundernswerter Qualität, dazu ein Text, der einen verführt, sich zum Beispiel mit einem der einflussreichen Gedichte des frühen 16. Jahrhunderts, mit „La Belle Dame sans Mercy“ von Alain Chartier zu beschäftigen. Ein Liebesdialog, besser ein Dialog zwischen einem Liebhaber und der sich verweigernden Angebeteten. Ein Genre, das es verdient hätte, einmal durch die Jahrhunderte und die Kulturen hindurch verfolgt und beschrieben zu werden. Übrigens, wir alle kennen die Königin Claude. Sie soll sich auch als Gärtnerin betätigt haben, jedenfalls wurde  die Reneklode nach ihr benannt.

Für den Laien noch interessanter als das Stundenbuch der Claude de France ist die Anzeige für ein anderes Buch, nämlich das „Streitgespräch der Geschöpfe“, ein von Colard Mansion für Lodewijk van Gruuthuse übersetzte Fabelmanuskript von 1482 mit 121 Miniaturen von zwei Brügger Meistern, ebenfalls von Eberhard König. Er berichtet, dass die Titel der ersten Drucke dieses Textes von dem der Handschriften abweichen. Dass spätere Drucke wieder die von den Handschriften her vertrauten Titel bringen. Die Inkunabeln, die frühen Drucke also, verzichten ganz auf die Nennung des Autors, während zwei der erhaltenen Handschriften einen Autor nennen. Man denkt an den Umgang mit Autoren im Netz. Es scheint in der Natur eines neuen Mediums zu liegen, dass es die alten glaubt einfach ausbeuten zu können. Wie die frühen Drucker die alten Texte nahmen und - ohne den Autoren etwas zu sagen, geschweige denn etwas zu zahlen - unter die Leute warfen mit geändertem Titel, ohne Autorennamen, so glauben heute manche Ideologen des Internet,  das Wissen der Welt, die Ideen, Einsichten und Ansichten alter Autoren stünden ihnen zur freien Verfügung. Das Neue beginnt mit einem Raubzug. Und Heribert Tenschert wirbt mit den schönsten Anzeigen der Welt.

Eberhard König: Das Stundenbuch der Claude de France – Königin von Frankreich, Heribert Tenschert, Antiquariat Bibermühle, Ramsen (Schweiz) 2012, 270 Seiten, 156 farbige eine s/w Abbildung, 80 Euro.

Eberhard König: Streitgespräch der Geschöpfe, Heribert Tenschert, Antiquariat Bibermühle, Ramsen (Schweiz) 2012, 351 Seiten, ca. 170 Farb- und 121 sw-Abbildungen, 160 Euro.

Abschied vom Buch

In der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung im Zentrum Münchens ist noch bis zum 13. Januar die Ausstellung „Pracht auf Pergament – Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180“ zu sehen. Es werden achtzig sehr prächtige Handschriften aus den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek gezeigt. Dazu ist auch ein Katalog erschienen, aus dem ich nur kurz diesen Passus zitieren möchte: „Der Begriff ‚Buch des Lebens‘ stammt aus der Apokalypse, meint aber nicht die himmlische Buchführung, in der die Namen der Gerechten und die guten und bösen Taten der Menschen für das Endgericht festgehalten werden, sondern den lebensspendenden, Heil und Verheißung überliefernden und garantierenden Text des Evangeliums. Dieser Bedeutung entspricht die liturgische Verehrung des Evangeliars seit frühester Zeit. Dass der Priester das Buch küsst, ist seit der Spätantike überliefert. Noch heute wird es inszeniert, also durch Weihrauch geehrt, etwa bevor die Tagesperikope aus dem Buch verlesen wird. Im Mittelalter wurde das Evangelienbuch wie die kostbar geschmückten Vortragekreuze bei den häufigen Prozessionen mitgeführt, begleitet von Kerzen und Weihrauch…

In Konzilien wurde ein Evangeliar auf einem Thron inmitten der Versammlung aufgestellt, wie es von den ersten Konzilien in Konstantinopel überliefert ist und wie es noch beim Zweiten Vatikanischen Konzil im 20. Jahrhundert geschah… Die Bedeutung des aufgeschlagenen Evangelienbuches auf dem Thron erläutert der Patriarch Kyrill von Alexandrien (375-444)  nach der allgemeinen Versammlung von Ephesus 431 dem Kaiser Theodosius: ‚Die in der Marienkirche versammelte heilige Synode stellte Christus als Zeugen und Vorsitzenden hin; denn auf einem heiligen Thron lag in ihrer Mitte das Evangelienbuch‘.“ Buchreligion nennen wir heute die Religionen, die sich wesentlich auf eine Heilige Schrift stützen. Im Koran ist die Rede von den „Leuten des Buchs“. Damit waren Juden, Christen und die Sabier gemeint. Was uns daran erinnert, dass auch Religionen einen Anfang und ein Ende haben. Werden die Buchreligionen das Buch überleben? Viel spricht dafür, denn dass zum Beispiel das Christentum eine Buchreligion ist, das vergessen wir immer wieder. Wie wir auch vergessen, dass unsere Liebe zum Buch vielleicht doch auch etwas mit dem Kult zu tun hat, den es um das Wort gab und gibt und an den uns die Sätze Kyrills von Alexandrien erinnern. Es ist nicht nur unsere private Gewöhnung ans Buch, die uns den Übergang zum E-Book so schwer macht. Es ist ein ganzer Abschnitt Weltgeschichte, von dem wir uns gerade verabschieden.

Pracht auf Pergament – Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180, Hirmer Verlag, München 2012, 344 Seiten, 152 Farbtafeln, 44 Abbildungen in Farbe, 49,90 Euro.

Elf Erektionen täglich

Bei Kalendern schaue ich immer zuerst nach meinem Geburtstag. Da findet sich diesmal eine erschreckende Statistik: 63 Prozent aller Männer machen beim Hausbau die Malerarbeiten selbst. 54 Prozent verstehen sich gar aufs Tapezieren, 33 immerhin noch aufs Fliesenlegen. Ich bin – ich ahnte es schon – kein Mann. Nichts davon kann ich. Vom deutschen Mann unterscheide ich mich auch in einer anderen wichtigen Disziplin: Elf Erektionen hat der deutsche Mann täglich und vier Minuten braucht er bis zum Orgasmus. So berichtet das Statistische Bundesamt.  Da kann ich nun überhaupt nicht mithalten. Der erste Januar hat eine andere Message: 29 Prozent der Deutschen treiben überhaupt keinen Sport. Ich gehöre zu der Zwei-Drittel-Mehrheitsgesellschaft, die Sport treibt. Wenn man das bisschen Laufband denn als Sport bezeichnen möchte. Lieber wäre mir freilich, ich wäre schmal und vergeistigt ohne Sport. Dann wäre mein Äußeres ein getreuer Spiegel meines Innenlebens. Die Militärausgaben Chinas zwischen 2001 und 2010 sind um 189 Prozent gestiegen. Die Russlands um 82 und die der USA um 81 Prozent. Die Deutschlands? Das sagt uns der Kalender leider nicht. Aber, da er uns seine Quelle nennt und er gleich neben dem Computer steht, gehe ich auf die Website von SIPRI und finde folgende Daten: 2001 gab die Bundesrepublik 30.648 Milliarden Euro aus, das waren 1.5 Prozent des Bruttosozialprodukts. 2010 waren es 34,032 Milliarden Euro, 1,4 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das ist eine Steigerung von etwas mehr als 11 Prozent, wenn ich mich nicht verrechnet habe. Und das angesichts doch deutlicher Steigerungen, was den militärischen Einsatz der bundesrepublikanischen Streitkräfte angeht.

Wir ahnten es schon: Es gab eine konservative Wende in Deutschland. Man braucht sich nur die Lieblingsfarben des deutschen Autokäufers anzusehen. 30 Prozent aller Autos sind heute schwarz, 32 Prozent sind heute silber-grau. Vor zwanzig Jahren waren 14 Prozent schwarz und 20 Prozent grau. Dafür waren damals 25 Prozent rot und heute sind es gerade noch sieben Prozent. Am 8. März, am internationalen Frauentag, erinnert der Kalender daran, dass 56,3 Prozent der Abgeordneten im Parlament von Ruanda Frauen sind. Das ist Weltrekord. Im Parlament von Andorra sind 53,6 Prozent der Abgeordneten Frauen. Im Rest der Welt stellen Frauen weniger als fünfzig Prozent der Abgeordneten. In Deutschland zum Beispiel 32,8 Prozent. Man bekommt den Verdacht, je wichtiger das Parlament im politischen Leben eines Landes ist, desto weniger haben darin die Frauen zu sagen. Unter der Überschrift „Das liest Deutschland“ erfährt man am 9. Januar, was die auflagenstärksten Zeitschriften Deutschlands sind: ADAC Motorwelt (13,6 Millionen), Apotheken Umschau (9,9 Millionen), rtv (8,9 Millionen), Bleibgesund (6,6 Millionen) und prisma (4,7 Millionen). Und zum Abschluss: 16 Prozent der Portugiesen nehmen Antidepressiva ein. In Deutschland sind es nur 5, in Griechenland gar nur 3 Prozent.

Unsere Welt in Zahlen, Tischkalender, Harenberg, KV&H-Verlag, Unterhaching 2012, 160 Blatt, 320 Seiten, 15 x 17,4 cm., vierfarbig, 18,99 Euro.

Im fünften Jahr der Ratte

Das Buch hat 825 Seiten. Der Text endet auf Seite 270. Der Rest ist Kommentar. Ihn muss man lesen. Für dieses Buch muss man sich Zeit nehmen und Geduld. Zeit zur Lektüre des Textes, Zeit, um darüber hinweg zu kommen, wie wenig man versteht von dem, das man da liest, und Zeit den Kommentar zu lesen, also klüger zu werden. Nicht nur über das alte Japan und das Selbstverständnis des modernen Japan, sondern auch über sich und die eigenen Voreingenommenheiten. „Als Diener spreche ich, Yasumaró: Der Urschlamm war bereits geronnen, doch Geist und Form hatten noch keine Gestalt angenommen. Es existierten weder Benennungen noch Handlungen. Wer hätte diese Gestalt erkennen können? Dann aber trennten sich erstmals Himmel und Erde, mit den drei Gottheiten nahm die Schöpfung des Universums ihren Anfang, (die Komplementärprinzipien) Yin und Yang entfalteten sich, und die beiden Geistwesen wurden zu den Urhebern aller Gemeinschaften und Dinge.“ So beginnt der Text. Allein für diesen Anfang gibt es zweieinhalb Seiten Erläuterung. Dabei sind das nur rein sachliche Erklärungen. Auf so wunderbare Dinge wie die Unterscheidung in „Benennungen“ und „Handlungen“, die ja auf so etwas wie eine Kategorienlehre blicken lassen, wird nicht eingegangen. Der Text beginnt mit der Entstehung der Welt und er endet im Jahre 628 unserer Zeitrechnung. Kojiki heißt der Text. Das bedeutet „Aufzeichnung alter Begebenheiten“ oder „Bericht von alten Dingen“. Er stammt aus dem Jahr 712 u.Z. und gilt als der älteste literarische Text in japanischer Sprache. Es ist eine Universalgeschichte des japanischen Kaisertums. Verfertigt im Auftrag eines Kaisers. Eine Geschichte, die zeigen soll, dass er der richtige Tenno ist, dass er in der ununterbrochenen Folge der Tradition steht. Hier wird aus vielen, vielen Geschichten eine gemacht. Die soll die einzig wahre sein. Fast gleichzeitig entstanden, so schreibt der Herausgeber, sind die „Annalen Japans“. Die trugen unterschiedliche Überlieferungen zusammen und stellten sie nebeneinander. Der Leser konnte vergleichend sich ein eigenes Urteil bilden. Die Annalen waren für eine wissenschaftliche Elite bestimmt und in Chinesisch abgefasst.

Das Kojiki dagegen ist ein Mythos, eine Propagandaschrift. Und wie es solchen Erzeugnissen oft ergeht, so verschwand auch das Kojiki erst einmal in der Versenkung. Es kamen andere Kaiser, die andere Arten von Propaganda brauchten. So ist heute die Urfassung des Kojiki verschwunden. Die älteste vollständig erhaltene Variante stammt aus den Jahren 1371-72. Teile des Textes liegen in knapp neunzig Jahre älteren Handschriften vor. Wirklich Karriere aber machte das Buch erst im 19. Jahrhundert. Da erst wurde das Kojiki zur Grundschrift des Shintoismus. Eine Art Nibelungenlied des japanischen 19. Jahrhunderts. Die Verbindung von Moderne und Mittelalter war damals in Japan wie in Deutschland eine ungemein fruchtbare, ja – politisch - explosive Verbindung. 1867 stürzte das Shogunat und es kam in Japan zur „Wiedereinrichtung“ der direkten Herrschaft des Tenno. Da kam das Kojiki, das das Kaisertum aus der Weltschöpfung ableitet, gerade recht. Der japanische Nationalismus hatte seinen Mythos gefunden. Es war keiner des Untergangs, sondern einer des Aufstiegs. Eine Erfolgsgeschichte, die freilich etwas abrupt abbrach: „Die erlauchte jüngere Schwester (des früheren Herrschers) Tóyó-miké-kashigiya-hime-nó-mikótó residierte im Palast zu Woharida und regierte das Reich siebenunddreißig Jahre. Sie starb am fünfzehnten Tag des dritten Monats im fünften Jahr der Ratte. Ihre erlauchte Grabstätte liegt auf dem Hügel Oho-nó-nó-woka. Sie wurde später in die große Grabstätte zu Shinaga verlegt.“ Wir sind im Jahre 628 u.Z. Der 33. Tenno der offiziellen japanischen Kaisergeschichte war eine Frau. Die erste in dieser bis in die Urzeit zurückreichenden Kette. Mit keinem Wort wird dieser Paradigmenwechsel thematisiert. Oder hört die Erzählung aus Bedacht mit dem Besteigen des Himmelsthrons durch eine Frau auf?

Auch der Kommentar beschweigt diese Zäsur. Bei Wikipedia findet sich zum Titel Tenno eine interessante Erläuterung:

„Der Kaisertitel (chin. tiānhuáng, jap. tennō) selbst stammt aus China, wo er kurzzeitig vom Tang-Kaiser Gaozong (reg. 649–683) und seiner Nachfolgerin – der einzigen Kaiserin Chinas – Wu Zetian (reg. 684/690–705), benutzt wurde. Von letzterer vermutlich auch weil er im Gegensatz zum traditionellen Kaisertitel Huangdi keine Geschlechtskonnotation barg. In Japan wurde der Titel erstmalig von Temmu   (reg. 672–686) verwendet und dann regelmäßig von seiner Nachfolgerin Jito  (686–697).“

Sehr beeindruckend arbeitet der Tübinger Japanologe Klaus Antoni heraus, welche Rolle der alte Text beim Weg Japans in einen modernen Nationalstaat spielte. Man gewinnt den Eindruck: je stärker Industrie und Wirtschaft werden, desto wichtiger wird die Begleitmusik einer archaisierenden Ideologie. Das technische Zeitalter entzaubert die Welt nicht. Es verzaubert sie neu mit ganz besonders alten Kostümen. Antoni schreibt: „In Japan nimmt die Formierung einer ‚eigenen Moderne‘ Gestalt an, deren Vorbilder gleichwohl in Literatur und Religion der ältesten Vergangenheit liegen. Zu diesem Zweck wurde das Kojiki als ältestes Denkmal der japanischen Literaturtradition (wieder-)entdeckt, kanonisiert und in der Folgezeit zum Heiligen Text der als Nationalreligion propagierten ‚einheimischen Religion Japans“, des Shinto, erhöht… Eine intensive Neubearbeitung wie auch ein grundlegendes Neuverständnis des Kojiko erweitern nicht nur unser japanologisches Spezialwissen, sondern bieten einen weit darüber hinausgehenden generellen Zugang zur Dechiffrierung politisch motivierter religiöser Konstrukte.  Angesichts von Aktualität und Brisanz dieses Problemkomplexes in der heutigen Welt kann die Kenntnis des japanischen Fallbeispiels somit auch einen Schlüssel für die Hermeneutik politisch-religiöser Fundamentalismen schlechthin bereithalten.“

Kojiki – Aufzeichnung alter Begebenheiten, aus dem Altjapanischen und Chinesischen übersetzt und herausgegeben von Klaus Antoni, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Berlin 2012, 825 Seiten, 48 Euro.

Die Gemeinschaft mit dem Irrtum

Winfried Schröder, Professor für die Geschichte der Philosophie in Marburg, einer der besten Kenner der Geschichte der religionskritischen Literatur Europas,  hat auf 250 Seiten eine Geschichte der – so der Untertitel - „philosophischen Kritik am Christentum in Antike und Neuzeit“ geschrieben, die genau argumentierend die Texte der großen Auseinandersetzungen und der kleinen Kontroversen vorstellt und analysiert. Er erinnert daran, dass die christliche Ära gleich mit einer Bücherverbrennung beginnt. Im Jahre 324 ordnet Kaiser Konstantin an, alle Manuskripte von Contra Christianos von Porphyrios zu verbrennen.  Das gelang so hervorragend, das sich nahezu nichts davon erhalten hat. Die antike Kritik am Christentum verschwand. Schröder: „Der erste Text, in dem von den christentumskritischen Einwänden der spätantiken Philosophen Gebrauch gemacht wird, ist Jean Bodins Colloquium heptaplomeres aus dem letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts.“ Ein offenbar sehr gut funktionierendes Schweigekartell. Schröder zeigt, wie und warum es dann doch zusammenbrach und an welchen Stellen. Er zeigt auch, dass ein Großteil der spätplatonischen Kritik am Christentum für die Aufklärer uninteressant war, weil die Kritiker selbst den irrwitzigsten Vorstellungen von Magie und Astrologie anhingen. Eine Gesellschaft, auf die sie keinen Wert legten. Der mit Pope, Swift und Voltaire befreundete Bolingbroke sprach angesichts dieser Texte von einer „rhapsody in nonsense“.


Schröder ruft auch in Erinnerung, dass die Kritik am Gewaltpotential, das im Exklusivitätsanspruch der christlichen Lehre liegt, keine neue Erkenntnis, sondern so alt wie das Christentum ist. Schon Ende des 2. Jahrhunderts, als das Christentum noch nicht Staatsreligion war, erklärte der Platoniker Kelsos, er höre in Jesu Ansicht, man könne nicht zwei Herren dienen „die Stimme des Aufruhrs gegen das Gemeinsame“. Der christliche Gott ist nicht ein anderer Name für auch einen anderswo verehrten Gott. Der christliche Gott ist einziger Gott und eifersüchtig dazu. Wie richtig Kelsos die Lage sah, zeigt Schröder, indem er in einer Fußnote den in Trier geborenen Ambrosius von Mailand (339-397) zitiert: „Jesus hat gesagt: ‚Ihr könnt nicht zwei Herren dienen‘ Die Gemeinschaft mit dem Irrtum eines anderen können wir nicht aufrechterhalten.“ Wir nennen das heute totalitär, wenn alles nach der einen Lehre gestaltet sein soll, wenn es für die Irrenden keinen Raum mehr geben soll. Kirchenvater Ambrosius verteidigte auch die Zerstörung der Synagoge von Kallinikon mit dem Argument, es dürfe „keinen Ort geben, an dem Christus geleugnet wird“. Es war ein radikaler Fundamentalismus, der bewaffnet mit dem Schwert des Kaisers, dem Heidentum den Garaus machte. Das ging bekanntlich so weit, dass behauptet wurde, außerhalb der Kirche gebe es kein Heil. Die Menschheit sei verdammt, ausgenommen die von Jesus dem Christus geretteten Seelen. Das war herrschende Lehre in allen christlichen Konfessionen. Freilich gab es in allen auch Widerspruch. Als es der Jansenismus gar zu weit trieb mit der Verdammung der Ungläubigen, da beauftragte Kardinal Richelieu höchstpersönlich Francois La Mothe Le Vayer mit einer Verteidigung der Seligkeit der Heiden. Das 1642 erschienene Buch wurde ein Manifest der frühen Aufklärung: „De la vertue des payens“.

Arno Widmanns Lesegedanken

"Vom Nachttisch geräumt": Die Lesegedanken von Arno Widmann. Jeden Monat neu. Hier geht's zum Überblick.

Die heiligen Bücher, das Wort Gottes nicht wörtlich zu nehmen, ist eine alte Empfehlung, wurde aber über Jahrhunderte von den Kirchen immer wieder abgelehnt. Schröder zitiert ein besonders schönes Beispiel, nämlich das der Auferstehung des Fleisches. Was ist zum Beispiel mit Menschen, die aufgefressen wurden? Für Augustin war es die schwerste aller Fragen. In wessen Fleisch wird bei der Auferstehung das Menschenfleisch zurückkehren, das unter dem Zwang des Hungers durch den Leib eines anderen verzehrt worden ist? In diesen Situationen betrachtet man die Anstrengungen des religiösen Verstandes mit mehr Ver- als Bewunderung.  Man denkt auch daran, dass einem heute in  katholischen oder evangelischen Akademien gerne erzählt wird, ohne den brüderlichen, ja geschwisterlichen Geist des Christentums wäre es niemals zu Toleranz und Solidarität gekommen.  Genau so gut ließe sich sagen, dass ohne die christliche Praxis Toleranz und Solidarität es leichter gehabt hätten auf dieser Welt. So etwas schreibt Winfried Schröder nicht. Er sieht es möglicherweise nicht einmal so. Er ist ein nüchterner Beobachter, ein akribischer Berichterstatter. Kein Eiferer wie der Verfasser dieser Zeilen. Desto mehr sei sein Buch empfohlen.

Winfried Schröder: Athen und Jerusalem –Die philosophische Kritik am Christentum in Antike und Neuzeit, frommann-holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2011, 291 Seiten, 68 Euro.

 

Gegen die permanent abrufbare Emphase

 

„joyce

arbeitet

in einer bank in rom

merce cunningham

kommt einen traveler’s cheque einlösen

 

schreiben sie

giambattista vico statt

ihren namen hin

und sie kriegen vollmacht

über einen anleihefonds

 

mit dem ihre truppe honorig

ihre sprünge machen kann

bis dublinstag

cunningham fragt wie’s buchstabiert wird

joyce sagt

 

kein buchstabieren schreiben sie’s

hin

als tanzten

sie’s. ihre

träume“

Das ist in seiner Heiterkeit, in seiner Leichtigkeit, aber auch in der sehr spezifischen Mischung von Anspielungsreichtum und Naivität ein echter – von Klaus Reichert großartig übersetzter – John Cage (1912-1992) . Ein Text, in dem sich Alltagsbanales – das freilich im Zeitalter der Kreditkarte nicht mehr zu verstehen ist – mischt mit alteuropäischem Bildungsgut und kalauerndem Witz. Man versteht die freundliche Intimität dieser Zeilen auch erst, wenn man weiß, dass John Cage und Merce Cunningham (1919-2009) von 1944 bis zum Tode John Cages Arbeits- und Lebenspartner waren.

Der amerikanische Komponist und Schriftsteller John Cage (Archivfoto vom 29.04.1982).
Der amerikanische Komponist und Schriftsteller John Cage (Archivfoto vom 29.04.1982).
Foto: dpa

„Empty Mind“ heißt eine Sammlung von Texten von John Cage, die im August im Suhrkamp-Verlag erschien. Autobiographisches, Notizen, Gedichtähnliches. Überhaupt das Ähnliche. Nichts ist einfach, was es ist. Cage sucht sich Verfahren oder denkt sich auch welche aus, die die Dinge komplizieren, die aus einem einfachen Satz ein Kunststück machen. In der Hoffnung, dass auch einmal Kunst daraus wird. Nein, da bin ich mir nicht sicher. Ich glaube nicht, dass er wirklich scharf auf Kunst war. Das Vertrackte liebte er und die Überraschung, durch die etwas sichtbar wird, das versteckt war. Manchmal macht er das reichlich schullehrerhaft. Er schreibt einen Text, verschiebt dann aber die Zeilen so, dass die Buchstaben untereinander gelesen das Wort „Abgeklärtheit“ ergeben. Natürlich habe ich das Verfahren falsch beschrieben, denn er hatte wohl erst „Abgeklärtheit“ und schrieb darum einen Text. Das hat mehr mit der Konstruktion eines Kreuzworträtsels zu tun als mit dem, das wir Kunst nennen. Wenn dann noch oben drüber „Abgeklärtheit“ steht und die entscheidenden Buchstaben in Versalien geschrieben sind, dann hält sich die Überraschung doch sehr in Grenzen und man weiß nicht so recht, worin das Kunststück bestehen soll. Es ist mehr ein Zeitvertreib, ein Gesellschaftsspiel. Aber doch so anregend, dass so mancher Leser ein Blatt Papier nehmen und es Cage nachtun wird. Er wird merken, dass der eigentliche Sprung der ist weg von dem Wort, das in der Mitte steht. Dann erst entsteht eine Wirkung. Es geht auch hier um die Verschiebung der Aufmerksamkeit. Wie so oft bei John Cage und wie am berühmtesten in seinem Werk 4’33. Es sind vier Minuten und 33 Sekunden, in denen nichts passiert. Nein, natürlich passiert etwas. Aber keine Komposition ist zu hören, sondern nur die Geräusche, die in einem Konzertsaal entstehen. Man kann das als Scherz, ja als Ulkerei betrachten und ganz sicher hat, wer das nicht auch sieht, nichts verstanden von Cage. Aber gleichzeitig reißt er damit die Fenster auf. Unsere Wahrnehmung erweitert sich. Wir erkennen, was wir vorher nicht einmal ahnten. Es tut sich auf die Welt des Absichtslosen. Um die zu erkunden, ließ sich Cage in einen schalldichten Raum sperren und hörte seinen Herzschlag so deutlich wie nie zuvor. Wie wir das Offensichtliche übersehen, so können wir auch das Nächste nicht hören. Unsere Aufmerksamkeit ist selektiv, und es bedarf einiger Anstrengungen, um hörbar zu machen, worauf sie nicht geeicht ist. Dieser Anstrengung unterzog sich John Cage.

In einem Gespräch mit Heinz Klaus Metzger erinnerte sich Helmut Lachenmann daran, wie Luigi Nono 1958 mit ihm über John Cage sprach: „Das war kritisch auf der einen Seite, indem er sagte: ‚Diese Musik entzieht sich der Verantwortung des Formulierens.‘ Gleichzeitig habe ich doch gemerkt, dass er von dieser Musik auf seine Weise auch sehr beunruhigt war…. Eigentlich sind Nono und Cage auf eine gewisse Weise nicht musikalisch. Sie machen eine Art Nicht-Musik in einer Zeit, wo wir per Knopfdruck überall und um uns herum permanent diese abrufbare Emphase per Musik geliefert bekommen. Da machen die etwas, was uns zwingt, noch einmal den Begriff der Musik anders zu formulieren oder überhaupt einmal zu öffnen und noch einmal ganz von vorne anfangen zu hören  und da noch einmal Zusammenhänge zu hören.“

John Cage war auch bildender Künstler. Nicht nur, wenn er seine Kompositionen notierte. Er malte auch. Er zeichnete und schuf Environments  – man konnte das bis Juni dieses Jahre in der Berliner Akademie der Künste sehen. Und er war beim Ur-Happening dabei: 1952 im Black Mountain College in North Carolina. John Cage schrieb darüber: „An einer Stirnwand des rechteckigen Saales wurde ein Film gezeigt, am anderen Ende wurden Dias projiziert. Ich stand auf einer Leiter und hielt einen Vortrag, der stille Passagen enthielt. Eine weitere Leiter wurde abwechselnd von M.C. Richards und Charles Olson benutzt. In gewissen Zeitabschnitten, die ich Zeitklammern nannte, konnten die Interpreten innerhalb bestimmter Grenzen machen, was sie wollten…. Robert Rauschenberg ließ Musik auf einem altmodischen Phonographen abspielen. David Tudor spielte Klavier. Merce Cunningham und andere Tänzer bewegten sich durch und um das Publikum herum.“ Nichts ist erhalten von diesem Happening. Es lebt nur fort in den Erzählungen einiger daran Beteiligter.

Es sei noch auf ein paar Filme von John Cage hingewiesen. Da ist zunächst One11 aus dem Jahre 1992, gedreht in München zusammen mit den Regisseuren Henning und Peter Lohner. Man wählt zunächst zwischen dem Soundtrack des WDR Symphonieorchesters Köln und dem des Spoleto Festival Orchestra. Der folgende Film besteht nur aus Schwarz, Weiß und Grau. Es gibt keine Personen, also – ist man versucht zu sagen – keine Geschichte, keine identifizierbaren Gegenstände. Ich kann mir vorstellen, wie begeistert ich als Jugendlicher davon gewesen wäre. Die Wonnen der Abstraktion. Im Abspann wird unter anderen Isa Genzken und Gerhard Richter gedankt. Daneben gibt es ein 33 minütiges Interview mit Henning Lohner und eine Dokumentation über die Entstehung von „One 11“: 43 Minuten. Der ich mich nach einer Viertelstunde „One“ zuwandte. Auch da gilt wieder das Prinzip der Ablenkung: das Rauschen der Kamera ist oft stärker zu hören als John Cages leise Stimme. Er sagt darin unter anderem: „Es ist ein leerer Raum, in dem das Licht sich auf nichts bezieht als auf sich selbst. Es erregt Wohlgefallen,“ Cage bezieht sich ausdrücklich auf Kant, „interesseloses Wohlgefallen. Man befreit sich von Ökonomie und Politik. Vielleicht sogar von sich.“

John Cage: Empty Mind – Eine Auswahl poetischer Schlüsseltexte, hrsg. Von Marie Luise Knott und Walter Zimmermann, deutsch von Klaus Reichert und anderen, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 243 Seiten, 19,95 Euro.

Heinz-Klaus Metzger: Die freigelassene Musik – Schriften zu John Cage, darin auch Interviews mit Lachenmann und Riehn, Klever Verlag, Wien 2012, 218 Seiten, 19,90 Euro.

„John Cage und…“ Bildender Künstler – Einflüsse, Anregungen, hrsg. Von Wulf Herzogenrath und Barbara Nierhoff-Wielk, DuMont, Köln 2012, zahlreiche Abbildungen, 24,95 Euro.

John Cage: One11 and 103, a film by John Cage & Henning und Peter Lohner, 29,98 Euro

John Cage: How to get out of the Cage – a year with John Cage, directed by Frank Scheffer, 23,99 Euro

John Cage: Journeys in sound, a film by Allan Miller & Paul Smaczny, 28,18 Euro.

 

Pursuit of happiness

Dass es so etwas gibt wie das Streben nach Glück, wissen wir aus der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika. Als ich das erste Mal davon hörte, kam es mir sehr abwegig vor. Die Unterstützung meines Glückswunsches als Staatszweck! Der Staat war doch die Instanz, die sich dem Glücksstreben des Einzelnen in den Weg stellte, um auf das Wohlergehen des Ganzen zu achten. In Fellinis Achteinhalb antwortet ein katholischer Kardinal dem verzweifelten Marcello, wer sage ihm denn, dass wir auf Erden seien, um glücklich zu sein? Hätte Marcello gelesen, was ich gerade gelesen habe, er könnte ihm antworten: Der Heilige Thomas. In Meiners Philosophischer Bibliothek ist „Über das Glück“ von Thomas von Aquin (1225-1274)  erschienen. In einer zweisprachigen Ausgabe. Darin heißt es: „ultimus finis hominum est beatitudo“. Auf deutsch heißt das: Das letzte Ziel des Menschen ist das Glück. Das steht bei Augustin, erklärt Thomas von Aquin. Er erörtert dann auf vielen Seiten, was denn den Menschen glücklich macht: Reichtum, Ehre, Ruhm, Macht, Gesundheit, Lust. Nein, nein, nein, nein. Dann fragt er sich, was denn das Glück sei. Eine interessante Reihenfolge. Man sollte denken, er gehe systematischer vor. Und definiere erst einmal. Aber auch nach der Definition wird wieder alles durchgegangen, das zum Glück erforderlich sein könnte. Verstand, Freunde und wieder die Lust? Thomas von Aquin schreibt: „Das äußerste und vollkommene Glück kann es nur in der Schau des göttlichen Wesens geben“. Dieser Satz steht aber nicht am Ende des Buches, sondern mittendrin. Der dicke Mann, der Thomas war, scheint voller Sehnsucht gewesen zu sein. Er gab sich nicht zufrieden. Mit keiner Antwort. Kaum hat er eine Frage beantwortet, stellt er sie abgewandelt wieder, und ganz am Ende ist er nicht schlauer, als er am Anfang war. Es ist etwas eigentümlich Hilfloses in dieser scheinbaren Präzisionsmaschine, in diesem strengen Regelwerk von quaestio und respondeo, bei dem das eine vorgibt, sich streng logisch aus dem anderen zu ergeben.

Bei Carl Schmitt kann man nachlesen, alle politischen Begriffe gingen zurück auf religiöse. Diese Thomas-Stelle scheint das zu belegen. Andererseits zitiert Thomas von Aquin fortwährend den Philosophen, Aristoteles also. Schlägt man dann in dessen Nikomachischer Ethik nach, so stößt man gleich zu Beginn auf die Behauptung, das höchste Lebensziel aller Menschen sei das Glück. Worin das dann allerdings bestehe, darüber gingen die Meinungen schon damals sehr weit auseinander. Vielleicht ist die Theologie ja doch eine Tochter, eine über jedes Menschenmaß hinaus ausschweifende  Tochter der Philosophie. Die Eudaimonia ist älter als die beatitudo. Der Begriff der Happiness ist ersterer ganz sicher näher als der Gottesschau des Heiligen Thomas. Schon im 17. Jahrhundert erklärte Richard Cumberland (1631-1718) in seinem gegen Hobbes geschriebenen Treatise of  the Laws of Nature (1672, das Wohlbefinden seiner Mitmenschen zu fördern sei wesentlich „für das Streben nach unserem eigenen Glück“. Der reine Eigennutz sei eine sehr dumme, zum Scheitern verurteilte Einstellung. Natürlich gehört die Gottesliebe für Cumberland, den Bischof von Peterborough, einer nordöstlich von London gelegenen Stadt, zur Nächstenliebe dazu. Eine diesbezüglich bezeichnende Stelle lautet: „ Jeder einzelne sollte sich akzeptabel machen für Gott, die Fürsten, den ganzen Staatskörper – angenommen, es gibt so etwas – die Eltern, vor allem aber für Friedensvermittler oder Botschafter“. Wir sind hier weit weg von Thomas von Aquin. Gott selbst scheint eingerückt in die weltlichen Mächte, mit denen sich gutzustellen zu unserem Streben nach Glück gehört. Noch deutlicher wird das, wenn man zurückblättert und bei Cumberland darauf stößt, dass man das Prinzip der wechselseitigen Rücksichtnahme sehr gut auch im Tierreich, zum Beispiel bei Hunden, Löwen und Vögeln beobachten kann.

Noch einmal zurück zum Heiligen Thomas. Es gibt sicher Menschen, die ihn lesen können, ohne immer wieder absetzen zu müssen, um nachzudenken, was er da gerade gesagt hat. Sie lesen ihn wie Bloch Hegel las, ein Thriller, in dem Taten und Untaten des Weltgeistes aufgedeckt wurden. Ich kann Thomas von Aquin so nicht lesen. Ich wundere mich zu sehr über das Offensichtlichste. Zum Beispiel seine niemals nachlassende Bemühung Aristoteles und die katholische Tradition – nicht etwa die Botschaft Jesu – zusammenzubringen. In dieser Abhandlung – wahrscheinlich aus dem Jahre 1271 – geht es um die Versöhnung von Aristoteles und Augustin. Man kann das nachlesen in der Einleitung des Herausgebers. Der freilich hat das alles zu gut im Griff, um noch Neugierde, Überraschung bei der Lektüre aufkommen zu lassen. Aber man lese zum Beispiel bei Thomas selbst die Abschnitte darüber, ob Glück etwas Geschaffenes oder etwas Ungeschaffenes sei, ob es, wenn es denn etwas Geschaffenes ist, eine Tätigkeit sei. Thomas‘ Denken erscheint dem Laienauge wie eine Flipperkugel, die hin- und her gestoßen wird von Aristoteles und Augustin. Es macht Spaß und es ist anregend zu sehen, wie er nicht glauben kann, dass einer der beiden Unrecht hat. Wo sie sich zu widersprechen scheinen, da wird ein ganzer Begriffsapparat aufgebaut um Brücken zu schlagen. Nichts ist wahrscheinlich besser erforscht als gerade diese Bewegung, aber dem Ahnungslosen ist diese Entdeckung ein Glück.

Zu dem die Einleitung wirklich nicht beiträgt. Johannes Brachtendorf hat den Text übersetzt und mit Einleitung und Kommentar versehen. Er leitet an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen das Institut für philosophische Grundlagen der Theologie. Er ist Mitherausgeber der lateinisch-deutschen Gesamtausgabe der Werke des Heiligen Augustin. Er hat vier Bücher über Augustin und wohl mehr als zwei Dutzend Artikel über ihn geschrieben. Er ist tausend Mal kompetenter als ich es jemals sein könnte. Ich hätte den Text ohne seine Übersetzung nicht gelesen. Aber wozu verteidigt Brachtendorf den katholischen Heiligen gegen protestantische Professoren? Das ist doch kleinlich-konfessioneller Hickhack. Natürlich werden darin zentrale Fragen nach Gott, nach Gericht und Gnade thematisiert. Aber die Einleitung in eine Edition und Übersetzung eines Traktes von 1271 dazu zu verwenden, sich mit dem protestantischen Glaubensverständnis auseinanderzusetzen, ist doch lächerlich, wenn man den Anspruch, die Anstrengung Thomas von Aquins ernst nimmt. Es ist der umfassende Versuch, antike Philosophie, die Anstrengung der Vernunft, und die Lehre der Offenbarung zusammenzubringen. Er war nicht der erste, er war nicht der letzte. Aber er war der wirkmächtigste. Diese Aufgabe, die Thomas von Aquin über seinen Lehrer Albertus Magnus aus der islamischen Tradition übernommen hatte, steht heute im Islam wieder - mit radikalen Ausschlägen in alle Richtungen – auf der Tagesordnung. Thomas von Aquins Flipperautomat ist ein Maschinchen, von dem sich lernen ließe – möglicherweise auch durch Repulsion.

Thomas von Aquin: Über das Glück – De beatitudine, Lateinisch- Deutsch, übersetzt, mit einer Einleitung und einem Kommentar herausgegeben von Johannes Brachtendorf, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2012, 273 Seiten, 48 Euro.

Mein Mann blieb völlig ruhig

Skandalgeschichten gab es immer, und es gibt sie überall. Wer eine Schwäche hat für Klatsch und Philosophie, der wird sich auf Ina Hartwigs Artikel „Arlette und ihr Adorno“ über den Philosophen und seine  – wenn nicht alles täuscht - letzte Geliebte in der Zeit vom 8. Oktober stürzen. Er wird, wenn er dabei war, wie Adorno im philosophischen Seminar zwischen Ehefrau und Geliebter saß und einmal der einen und einmal der anderen die Hand streichelte, ein wenig enttäuscht sein, weil er so wenig Neues erfährt, aber wer bisher nur etwas von Adornos Neigung zum deutschen Adel, besonders seinen weiblichen Vertretern wusste, den wird der Artikel amüsieren. Nicht so sehr freilich wie die mehr als fünfhundert Seiten, auf denen Sabine Schulz eine sehr viel weiter zurückliegende Beziehung dokumentiert. Die Affäre Hume-Rousseau. Es ist ein sehr schönes Buch. Auch der vorletzten Nebenperson kann man noch, dank einer beneidenswert effizienten Bildbeschaffung, in die Augen oder doch ins Dekolletee schauen. Im Juni 1762 wurden erst in Paris, dann auch in Genf Jean-Jacques Rousseaus (1712-1778) „Émile“ und der „Contrat social“ öffentlich verbrannt. Der Autor wurde in Paris und Genf per Haftbefehl gesucht. Rousseau floh nach Bern, wurde dort ausgewiesen. Er fand Unterschlupf in Neuchatel, der damals preußischen Enklave in der Schweiz. Friedrich der Große gewährte ihm Asyl. Er machte Rousseau auch ein Angebot, nach Potsdam zu kommen. Aber der nahm nach einigem Zögern dann doch das Angebot David Humes (1711-1776) an, nach England zu kommen. Freilich erst, als man ihm in Aussicht stellte, dass er dort gut leben könnte von seinen Einkünften als Schriftsteller und nicht angewiesen wäre auf die schnell ihre Günstlinge wechselnde Gnade eines Fürsten. Hume und Rousseau verstanden sich eine Weile sehr gut. Sie schätzten einander als Autoren, und Hume war hingerissen von Rousseaus freundlicher Bescheidenheit. Dann aber gewann Rousseau den Eindruck, Hume mache Propaganda gegen ihn – nichts in den hier zusammengetragenen Überlieferungen belegt das - und brach mit ihm. Nicht auf einmal, sondern durch einige Kräche und Versöhnungen hindurch.

Ein solcher ekstatischer Auftritt sei hier zitiert. Am 25. März 1766 schreibt David Hume an seinen schottischen Freund Hugh Blair: „Rousseau hat, ehrlich gesprochen, wenig nachgedacht und studiert und besitzt wahrlich nicht sehr viel Wissen: Sein ganzes Leben lang hat er nur gefühlt, und so ist seine Empfindsamkeit in einem Maße ausgebildet, wie ich es noch erlebt habe; aber sie bereitet ihm mehr Schmerz als Freude. Er ist wie jemand, den man nicht nur seiner Kleider, sondern auch seiner Haut beraubt hat und dann in diesem Zustand die grausamen und wilden Elemente bekämpfen ließe, die fortwährend dieses niedere Leben durcheinanderbringen. Ich will ihnen ein erstaunliches Beispiel für diesen Charakterzug geben. Es passierte in meinem Zimmer, am Abend vor seiner Abreise…..“ Man hatte Rousseau angeboten die Kutsche zu zahlen, als er ablehnte, erzählte man ihm, es gäbe eine Retourkutsche, die er billig nutzen könnte. Als Rousseau dahinter kam, beschwerte er sich, er werde wie ein Kind behandelt. „Wonach er sich sehr mürrisch und still setzte; und all meine Versuche, die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen oder das Thema zu wechseln, liefen ins Leere; er antwortete stets trocken und kalt. Schließlich nachdem er beinahe eine Stunde in dieser schlechten Laune verbracht hatte, stand er auf und ging im Zimmer umher. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als er sich plötzlich auf meine Knie setzte, mich umhalste und voller Wärme küsste, und mein Gesicht mit Tränen bedeckend, ausrief: ‚Wenn es denn möglich ist, vergeben Sie mir, mein lieber Freund! Nach all den Bezeugungen Ihrer Zuneigung, die ich erhalten habe, bedenke ich Sie mit dieser Torheit und meinem schlechten Benehmen. Aber ich habe nichtsdestotrotz ein Herz, das Ihrer Freundschaft wert ist; ich liebe Sie, ich schätze Sie; und keine Ihrer Liebenswürdigkeiten ist an mir vergeudet.‘ Ich hoffe, Sie haben keine so schlechte Meinung von mir anzunehmen, ich wäre in dieser Situation nicht meinen Gefühlen erlegen; ich versichere Ihnen, ich küsste und armte ihn zwanzigmal und vergoss viele Tränen. Ich glaube, in meinem Leben gab es keinen ergreifenderen Moment.“

Französische und englische Aufklärung - von der amerikanischen neokonservativen Philosophin Gertrude Himmelfarb als grundsätzlich unterschiedene Wege zur Moderne betrachtet – im März 1766 lagen sie in einem Fauteuil in London weinend einander in den Armen. Nur einen kurzen Moment lang, aber doch sehr aufgewühlt und sehr begeistert von einander.  Am 9. April 1766 schrieb Rousseau an seine gute Freundin Madame de Verdelin: „Beim Abendessen starrte Hume abwechselnd Mlle Levasseur (Rousseaus Lebensgefährtin, die er später heiratete)  und mich mit recht schrecklichen Blicken an. Ein ehrlicher Mann kann so unglücklich gar nicht sein, dass ihn die Natur mit derartigen Blicken bedenkt. Als sie nach oben gegangen war, um sich in dem für sie vorgesehenen Kämmerchen schlafen zu legen, verharrten wir eine Zeit lang, ohne etwas zu sagen, er fixierte mich erneut mit demselben Ausdruck, ich wollte versuchen, ihn meinerseits fest anzublicken, doch es war mir unmöglich, seinem furchtbaren Blick standzuhalten. Ich spürte wie meine Seele von Unruhe gepackt wurde, ich war in einem furchtbaren Gefühlszustand, und schließlich überwog die Reue, über einen so großen Mann auf den bloßen Anschein hin falsch zu urteilen. Ich stürzte in Tränen aufgelöst in seine Arme. Dabei rief ich aus Nein, David Hume ist kein Verräter, das ist nicht möglich; und wenn er nicht der beste aller Menschen ist, dann muss er wohl der schlechteste sein. Daraufhin blieb mein Mann, anstatt sich mit mir gemeinsam von Rührung überkommen zu lassen oder in Wut zu verfallen, statt mich um Erklärungen zu bitten, völlig ruhig, antwortete auf meine Gefühlswallungen mit einigen kalten Berührungen, indem er mir mit kleinen Schlägen auf den Rücken klopfte und mehrmals ausrief Mein lieber Herr, was nun aber, mein lieber Herr. Am nächsten Morgen brach ich auf…“

Gertrude Himmelfarb scheint doch recht zu haben.

„Leben Sie wohl für immer“ – Die Affäre Hume-Rousseau in Briefen und Zeitdokumenten, herausgegeben von Sabine Schulz, aus dem Französischen und Englischen übersetzt von Isolde Linhard, Franziska Humphreys und Sabine Schulz, Diaphanes, Zürich 2012, 544 Seiten, 44 farbige, 28 sw Abbildungen, 34,90 Euro.

Der Schmalz der Solidarität

Afrikanische Musiker haben sich zusammengetan, um den Norwegern zu helfen. „Die sitzen in der Kälte, im Dunkeln. Das ist genau so schlimm wie Armut. Wir schicken ihnen Wärme, Licht und ein Lächeln, sagen und singen die Musiker mit eben dem Schmalz, mit dem sonst die Länder des Nordens sich für die armen Menschen im verhungernden Süden einsetzen: „In Norwegen frieren die Kinder! Wir müssen uns kümmern! Wärme für alle hat die Welt!“

Eine großartige Parodie. Mitten hinein zwischen die weihnachtlichen Sammelbüchsen!

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