Wer die Botticelli-Ausstellung im Frankfurter Städel besucht, wird Lust haben, sich ein wenig kundig zu machen über die Bilder, den Maler, die Zeit. Mir ging es jedenfalls so. Ein paar Lesefrüchte möchte ich weitergeben.
Am Anfang steht da natürlich der Katalog. Wen ein Bild genauer interessiert, der wird nachschlagen und fündig werden. Literaturverweise werden ihn weiter führen, auch zu den Vertretern anderer Ansichten. Ganz unabhängig davon aber ist der Essay von Volker Reinhardt (Ordentlicher Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg/Freiburg in der Schweiz), "Tyrannis oder goldenes Zeitalter - Florenz zur Zeit Botticellis", ein erhellender Schnellkurs darüber, wie schnell und glatt aus einer Republik eine Diktatur wird. Wie diese Metamorphose gewissermaßen unter der Hand vonstatten geht. "Räte und sonstige Gremien tagten und fassten Beschlüsse, als sei nichts gewesen. Und auch die Intellektuellen spielten mit."
"Botticelli. Bildnis, Mythos, Andacht ", Katalog der Ausstellung im Städel, Hatje Cantz Verlag, 372 Seiten, zahl-reiche farbige Abbildungen, 49,80 Euro .
Frank Zöllner: Botticelli. Prestel Verlag, 320 Seiten, 240 Farbige Abbildungen, 39,95 Euro.
Frank Zöllner: Botticelli. C.H. Beck, 127 Seiten, s/w und farbige Abbildungen, 7,90 Euro.
Ingeborg Walter: Der Prächtige. Becksche Reihe, 336 Seiten, sw-Ab-bildungen, 14,95 Euro.
Volker Reinhardt: Die Medici. C.H.Beck, 123 Seiten, sw-Abbildungen, 7,90 Euro.
Ulrich Rehm: Botticelli. Reclam, 280 Seiten, s/w und farbige Abbildungen, 22,90 Euro.
Lorenzo de´Medici: Ausgewählte Werke. Gunter Narr Verlag, 239 Seiten, 18,40 Euro.
Savonarola: O Florenz! O Rom! O Italien! Übersetzt und herausgegeben von Jacques Laager, Manesse, 768 Seiten, 24,90 Euro.
Reinhardt zeigt, dass es mit einem Besetzen der Institutionen nicht getan ist. Die Köpfe müssen besetzt werden und mit oder gar vor ihnen die Herzen. Nur dann funktioniert die Verwandlung.
Kunst war eines der wichtigsten Medien
Die Kunst war eines der wichtigsten Medien im Florenz des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Uns wurde beigebracht, Kunst habe eine kritische Funktion gegenüber der Gesellschaft. Das mag sogar richtig sein, aber ganz sicher richtig ist, dass Kunst meist Auftragskunst war. Sie stand im Dienst sehr konkreter Herren mit sehr konkreten Anliegen. Botticellis Laufbahn zeigt das deutlich.
Im Katalog stößt man immer wieder darauf. Zum Beispiel bei den Bildnissen von Giuliano de`Medici. Nach dessen Tod verbreitete Lorenzo das Bild des von der gegen die Medici putschenden Familie der Pazzi ermordeten Giuliano in der ganzen Stadt. Es sollte an die Freveltat der Übeltäter erinnern.
Das opulenteste der derzeit greifbaren Werke zu Sandro Botticelli stammt von dem in Leipzig Mittlere und Neuere Kunstgeschichte lehrenden Frank Zöllner. Hier werden alle Werke Botticellis - auch die, die ihm nur zugeschrieben wurden - abgebildet und vorgestellt. Das prächtige Format lässt einen Details erkennen, die einem vor den Bildern entgehen. Leider ist auf die Farben nicht immer Verlass. Aber natürlich versinkt man in dieser Pracht.
Zöllner entdeckt in der Londoner Anbetung der Heiligen Drei Könige - das Bild ist in Frankfurt nicht zu sehen - eine Felsformation, die ihm von van Eycks Stigmatisierung des Heiligen Franziskus her vertraut ist. Der Leser kann, da beide Bilder nebeneinander stehen, selbst sehen, was Zöllner mit den Sätzen meint: "Wenn nun Botticelli ein Detail aus einem Gemälde kopierte, demonstrierte er damit seine Vertrautheit mit den begehrten Produkten nordischer Meister und mit einem Referenzsystem künstlerischer Ausdrucksformen.
In der Gestaltung von Details ging es also auch hier nicht nur um einen Kultwert des Gemäldes, sondern ebenso um seinen Kunstwert." Es fand ein Wettbewerb statt. Das Überbieten, ja Übertrumpfen machte einen Großteil der Lust der Maler und des Publikums aus.
Prunken mit Kenntnissen
Am Wichtigsten aber ist Zöllners Prachtband, um sich klarzuwerden über die enge Bindung vieler Bilder Botticellis an Texte. Man versteht die Bilder nicht, wenn man nicht die antiken oder die zeitgenössischen Texte heranzieht, auf die sie sich beziehen, die sie verkörpern. Zum Überbieten gehörte das Prunken mit Kenntnissen und das möglichst souveräne Spiel mit der griechischen und römischen Überlieferung.
Bei Zöllner findet man den homerischen Hymnus, der der sogenannten Geburt der Venus - die ja in Wahrheit ihre Ankunft auf Zypern darstellt - zugrunde liegt. Man findet aber auch den Hinweis auf die Variante, die Poliziano, der Dichter des Lorenzo de´ Medici, geliefert hatte: die Muschel als das Gefährt, in dem Venus steht. Wem der dicke Band zu schwer ist, für den hat Zöllner das Allerwichtigste aus dem Buch auch in einem eben erschienenen kleinen Bändchen der Reihe C.H.Beck Wissen zusammengefasst.
Wer über Lorenzo de´ Medici und seine Zeit mehr wissen möchte, der lese "Der Prächtige" von Ingeborg Walter - gerade als Taschenbuch erschienen. Einen Blick auf Aufstieg und Fall des Clans bietet Volker Reinhardt mit "Die Medici - Florenz im Zeitalter der Renaissance". Die eindrücklichste Biographie Botticellis hat aber Ulrich Rehm vorgelegt. Es fällt einem schwer, die Lektüre des Buches zu unterbrechen.
Rehm erzählt außerordentlich lebendig
Rehm erzählt, er analysiert, er vergleicht nicht nur Bilder und Maler, sondern auch Dichtungen und Dichter, politische Theorien und politische Praktiken. Das macht das Buch außerordentlich lebendig. Außerdem aber druckt Rehm die drei wichtigsten frühen Lebensbeschreibungen des Malers ab. So können wir uns ein Bild machen von der Entstehung der Künstlerlegende und von der Kargheit und Widersprüchlichkeit der Überlieferung.
Auch bei Rehm spielt das in Frankfurt zu sehende Giuliano-Bildnis eine Rolle. Für ihn ist es kein politisches Manifest. Er hält es für möglich, dass es sogar noch zu Lebzeiten Giulianos entstand. "Wahrscheinlicher ist, dass Giuliano sich hier in einer versunkenen Pose darstellen lässt, um auf den verinnerlichten Blick des wahrhaft Liebenden hinzuweisen, dessen Treue über den Tod hinausreicht."