Literatur

25. Oktober 2012

Bücher im Oktober: Vom Nachttisch geräumt

 Von Arno Widmann
Arno Widmann. Foto: Mely Kiyak

Dichter, Rapper und Solti, ein Vulkanausbruch und das Massaker von Nanjing  -  keine Rezensionen, nicht einmal Kurzrezensionen. Es handelt sich  – sehr altertümlich gesagt – um Lesefrüchte. Manchmal sind es auch einfach nur Einfälle.

Drucken per Mail

Also Gedanken, Formulierungen, die mir bei der Lektüre auffielen, die ich weitergeben möchte. Die Bücher werden also nicht vorgestellt und analysiert, sondern ausgebeutet. Nach einer Jagd werden die erlegten Tiere neben einander auf den Boden gelegt. Man hat so noch einmal Gelegenheit, einen Blick auf alles zu werfen, bevor die Köche die Beute verwerten. Jeden Monat neu wird vom Nachttisch geräumt.

Fort von sich

Am 9. Oktober wurde Durs Grünbein 50 Jahre alt. Das ist gut so. Langsam nähern sich bei ihm Lebensalter und Lebenskenntnis. Das wird die Minderwertigkeitsgefühle so mancher Kritiker hoffentlich dämpfen. Grünbein ist eine Intelligenzbestie. Kritiker sehen sich gerne selbst in dieser Rolle. Die meisten von ihnen haben außer ein paar Semester eines Universitätsstudiums nichts vorzuweisen, was diese Selbsteinschätzung nähren könnte. Bei Grünbein gibt es nicht nur die Gedichte, denen ihre Klugheit, ihr Wissen gerne vorgeworfen wird, sondern auch zum Beispiel „Der cartesische Taucher“, eines der klügsten Bücher dieses – freilich noch sehr jungen – Jahrhunderts. Man lege einen der Essays Enzensbergers daneben und man kann sich nicht wehren gegen den Impuls, doch an so etwas wie Fortschritt in der poetisch-philosophischen Reflexion zu glauben. Allerdings steht Grünbein allein. Er tut das schon sehr lange. Es gibt keine Grünbein-Schule, und es gibt hierzulande niemanden, der auch nur einen Bruchteil des Weges mitgegangen wäre, mitgehen könnte, den Grünbein gegangen ist. Ein Land, dessen poetische Intelligenz vor den Flachsereien eines Robert Gernhardt in die Knie geht, statt lachend die Sirtaki-Sonette mitzutanzen, wird noch eine Weile brauchen, um Grünbein nicht nur zu ehren, sondern auch zu lesen. „Koloss im Nebel“ heißt die neue Gedichtsammlung Grünbeins. Gleich das erste Gedicht:

Interieur mit Eule I

Mond scheint ins Zimmer. Nichts ist real,

Jeder Augenblick unergründlich, die Welt

Kolossales Echo im Labyrinth der Sinne.

In der Hand eine Münze – mein Talisman.

Siebzehn Gramm Silber, reines Symbol.

Eule erleuchte mich, öffne die Augen.

Tier auf der Tetradrachme aus Attika, hilf.“

Ich liebe diese Verse. Ich liebe ihre Bewegung. Auch wenn mir  „Labyrinth der Sinne“ zu sehr nach Pornographie, nach Oshima, klingt. Aber dieser Ruf, die Eule möge doch jetzt, nach Jahrtausenden, die Augen öffnen und eingreifen ins Geschick, der ergreift mich. Ich lag nie im Bett mit einer alten Münze in der Hand, aber jeder, den Geschichte fasziniert, überfällt immer mal wieder die Hoffnung, dass sie doch etwas nützen möge, dass sie uns helfe im Handgemenge der Gegenwart. Dass sie ihre Augen öffne und so die unseren. Ich mag den Schwung in diesen Versen. Es ist ein Aufschwung. Das ist doch schon was.

Wo gibt es einen schöneren Blick aus dem Flugzeug?

„Nie war man weiter fort von sich als in den Korridoren

Aus Kumuli, in diesem weißen himmlischen Versailles“

Natürlich ist es altmodisch, unser Leben so zu erhöhen, ihm so viel Schönheit zu geben. „weißes himmlisches Versailles“ für ein paar Wolken, die dem Piloten ich weiß nicht was über die Wetterlage sagen und den Stand der Bedrohung. Statt Auskünfte einzuholen und uns aufzuklären über den Stand der Dinge, sieht Grünbein sie an mit den weit aufgerissenen Augen eines Kurzsichtigen, zeigt mit dem Finger auf sie und kommt in ein, zwei, drei Atemzügen von sich über die Korridore mittenmang ins Universum, das aber auch nur eine touristische Attraktion ist. Ich liebe Grünbeins Liebesspiel mit den Traditionen, mit dem, was man zu kennen glaubt. Früher nannte man das Ironie. Sie war der Höhepunkt, auf dem sich Intelligenz und Romantik trafen.

Noch ein paar Verse:

„Das letzte Jahrhundert war, so gesehen,

Wie ein einziger langer Arbeitstag vorübergegangen.

Und war nicht das meiste umsonst gewesen?

Sie hatten geschuftet, ins Ungefähre gezielt, geliebt

Wie wir und gelitten, schrieb sie im Schulaufsatz.

Dann klingelte es, große Pause. Und es begann

Dies unendlich präzise Jetzt.“

Natürlich mag ich es nicht, wenn umsonst steht, wo vergebens gemeint ist. Aber für dieses „präzise Jetzt“ muss man Grünbein preisen und für die Bewegung, die es hervorbringt. Für die „große Pause“. Und ist dieses „ins Ungefähre gezielt“ nicht großartig?

Durs Grünbein: Koloss im Nebel, Suhrkamp, Berlin 2012, 229 Seiten, 25 Euro.

Tolstoi zur Wertedebatte

Arno Widmanns Lesegedanken

"Vom Nachttisch geräumt": Die Lesegedanken von Arno Widmann. Jeden Monat neu. Hier geht's zum Überblick.

Es ist immer wieder eine Lust in Lew Tolstois „Für alle Tage“ zu lesen. Jene Zitatsammlung, die Tolstoi erstmals 1906 veröffentlichte. Man betrachte zum Beispiel jetzt Ende Oktober die abschließende „Monatslektüre“, in der der heute so gut wie unbekannte Buka, das Pseudonym des russischen Publizisten und Veterinärsgehilfen Alexander Iwanowitsch Archangelski (1857-1906), die „herrschenden Banden“ und ihre Gesetze attackiert. Kein Mensch könne gezwungen werden, sich an sie zu halten. Die staatlichen Gesetze seien Menschenwerk. Gott habe Moses seine Gesetze gegeben. Die haben Gültigkeit. Nichts sonst. So Buka. Man spürt den Zusammenhang von Glaube und Rebellion und erschrickt. Das ist die Melodie der Fundamentalisten. Heute wird sie angestimmt, um die Scharia einzuführen. Wer eine Seite zurückblättert und auf das erste Zitat des 31. Oktober blickt, die liest: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich, der Mensch schuf Gott nach dem seinigen.“ (Lichtenberg) Das ist der Satz gegen jede Art von religiösem Fundamentalismus. Moses versteckt sich hinter dem Gott. Er mag am Sinai gewesen sein. Aber die Gesetze hat auch er sich selbst geschrieben, womöglich auch inspiriert von „Kabinetten, Ministerien und Gasthäusern“, wie Buka es den „herrschenden Banden“ vorwirft. Unmittelbar vor dem Buka-Zitat steht noch ein Satz von Tolstoi selbst, den er hineinwirft in alle Wertedebatten überall: „Die Missachtung der Überlieferung hat nicht den tausendsten Teil der Übel gestiftet, die die Achtung der Sitten, Gesetze und Institutionen erzeugt, die heutzutage gar keine vernünftige Berechtigung mehr haben.“ Es ist der unwiderstehliche Reiz dieses Buches, dass darin Gift und Gegengift fast gleichmäßig verteilt werden. Man sagt den guten Autoren nach, sie nähmen die Ansichten all ihrer Charaktere gleich ernst. Tolstoi ist mit dieser Anthologie ein weiterer großer Roman gelungen.

Lew Tolstoi: Für alle Tage – ein Lebensbuch, aus dem Russischen von E. Schmitt, A. Skarvan und Christiane Körner, C.H. Beck Verlag, München 2010, 760 Seiten, 49,95 Euro.

 

Die Seuche des bösen Aberglaubens

Es gibt zwei Briefe des jüngeren Plinius (61 oder 62 bis 113), die Jahrhunderte lang Pflichtlektüre des gebildeten Europäers waren. Der sogenannte Christenbrief findet sich im letzten, dem zehnten Band seiner Gesammelten Briefe. Es ist der Briefwechsel mit Kaiser Trajan. Im Brief 96 bittet er den Kaiser um Rat. „Die Seuche des bösen Aberglaubens“, des Christentums, verbreite sich in Bithynien-Pontus, dem Gebiet, in dem Plinius Statthalter sei, nicht nur über Städte und Dörfer, sondern auch auf dem flachen Land. Plinius ist sich unsicher, wie mit Christen zu verfahren sei. Ist es schon ein Verbrechen, sich als Christ zu bezeichnen? Oder muss noch eine Tat hinzukommen? Entgeht der Verfolgung, wer dem Christentum abschwört oder gilt: einmal Christ, immer Christ? Bisher war er so verfahren: Wenn Christen zugaben, Christen zu sein, gab er ihnen dreimal eine Chance, dem Christentum abzuschwören. Wenn sie das nicht taten, ließ er sie hinrichten. Christen, die Bürger Roms waren, ließ er nach Rom abtransportieren. Sie hatten das Recht, dass dort über sie verhandelt wurde. Leute, die als Christen denunziert worden waren, die aber, von Plinius dazu angehalten, vor Trajans Statue opferten und Christus lästerten, die hatte er wieder frei gelassen. Die Antwort des Kaisers ist auch überliefert: „Du hast den richtigen Weg eingeschlagen.“ Und: „Anonyme Anklageschriften aber dürfen bei keiner Straftat Berücksichtigung finden. Denn das gäbe ein äußerst schlechtes Beispiel und entspräche nicht dem Geist unseres Zeitalters.“

Dieser Briefwechsel ist die früheste und umfangreichste außerchristliche Quelle über das frühe Christentum. Man erfährt hier zum Beispiel, dass der Kaiser Zusammenkünfte, bei denen Gemeinschaftsessen stattfanden, verboten hatte. Diese Verfügung richtete sich wohl gegen das Abendmahl.

Der andere Brief, der sich größten Interesses erfreute, ist der über den Vesuvausbruch vom 24. August 79, bei dem sein Onkel und Adoptivvater, der ältere Plinius, zu Tode kam. Plinius der Jüngere beschreibt darin seinem Freund Tacitus den Vesuvausbruch und wie sein Onkel sein eigenes Leben einsetzte, um das anderer zu retten, damit Tacitus in seinen Geschichtsbüchern künftigen Generationen davon erzählen soll. Es ist eine mit wunderbaren Details ausgeschmückte Geschichte. So soll der Onkel, um einem Freund ein Beispiel an Besonnenheit und Ruhe zu geben, angesichts des polternden Vesuv sich in seine Kammer gelegt und demonstrativ geschlafen haben. Man weiß das so genau, berichtet Plinius, „denn seine Atemzüge, die bei ihm wegen seiner Körperfülle ziemlich schwer und laut waren, hörten diejenigen, die sich vor der Schwelle aufhielten.“ Das Meer war zu stürmisch. Eine Flucht war unmöglich. Am Strand auf eine ruhigere See hoffend aber erstickte der ältere Plinius, der Autor der Naturgeschichte,  im dicken Qualm des Vesuvausbruchs.

C. Plinius Caecilius Secundus: Briefe, Lateinisch/Deutsch, hrsg. und übersetzt von Heribert Philips und Marion Giebel, Nachwort von Wilhelm Kierdorf, Reclam, Stuttgart 2012, 964 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag, Leseband 44,95 Euro.

 

Blaue Augen, blondes Haar, keine Gefahr

Schon zweite Satz kann einen ins Mark treffen, der 1979 nach Berlin kam, sich als avantgardistisch betrachtete und Punk und die Wilden total ignorierte: „Man muss dem Schicksal dankbar sein, wenn die Erfindung einer bedeutenden Kunstform in die eigene Lebensspanne fällt. Umso peinlicher ist es dann allerdings, wenn man sie nicht sofort versteht oder nicht angemessen würdigt, wenn man nicht von Anfang an von ihr begeistert ist.“ Der 1975 geborene in Boston geborene Mark Greif hat zwanzig Jahre später aufgeholt und nicht nur über Hip-Hop geschrieben, sondern auch rappen gelernt. Vergangenes Jahr erschienen seine Überlegungen zur Hip-Hop-Musik-Kultur-identität-Was-immer-ihr-wollt in dem Band „Bluescreen“ in der Edition Suhrkamp. Jetzt ist ein Aufsatz aus der Sammlung noch einmal einzeln erschienen: „Rappen lernen“. Eine verdammt kluge Abhandlung über den Zusammenhang von Crack und Kultur, von Schwarz und Weiß und Nigga und Gangsta. Niemals vorher und niemals danach wurden in den Innenstädten der amerikanischen Metropolen so viele Menschen – Schwarze und Latinos vor allem - ermordet wie Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre. Hip-Hop war der Soundtrack dazu. Nicht die Kritik sondern der Ausdruck dieser Situation. Nirgends kann man das so klar sehen wie in der kleinen Abhandlung von Mark Greif.

Die dicke Anthologie zu Greifs schmalem Band beginnt schon 1978 mit dem Bewohner der South Bronx, mit Afrika Bambaataa und seinem Kampfruf:

„Say, what’s the name of this nation?

Zulus, Zulus

And who’s gonna get on down?

The Cosmic Force, the Cosmic Force”

Dann geht es ab. 860 Seiten lang Rap, Rap, Rap. Henry Louis Gates Jr. Hat ein Vorwort beigesteuert. Und wie es für einen alten, weisen Mann sich gehört, erinnert er daran, dass alles schon einmal war. Rap hieß damals noch nicht so, aber es waren skandierte Geschichten über Leute aus der Umgebung, kunstvoll hingeworfene Stories, die bei jedem Vortrag ein klein wenig verändert wurden, ganz zugeschnitten auf die Situation – des Publikums oder auch der Performer.

„Arbeitstexte für den Unterricht“ heißt eine Reihe im Reclam-Verlag. Darin gibt es auch ein Bändchen mit deutschen Rap-Texten. Sascha Verlan hat eine kundige Einleitung dazu geschrieben. Aus aktuellem Anlass sei aus diesem Band „fremd im eigenen Land“ zitiert. Der Song war die Antwort von „Advanced Chemistry“ auf den Pogrom in Rostock-Lichtenhagen im August 1992. Der Song begann mit einem Nachrichtentext: „Nach der vierten krawallnacht rechnet die polizei mit weiteren rechtsradikalen ausschreitungen in rostock.“ Dann kommt der Song:

„ich habe einen grünen pass mit ‚nem goldenen adler drauf

ies bedingt, dass ich mir oft die haare rauf

jetzt mal ohne spaß ärger hab ich zu

hauf, obwohl ich langsam auto fahre und niemals sauf

all das gerede vom europäischen zusammenschluss

fahr ich zur grenze mit dem zug oder einem bus

frag ich mich, warum ich der einzige bin

der sich ausweisen muss, identität beweisen muss

ist es so ungewöhnlich, wenn ein afrodeutscher seine

sprache spricht – und nicht so blass ist im gesicht?

das problem sind die ideen im system

ein echter deutscher muss so richtig deutsch aussehn

blaue augen, blondes haar, keine gefahr

gab’s da nicht ‘ne Zeit, wo’s schon mal so war?

…..

ausländerfeindlichkeit, komplex der minderwertigkeit

ich will schockiern und provoziern

meine brüder und schwestern wieder neu motiviern

ich hab schon ‘nen plan und wenn es drauf ankommt

kämpfe ich auge um auge, zahn um zahn

ich hoffe die radiosender lassen diese platte spielen

denn ich bin kein einzelfall sondern einer von vielen

nicht anerkannt, fremd im eigenen land

kein ausländer, und doch ein fremder.“

Zwanzig Jahre ist das her und verdammt noch mal immer noch, leider, leider, leider aktuell.

Mark Greif: Rappen lernen, Suhrkamp, Berlin 2012, 59 Seiten, 4,99 Euro

Adam Bradley, Andrew Dubois: The Anthology of Rap, Yale University Press, New Haven, London 2010, 867 Seiten, 35 Dollar

Rap-Texte, hrsg. Von Sascha Verlan, Philipp Reclam, Stuttgart 2003

 

Die Bomben waren die Sirenen meiner Kindheit

Am 17. 11.1998 antwortet Anselm Kiefer auf eine Anfrage der Frankfurter Rundschau: „Vielen Dank für Ihre Einladung. Das Thema interessiert mich sehr. Die Zeit als ein formbares Medium, die sich nicht auf ein Ziel hinbewegt, sondern gleichermaßen rückwärts wie vorwärts fließt. Und wo sind wir da? Wie kann man da eine Schwelle sehen?“ Kiefer  lehnt das Angebot nicht ab, sondern „wenn Sie mir mehr Zeit geben, dann würde ich gerne mitmachen.“ Man kann das jetzt nachlesen in Kiefers Notizbüchern. Darin finden sich auch Bemerkungen wie diese: „Dann noch mal die neue Wohnung besichtigt, mit dem Architekten gesprochen und noch einen Teil dazugekauft, damit auch das obere Stockwerk symmetrisch ist mit den Erkern zum Park hin.“ Ich muss gestehen, ich bin neidischer auf den offenbar prall gefüllten Geldbeutel als auf den Sinn für Ästhetik. Aber nur diesen einen Moment lang. Denn es gibt ja nicht nur Kiefers Wahrnehmung, sondern auch seine Fähigkeit sie auszudrücken: „Nebel die letzten Tage, der die Häuser lasiert und die Zwischenräume mit Leichtem füllt, die Häuser erst richtig malt, auch die letzten Reihen verschwinden macht in einem langsamen, sanften Übergang. Es sind nicht die letzten Reihen, weil man ja gerade wegen des Nebels nicht weiß, wie viele noch kommen jenseits der weichgezeichneten ‚Grenzen’. Es ist sogar so, dass man denken könnte, dass von dort etwas auf einen zukommt.“ Das ist nicht nur gut beobachtet und schön gesagt, sondern zeigt auch eine Denkbewegung. Wenn Anselm Kiefer „die letzten Reihen“ korrigiert, dann sieht man ihm beim Denken zu. Man sieht ihn zurücktreten, seine Sätze wie ein Bild betrachten und die Stellen, die ihm nicht gefallen, übermalen. Anselm Kiefer ist, das kann man in diesem Buch entdecken, nicht nur Maler und Leser, sondern auch Autor. Man lese die Tagebuchnotiz vom 29.8.98 über Hermann Brochs Tod des Vergil: „Die ganzen Jahre immer daran gedacht, wie an etwas Schwüles, bis zu einem Punkt gesteigertes, wo die Steigerung keine mit Worten Fassbare mehr ist, etwas, das ohne Unterlass ein außer Atem gekommenes ist. Etwas Unvollendetes, Ungemeistertes, das einen nachdenklich macht…. Die andere Art der Wiederbegegnung, die eine Ferne zeigte, war die auf einmal vorhandene Sicht auf das durch das nicht Gelungene Durchscheinende, Sicht auf das, was eben nicht erreicht war. Und es ist immer noch ein noch nicht, denn Du bist ja auch nicht fähig, das Buch sozusagen zu vollenden. Und doch ist es ein anderes noch nicht. Ein zwar Unformuliertes, aber schon besser Begreifbares. Ein Noch nicht, das schon zum Greifen ist.“

Damit ganz und gar nicht zu vergleichen ist das Gespräch, das Mathias Döpfner mit Anselm Kiefer geführt hat. Darin ist auch vom Übermalen die Rede. Aber hier ist es nichts als eine  Anekdote. Kiefer erzählt: „In der Londoner Tate Gallery hängt ein Triptychon von mir, mit Tannhäuser, mit Parzival. Da habe ich irgendwann reingeschrieben: In deutschen Gefängnissen gefoltert. Das war ein Reflex auf eine Debatte in den 70ern, später habe ich das wieder übermalt. Weil einfach nicht interessant.“ Das kann man auch ganz anders sehen. Kiefer wird es wohl auch anders sehen. Das Interessanteste in dem Gesprächsband, dem je ein  Text von Döpfner und Kiefer beigefügt ist, ist Kiefers Vorlesung am Collège de France vom 24. Januar 2011: „Genet, Nietzsche, Osama – Lässt sich die Kunst mit dem Leben vereinbaren?“ Darin geht er auf ein Buch ein, das er 1968 machte: „Die Überschwemmung Heidelbergs“. Kiefer schlug damals vor, kurz vor der Einmündung des Neckars in den Rhein eine Staumauer zu errichten. Sie sollte so beschaffen sein, „dass sie, kaum hätte sich das Tal des Neckars mit Wasser gefüllt, der Wasserspiegel also auf ihrer Höhe angekommen sein würde, brechen sollte. Heidelberg sollte mit einem Schlag überschwemmt werden.“ Man begreift die Kunst nicht, wenn man nur das Schöpferische in ihr sieht. Es gibt das Schöpferische nicht ohne die Lust an der Zerstörung. Du stehst im Weg! Mach Platz! Das gehört auch zur Kunst. Und die Menschen? Fragte damals Kiefers Professor. Kiefer meint dazu heute in der Vorlesung: „Es gefiel mir damals zynisch zu sein, und ich sagte, wir hätten doch Arbeitsteilung. Da gäbe es andere Institutionen, die sich darum kümmern sollten. Mir käme es allein auf das Bild an, das Kunstwerk.“ Kiefer breitet dann Seite für Seite sein Buch vor den Hörern des Collège de France aus. Am Ende werden die Fotos immer dunkler. Der Umschlag ist dann ganz mit schwarzer Ölfarbe bestrichen. „So erscheint die Materie voll von dunklem Schlick, der bleibt, wenn das Wasser abgeflossen ist und allen möglichen Unrat zurückgelassen hat. So ist diese Peinture réelle der Trost für die Überschwemmung. Die nicht stattgefunden hat. Wenigstens auf dem Papier ist sie geschehen, und die Spuren der Überschwemmung sind scheinbar auf dem Papier sichtbar. Ein schöner Schein.“ Die Utopie kann auch die der Vernichtung sein. Kiefer geht leider nicht ein auf das doch nicht ganz unwichtige Datum dieser Arbeit: 1968.

So wie man Kiefers Vortrag vor dem Collège de France unbedingt gelesen haben muss, nicht nur um den Künstler, sondern auch um die Kunst zu verstehen, so muss man auch seine Gespräche mit Klaus Dermutz lesen. Von Anfang an: „Auf Donaueschingen, wo ich aufwuchs, einen Bahnknotenpunkt, fielen die Bomben. Die Franzosen waren im Anmarsch. Ich wurde im Keller des Krankenhauses geboren. Meine Eltern haben mir Wachs in die Ohren gesteckt – wie Odysseus, damit er die Bomben nicht hört. Die Bomben waren die Sirenen meiner Kindheit.“ Man beachte das „er“, wo ein ich gemeint ist. Ich bin viele. Der Heros in tausend Gestalten..

Anselm Kiefer: Notizbücher – Band 1, 1998-1999, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 453 Seiten, 26,90 Euro.

Anselm Kiefer, Mathias Döpfner: Kunst und Leben, Mythen und Tod – Ein Streitgespräch, hrsg. von Manfred Bissinger, Quadriga, 142 Seiten, 18,99 Euro.

Die Kunst geht knapp nicht unter – Anselm Kiefer im Gespräch mit Klaus Dermutz, Suhrkamp, Berlin 2010, 269 Seiten, 24,90 Euro.

Reine und Unreine

Die Abschaffung der Todesstrafe 1787 wurde in Österreich von entsprechenden Personaleinsparungen begleitet. Der Henker Karl Huß zum Beispiel verlor seinen Job. Wichtiger noch: Er verlor den Schutz der Krone. Das bedeutete, dass er seinen Nebenberuf, den des Heilers, nicht mehr ausüben durfte. Die zünftigen Ärzte, Apotheker und Chirurgen verklagten ihn wegen „Pforscherey“. Karl Huß verstand sich zu wehren, hatte Glück, wurde an anderer Stelle wieder eingesetzt und war zehn Jahre später damit beschäftigt, eine Chronik der Stadt Eger zu schreiben. In sie flocht er seine Autobiographie ein. Eines der fesselndsten Zeugnisse eines der einst verachtetsten Mitglieder der Gesellschaft des Alten Reiches. In manchen Landstrichen mussten Henker in Gaststätten an Extra-Tischen sitzen und mit Extra-Geschirr bewirtet werden. Die Institution der  Unreinen war keine indische Spezialität. Es gab sie mitten im aufgeklärten Europa. Hazel Rosenstrauch ist der Lebensgeschichte des Karl Huß (1761-1836) nachgegangen. Eine Aufstiegsgeschichte. Vom henkenden Henkerssohn zum Kustos der Fürst Metternichschen Sammlungen auf Schloss Königswart. Ein Blick auf die große Zeitenwende der Französischen Revolution, der Napoleonischen Herrschaft über Europa und die Jahre der Restauration. Ein Panorama betrachtet durch die Augen eines Außenseiters.

Hazel Rosenstrauch: Karl Huß, der empfindsame Henker – Eine böhmische Miniatur, Matthes & Seitz, Berlin 2012, 176 Seiten, s/w-Abbildungen, 19,90 Euro

Eine kleine, radikale Minderheit

Sein letztes Interview gab er – das hätte ihn amüsiert – dem Vorwärts. Das letzte Foto des Buches zeigt ihn bei seiner Dankesrede für den Wilhelm-Lehmbruck-Preis am 12.1.1986. Klaus Staeck und Gerhard Steidl haben ein Beuys Book vorgelegt. Abgesehen von dem Vorwärts-Interview besteht es ausschließlich aus hunderten von vorwiegend s/w Fotos, die die beiden zwischen 1972 und 1986 von Beuys gemacht hatten.

Meist sind es Aufnahmen von öffentlichen Auftritten des Künstlers. Zum Beispiel 1974 in Chicago. Auf einem der Fotos sieht man Joseph Beuys, Klaus Staeck und Gerhard Steidl. Staeck sieht heute so aus wie er damals aussah. „‘Oh‘, sagte Herr K. und erbleichte.“ Herr W. dagegen neigt dazu, ihn darum zu beneiden. Steidl war ein dünner, versonnener Mann mit Vollbart. Beuys lächelt und zeigt sein beeindruckendes Raubtiergebiss. In New York bei einem Abendessen mit Vertreterinnen der Frauenbewegung sieht man Beuys mit weit geöffnetem,  runden Mund als sänge er und eine aufmerksam träumende Yoko Ono. Man sieht ihn zusammen mit Nam June Paik, Heinrich Böll, mit Wolf Vostell und mit Bernd und Hilla Becher. Natürlich auch mit Zigarre. Man sieht Beuys zeichnen, signieren, spachteln und demonstrieren. Keine Felder, keine Wiesen, keine Berge, kein  Meer auf diesen Aufnahmen. Joseph Beuys - Der Deutsche ohne Landschaft? Immer wieder sieht man ihn bei Vorträgen, man blickt auf das mal große, mal kleine Publikum. Es steigt Trauer in einem auf, dass er tot ist, dass man, so lange er lebte, seine Nähe scheute. Er lacht so viel. Ein einladendes Lachen. Auf einem Foto trägt er eine Schlägermütze, der Schirm bedeckt die den Betrachter anschauenden Augen, darunter der lachende Mund. Er sieht aus wie Adriano Celentano. Das ist ein Buch für Beuys-Fans und für die, die sich erinnern wollen an eine Zeit, in der es schien, als sei die Welt noch zu entdecken. Aber das ist sie immer. Für die Jungen und die jung Gebliebenen. Eine kleine, radikale Minderheit.

Klaus Staeck, Gerhard Steidl: Beuys-Book, Steidl Verlag, Göttingen 2012, 65 Euro.

Gar zu große Erregung

250 Seiten mit mehr als 50 Vogelarten in Farbfotos und farbigen Zeichnungen auf Hochglanzpapier, dazu kurze Texte. Was will der Liebhaber mehr? Ich bin keiner. Der Grund, warum ich mir diesen Band zugelegt habe, war ein anderer. Zu dem Buch gehört ein Abspielgerät. Kein Extra, sondern auf dem Buchrücken fest installiert. Wer also in diesen Tagen nach Linum fuhr, um den Kranichen zuzuschauen, die sich dort versammelten und – ich weiß nicht, wann diese Zeilen erscheinen – sich womöglich noch immer versammeln um zu Zehntausenden (allein am 17. Oktober sollen es 60 000 gewesen sein!) gen Süden zu fliegen, der kann sie nicht nur erkennen an ihrem Aussehen, sondern auch an ihrem „gutturalen kruh oder gurru“. Und dann die weit reichenden Rufe. Der Text im Buch spricht von „Trompeten“. Über dem Text ist eine Leiste mit den Nummern, die man an dem Gerät eingeben muss, um die Tiere hören zu können. Ich ging einmal mit einer Freundin durch einen kleinen Wald. Vögel trällerten. Sie trällerte zurück. Ihr antworteten die trällernden Vögel. Sie unterhielt sich mit ihnen. Nicht wie wir Erwachsenen, sondern wie Kinder sich mit uns unterhalten. Es war die reine Freude. Sie war schon darum so rein, weil auch sie nicht wusste, mit welchen Vögeln sie disputierte. Mit dieser Unschuld ist es jetzt vorbei. Ich werde ihr dieses Buch schenken. Sie wird es lieben. Da bin ich ganz sicher. Aber auch wer die Ausflüge in die Natur scheut, wer lieber auf dem Sofa liegt oder im Sessel sitzt, kann darin blättern und sich darüber wundern, dass so kleine Tiere wie zum Beispiel der Schilfrohrsänger sich nicht wie der Kranich mit Spanien als Winterquartier zufrieden geben, sondern noch über die Sahara hinweg ins Innerste Afrikas fliegen. Der Betrachter bekommt angesichts solcher Weltläufigkeit in seinem Sessel ein schlechtes Gewissen und drückt die Zahl 127 in das Abspielgerät. Laut ist das Tier auch noch. Das Männchen singt auch nicht etwa gemütlich auf einem Zweig, sondern setzt gerne zu einem Singflug an. Bei diesem Wort fällt dem Couch-Potato der Seeadler ein. Flügelspannbreite 240 Zentimeter, der größte in Mitteleuropa brütende Greifvogel. Aber der Text vermerkt ganz richtig: „Bei Erregung ruft das Männchen hoch krik-krik-krik-krik“. Für meinen Geschmack lächerlich hoch. Den Ruf des Weibchens – bis zu einer Oktave tiefer – liefert das Abspielgerät leider nicht mit. Es soll ja auch menschliche Männchen geben, deren Sexappeal bei gar zu großer Erregung Schaden nimmt.

Jan Pedersen, Lars Svensson, Einhard Bezzel: Vogelstimmen – Unsere Vögel und ihr Gesang, Malik Verlag, München 2012, 256 Seiten, 39,99.

 

Asketische Erkenntnis

Péter Nádas ist einer der großen Autoren unserer Zeit. Ein Mann, der sich 18 Jahre Zeit nahm für seinen Roman „Parallelgeschichten“, einer also, der sich aufs Luftholen und Durchatmen versteht. Das verlangt er auch dem Leser ab. Noch die kürzesten seiner Texte fordern angespannteste Aufmerksamkeit. Man nehme zum Beispiel die sechs Seiten seiner Betrachtungen über Monets Seerosen. Der Titel: „Wer was wie und wie was wen bezeichnet“. Der Untertitel: „Über den Unterschied zwischen Kreativität und Findigkeit“. Ich bin gescheitert daran. Ich kam über einen der ersten Gedanken darin nicht hinaus. Das verstand ich noch: „Hinter Monets tausend, zehntausend, hunderttausend Pinselstrichen stehen ebenso viel Entscheidungen, und hinter diesen Entscheidungen sicherlich zehnmal, hundertmal, tausendmal so viele Beobachtungen und Überlegungen.“ Wenngleich ich hier schon stocke. Denn kann man wirklich „Überlegungen“ sagen? Überlegt Monet? Wägt er ab? Ja, sicher. Aber bei jedem Strich? An unserer Schule gab es einen Kunstlehrer, der brachte uns, da hatte Jackson Pollock längst seine Tröpfelbilder geschaffen, bei: „Jeder Strich hat eine Bedeutung“. Das stimmt. Aber stimmt es auch für den Künstler? Ist das Bewusstsein nichts als die Fertigkeit, unentwegt Entweder-Oder-Fragen zu beantworten? Gibt es nicht auch eine écriture automatique? Verschwindet nicht das Meiste von dem, das wir lernen, in unserem Körper? Wir müssen nicht mehr, wie wir es taten, als wir es erlernten, mühsam uns klarmachen, wie wir die Füße zu platzieren, wie wir uns in der Balance zu halten haben, um  gehen zu können. Wir buchstabieren uns nicht mehr durch einen Text. Wir können ihn lesen. Wenn das Gewusst-Wie den Meister ausmacht, dann heißt das, dass er die meisten Entscheidungen schon hinter sich hat. Gerade darum kann er sich neuen Fragen stellen, Fragen an die die anderen nicht einmal denken. Péter Nádas mag jedes Wort abwägen, aber auch er wägt es nicht mehr gegen Millionen anderer Wörter ab. Und so muss Monet nicht mehr tausend mal hunderttausend Entscheidungen bei jedem Pinselstrich treffen. Es sind drei oder vier. Und, so behaupte ich, nicht bei jedem Pinselstrich. Nádas’ Überlegung ist reizvoll. Aber sie trifft nicht den Kern der Arbeit des Künstlers.

Der nächste Gedanke, der mir in Nádas‘ Monetbetrachtung auffiel: „Wenn ich mit meinem Freund oder mit meiner Liebsten in der sanften Abenddämmerung am Ufer des Sees stehe, dann sehe ich nur das, was ich sehen kann, habe aber nicht die geringste Vorstellung von dem, was sie sehen…. Sie sagen: schön, und ich sage das auch. Aber das Wort bleibt nur ein Wort.“ Das stimmt. Ist man versucht zu sagen. Aber stimmt es wirklich? Das Wort wird doch auch intoniert. Das Wort wird von einer Geste begleitet. Nádas kennt die Kupferstiche, auf denen die Liebespaare einander in der Abenddämmerung in die Arme fallen. Auch in eben jener „schönen Geschwisterlichkeit“, an die er bei der gemeinsamen Betrachtung des Naturschönen nicht glauben möchte. Hinzu kommt: Es bleibt nicht bei diesem einen Wort. Beim dritten oder vierten weiß man, ob man über dasselbe lacht und weint. Ob man sich einig ist, ob Nuancen oder Welten zwischen einem liegen.

Nádas sieht das anders: „Beim Anblick von Meisterwerken aber … wird die Betrachtungsweise des anderen zu meinem unmittelbaren Erlebnis.“ Das Meisterwerk polt mich um, es lässt mich die Welt durch seine Augen wahrnehmen. Stimmt das? Wenn Nádas meinen sollte, dass ein Meisterwerk sich dadurch definiert, dass es das tut, dann handelt es sich um eine Tautologie. Wenn er etwas anderes meint, weiß ich nicht was. Vieles, von dem, was Nádas und ich für Meisterwerke halten, Monets Seerosen zum Beispiel, das erste Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach, usw., usw. haben die Mehrheit der Weltbevölkerung nicht nur nicht erreicht, sondern sehr viele von denen, die sie gesehen oder es gehört haben, sind achtlos daran vorbeigegangen oder haben angeekelt einen anderen Sender gesucht. Während sehr vieles, das ich für alles andere als ein Meisterwerk halte, unter vielen Menschen genau jene „schöne Geschwisterlichkeit“ herstellt, von der Peter Nádas spricht: Pete Seegers „Sag mir, wo die Blumen sind“ oder Madonnas „Vogue“ oder, oder, oder.

Der nächste Gedanke von Péter Nádas schließt ganz eng an den von der Geschwisterlichkeit an, hat aber – glaube ich – mit dem gerade nichts zu tun: „Ich erfahre etwas, wovon ich ohne dieses Kunstwerk, keine Vorstellung hätte.“ Es entsteht also gerade keine Gemeinsamkeit zwischen Betrachtern, Hörern, Lesern, sondern eine zwischen dem Betrachter und diesem Werk. Es schafft neue Beziehungen. Manche fühlen sich abgestoßen, andere angezogen. Ein Magnet, um den sich Eisenspäne gruppieren. Ich bezweifle, dass diese Umorientierung etwas mit der Frage des Meisterwerkes zu tun hat. Was ist zum Beispiel mit „Yesterday“? Mit Cees van Dongen? Mit dem Nationalsozialismus? Mit dem Kommunismus? Was mit der japanischen Teezeremonie? Man mag sich gerne einbilden, etwas, das einen umkrempelt, müsste schon darum ein Meisterwerk sein. Aber ich fürchte, auf die meisten von uns trifft das nicht zu. Auch nicht auf die besten. Wahrscheinlich nicht einmal auf Péter Nádas.

Was ich eben schrieb, ist nicht der Versuch einer Kritik. Es ist der Versuch, Verständnisschwierigkeiten zu markieren. Es ist leicht, begeistert zu sein von Péter Nádas. Von den mächtigen Fugen seiner Romane, von ihrer Bildkraft. Wir verdanken ihm Einsichten und Kenntnisse, wir verdanken ihm die traurige Klugheit, mit der er auf das vergangene Jahrhundert und in die Zukunft blickt.

Péter Nádas begann als Fotograf, und ganz hat er nie aufgehört ein Fotograf zu sein. Man kann das sehen, wenn man Nádas liest. Man kann sich aber auch von Matthias Haldemann durch „Bild und Wort bei Péter Nádas“ führen lassen. Das ist der Untertitel seines Essays „Parallelen im Übergang“. Oder auch von Zsófia Bán: „Die Melancholie der Anatomie – Wort-Bild und Blick in den Parallelgeschichten.“  Vor allem aber sollte man sich die Fotografien von Péter Nádas ansehen. Die Grundausrüstung dafür liegt vor. Es sind vier Bände erschienen. “Schattengeschichte“ stellt s/w-Aufnahmen von Péter Nádas vor. Die früheste Aufnahme stammt aus dem Jahre 1960 und zeigt den jungen Mann mit seiner  Linhof-Technika. Die jüngste entstand 2004 und zeigt den Übersetzer Marc Martin. Dem Band „Lichtgeschichte“, in dem vor allem Farbfotografien zu sehen sind, hat Péter Nádas den Text vorangestellt „Aufleuchtende Details – Der Abschied eines greisen Lichtbildners von der analogen Fotografie“. Der Essay erzählt von einem japanischen Fotografen Akahito, der seine Schüler striezt wie ein Meister es tut. Akahito denkt Sätze wie diese: „In der Freizeit jagen die Menschen das Ich mit einem Schmetterlingsnetz.“ Oder aber: „In der Geschichte des bildlichen Sehens sind die Spuren jeder einzelnen Arbeitsverrichtung für immer erhalten. Die getane Arbeit ist mit all ihren Qualen und Freuden auf den Bildern, auch wenn sich heute kein Mensch mehr an die einzelnen Operationen erinnert, mit denen auf den Bildern etwas erreicht oder eben vermieden wurde. Kaum etwas war zu erreichen, aber entsetzlich viele Dinge mussten vermieden werden. Um diese unendlich asketische Erkenntnis drehte sich alles.“

Péter Nádas: Arbor mundi – Über Maler, Bildhauer und Fotografen, Nimbus Verlag, Wädenswil am Zürichsee 2012, 200 Seiten, 29,80 Euro.

Péter Nádas: In der Dunkelkammer des Schreibens – Übergänge zwischen Text, Bild und Denken, Nimbus Verlag, Wädenswil am Zürichsee 2012, 216 Seiten, 29,80 Euro.

Péter Nádas: Schattengeschichte – Fotografien, Nimbus Verlag, Wädenswil am Zürichsee 2012, 163 Seiten,

Péter Nádas: Lichtgeschichte – Fotografien. Mit einem Essay „Aufleuchtende Details“, Nimbus Verlag, 151 Seiten, beide Bände zusammen 75 Euro.

 

Wie in einem Spiegel

Die 101 wichtigsten Fragen ist eine Buchreihe des C.H. Beck-Verlages. Eine sehr nützliche und sehr vergnügliche. Denn sie schert sich nicht um Systematik. Hier wird gefragt, was einem Laien so durch den Kopf geht. Da der aber selten mehr als fünf, sechs Fragen hat, eröffnen ihm schon die Fragen Welten. Und dann erst die Antworten. Zum Beispiel diese hier im China-Band von Hans van Ess: „Woher kommt der europäische Name China?“ Die herkömmliche Ableitung ist die vom Namen der Qin-Dynastie. Das Q wird Tch ausgesprochen. Van Ess entplausibilisiert diese Ableitung, um am Ende wie der Zauberer das Kaninchen eine wunderbar verrückte, sehr, sehr anregende Hypothese ins Spiel zu bringen: „In der zu Beginn des 5. Jahrhunderts verfassten Geschichte der späteren Han-Dynastie (25-220 n. Chr.) ist die Rede von einem Land namens ‚Großes Qin‘, das sich ‚westlich des Meeres‘ und westlich von Indien befinde. Die Identifizierung des ‚Großen Qin‘ mit ‚Rom‘ ist mittlerweile allgemein anerkannt. Zur Begründung, warum man in China diesen Namen verwende, sagt der Text lediglich, die Bevölkerung sei groß, ausgeglichen und gerecht, genau wie in China selbst. Daher habe man das Land ‚Großes Qin‘ genannt. So könnte es sein, dass der Name ‚China‘ eine Spiegelung einer Bezeichnung ist, die chinesische Händler den Römern gaben.“ Ich mag Verwechslungsspiele und solche vor einem Spiegel berühren den Narzissmus eines jeden. Allerdings wird der kritische Verstand des Lesers schon bei der Antwort auf die nächste Frage „Wie bezeichnen die Chinesen ihr Land und sich selbst?“ gegen diese reizvolle Hypothese mobilisiert. Da heißt es nämlich: „Sollte von einem politisch geeinten Reich die Rede sein, dann bezeichnete man China grundsätzlich nach der herrschenden Dynastie.“ Das wäre, wenn es um das große Qin ginge, allein die Qin-Dynastie. Die war aber schon um 206 vor u.Z. zu Ende. Da gab es noch kein römisches Weltreich. Rom befand sich noch im Clinch mit Karthago, die Eroberung Griechenlands stand noch bevor. Es gab allerdings - tatsächlich westlich von Indien - das wie das Qin-China gerade erst entstandene graeco-baktrische Reich. Aber das sind Kopfschütteleien eines Ahnungslosen. Nur es spricht wirklich nichts für die herrliche Idee, Rom und China hätten sich schon 200 vor u.Z. in die Augen gesehen und einander – sagen wir es ruhig – „erkannt“. Ich habe die aktualisierte Auflage von 2012 in der Hand und finde darin die Frage: „Warum gab es immer wieder antijapanische Aktionen?“ In der klugen Antwort heißt es: „Interessant ist allerdings, dass über diese Dinge – das Nanjing-Massaker der Japaner an Chinesen im Jahre 1937 – in China viel weniger gesprochen wurde, solange man das Elend vor Augen hatte, das nach den Verwüstungen sämtlicher Großstädte am Ende des Krieges in Japan herrschte. Erst nachdem Japan sich zur wirtschaftlichen Großmacht aufgeschwungen hatte, um die Wende von 1970ern zu den 1980er Jahren, begann das Thema an Bedeutung zu gewinnen. Seitdem ist es sowohl von Seiten der chinesischen Politik als auch aus der Bevölkerung heraus immer wieder zu verbalen Angriffen gekommen.“ Inzwischen ist Japan schwächer und China stärker geworden. Wie sich das auswirkt auf Frequenz und Lautstärke antijapanischer Aktionen, haben wir jetzt feststellen können. Allerdings ahnte van Ess das nicht, konnte wohl auch niemand ahnen vor einem halben Jahr. So wurde der letzte Satz seiner Antwort leider von der Wirklichkeit widerlegt. „In den letzten Jahren ist es um das Thema ‚Japan’ deutlich ruhiger geworden.“

Es war ja nicht nur ruhiger geworden. Es gab zum Beispiel auch den Film „City of Life and Death – Das Nanjing Massaker“ des chinesischen Drehbuchautors und Regisseurs Lu Chuan. Der 1971 geborene Lu Chuan stellt in den Mittelpunkt seines 2009 herausgekommenen mehr als zwei Stunden dauernden Films den japanischen Soldaten Kadokawa. Der ist bei dem Schlachten nicht nur dabei. Aber er wird nachdenklich. Er erträgt es nicht. Am Ende erschießt er sich. Der Film, der das Massaker zeigt - man sieht abgeschnittene Köpfe, aufgespießte Menschen -, verteilt gut und böse nicht ganz so schablonenhaft wie das in der ideologischen Hochzeit der Volksrepublik gepflegt wurde. Kadokawa ist eine Identifikationsfigur. Ein Japaner für das Massenpublikum der Volksrepublik. Das war doch ein gutes Zeichen.

Hans van Ess: China - Die 101 wichtigsten Fragen, C.H. Beck, München 2012, 160 Seiten, 9,95 Euro.

Lu Chuan: City of Life and Death – Das Nanjiing Massaker, DVD, 7,99 Euro

 

Wudubidudu

Thierry Chervel, der Erfinder des Online-Dienstes „Perlentaucher“, eine Anspielung auf Bizets Oper Les Pecheurs de Perles, sei gepriesen. Vor vielen Jahren fragte ich ihn, welche Aufnahme von Wagners Ring ich denn mit an einen Strand in Kenia nehmen sollte. „Solti!“, sagte er. „Natürlich Solti!“. Also nahm ich die CDs mit, legte mich morgens um acht in den Liegestuhl, blickte abwechselnd auf das Textbuch, auf den Indischen Ozean und hörte, hörte, hörte. Ich sang mit, lachte, fuchtelte mit den Armen, sprang auf, legte mich wieder hin. Man kann nicht ruhig sitzen bleiben bei Solti. Seine Energie steckt an. Es war sehr spät, wohl nach Mitternacht, als ich fertig war. Ich hatte den ganzen Ring, mehr als 15 Stunden, fast ohne Pause gehört. Gehört? Nein: Mitgemacht. Ich wusste damals nicht, wie wenig originell meine Begeisterung war. Soltis 1958-1962 in den Wiener Sophiensälen entstandener Ring ist die bestverkaufte Klassik-Aufnahme aller Zeiten. Mehr als sechs mal soviel wie die Nummer zwei. 31 Grammys bekam Solti für seine Einspielungen. Das ist mehr als irgendjemand sonst. Kein Popstar hat das erreicht. Georg Solti (1912-1997) wäre am 21. Oktober einhundert Jahre alt geworden. Ein Anlass, die Musik zu hören, die er dirigiert hat, aber auch eine gute Gelegenheit, sich den Film anzusehen, den Georg Wübbolt über ihn gedreht hat. Er vermittelt ein Bild von der Kraft dieses Mannes, der 1926 noch in Ungarn seinen deutsch-jüdischen Geburtsnamen Stern zu Solti ungarisieren musste. Er war Assistent bei Bruno Walter und Toscanini. Dann kam der Krieg, und Georg Solti tauchte in der Schweiz unter. Wie er herausfand aus dieser Krise, wie er ein Weltstar wurde, was das mit dem britischen Radarsystem zu tun hatte, darüber klären die Gesprächspartner dieses Films auf: die Tochter Valerie Solti, Norman Lebrecht, Christoph von Dohnányi, bei dessen Großvater Solti gelernt hatte und der selbst Assistent von Solti war, viele andere und natürlich immer wieder Solti selbst.

Gleich zu Beginn ist großartig, wie die Orchestermusiker von seinem wudubidudu erzählen, und dann kommt es von Solti selbst. Danach Soltis wütendes: „Ya pa und nicht Ya pá.“ Man versteht sofort, was er meint. Jede Menge Anekdoten. Solti liebte Klatsch. Für alle Frankfurter sei diese von Norman Lebrecht tradierte Geschichte zitiert: „‘Was verband sie mit Adorno?‘  -  ‚Wir jagten beide hinter Frauen her.‘“

Es sei noch hingewiesen, auf etwas, das ich mir noch kaufen muss: Die limitierte Luxusausgabe von Soltis Ring. Ich habe mir bisher nur im Internet angesehen, was sie alles bietet. Auslöser für meinen Kaufwunsch ist eine Beilage: das Faksimile der von Solti benutzten Partitur. Freilich nur der Walkürenritt. Die ist übersät mit verschiedenfarbigen Anstreichungen und Bemerkungen. Ich werde jedem kleinen Ausrufezeichen nachjagen auf den CDs um herauszukriegen, was er meinte, ob er es geschafft hatte. Dazu kommt eine BBC-Dokumentation über die Entstehung der Aufnahme und zwei CDs mit einer Einführung in den Ring von Deryck Cooke. Das wird mein Weihnachtsvergnügen werden.

Solti, Journey of a Lifetime, DVD, 25,13 Euro

Solti, Der Ring des Nibelungen, 17 CDs, Beilagen etc., 205,99 Euro.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Deutscher Buchpreis - Shortlist 2014
Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Spezial

Blicken Sie mit uns zurück auf die größte Buchmesse der Welt: Höhepunkte, Fotos, Interviews in unserem Buchmesse-Spezial.

Buchtipps
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Video: Neue Krimis
Videonachrichten Kultur