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Literatur

24. Oktober 2010

Büchner-Preis für Reinhard Jirgl: Von Schmerz und Wurstbrotigkeit

 Von Judith von Sternburg
Reinhard Jirgl im Staatstheater in Darmstadt.  Foto: dapd

Die Darmstädter Akademie ehrt Reinhard Jirgl, Karl-Markus Gauß und Luca Giuliani. Jirgls Laudator, der Literaturkritiker Helmut Böttiger, lobt ihn als „das, wovor uns die Germanistikprofessoren immer gewarnt haben“.

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Verschwindend wenige Menschen werden dadurch reich, dass sie herausragend schreiben können. Ein bürgerliches Auskommen (von dem in den meisten Fällen keine Rede sein kann) wäre bequemer zu haben. Einmal im Jahr bekommen aber drei Berufsschreibende in Darmstadt Gelegenheit, sich loben zu lassen und sich zu erklären. Den drei Preisen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sei Dank.

Der Schriftsteller Reinhard Jirgl, 1953 in Ost-Berlin geboren und ehemals dreizehnter Beleuchter an der Berliner Volksbühne, erhielt den Georg-Büchner-Preis. Sein Laudator, der Literaturkritiker Helmut Böttiger, lobte ihn als „das, wovor uns die Germanistikprofessoren immer gewarnt haben“. Jirgl tue oft weh, so Böttiger, „er steht für das Sperrige und für Lesehürden ... man braucht nur ,Jirgl’ zu sagen, und man weiß Bescheid.“ Aber auch Böttiger weiß Bescheid und demonstrierte das mit Hürden lässig überspringenden Lesehilfen.

Jirgl erklärte, dass er mit 15, 16 Jahren Georg Büchner entdeckte. Nun arbeitete er sich zu dem seine Rede betitelnden „mitternächtigen Ort“ vor, dem „finstersten im Schreiben Büchners“. Das ist das Märchen vom weinenden Kind aus dem „Woyzeck“, das ganz allein ist im Himmel und auf Erden. Jirgl interpretierte es als stoisches Gedankenspiel, bei dem es gilt, sich das Schlimmstmögliche vorzustellen (den eigenen Tod) und sich damit vor der Zeit an dessen Schrecken zu gewöhnen.

„In der mitternächtigen, am weitesten ausgestreckten Denkübung zwischen Sein und Nichts gründet ein Potential an Leben und an Liebe, ein fester Blick auf das Sosein, selbstlos und trostlos ...“ Gott hat hier nichts verloren, so Jirgl reizvoll altmodisch oder doch schon wieder aktuell. „Wo der Schmerz des Menschen Zentrum besetzt, wird einem Gott, dem erklärten Schöpfer dieses Menschen und dieses Schmerzes, das Wort entzogen; Gott ist für tot zu erklären, sein Totenschein die Literatur.“

Vorher hatte Jirgl allen DDR-Nostalgikern einen mitgegeben. „Abscheu, Unsicherheiten und Zweifel sowie der unbedingte Eindruck von etwas Altem“, das habe sein frühes Lebensgefühl bestimmt. „Denn all diese Biederkeit, diese grob geschmierte Wurstbrotigkeit selbstgesicherter Beamteter der Menschheit, bestand auf dem Fundament betonharter Staatsgewalt mit ihrem immer weiter auswuchernden Feind-Begriff.“ So viel dazu.

"Anwalt der Ausgegrenzten"

Der Schriftsteller und Europareisende Karl-Markus Gauß aus Salzburg, Jahrgang 1954, erhielt den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Seine Laudatorin und Kollegin Ilma Rakusa (die einzige Akteurin der Veranstaltung, stellen wir uns trotz allem für einen Moment das umgekehrte Verhältnis vor) lobte ihn als „Aufklärer, Atheisten, Enzyklopädiker und Anwalt der Ausgegrenzten“ und vieles mehr.

Gauß gab die einfachste Erklärung ab, das aber mit Verve. „Ich schreibe, weil ich mich schreibend am ehesten dem anzunähern weiß, der ich gerne wäre; weil ich nur schreibend so gescheit bin, wie ich sein kann; weil ich erst schreibend so mutig werde, wie ich, ein Ängstlicher, sonst nicht bin.“

Zum Beispiel der Literaturrezensent Gauß: „Oft bin ich mir lesend nicht einmal über den simpelsten Sachverhalt klar, nämlich darüber, ob mir das Buch eigentlich gefällt oder nicht.“ Gauß verband das mit einem Joseph-Rothisch argumentierenden Plädoyer für das Ernstnehmen journalistischer Texte. „Wer glaubt, er könne im Brotberuf hurtig Zeitungsartikel verfassen, um sich damit das Geld für die Arbeit am großen Roman zu verdienen, wird am Ende schlechte Zeitungsartikel und den großen Roman gar nicht geschrieben haben.“ Es wird nichts nutzen, aber man sollte es sich hinter die Ohren schreiben.

Der Archäologe Luca Giuliani, 1950 in Florenz geboren, heute in Berlin und Freiburg lebend, erhielt den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Die Akademie lobte seine „elegante Wissenschaftssprache, die Klarheit des Ausdrucks und Scharfsinnigkeit des Arguments vereint“.

Giuliani erklärte, dass bei ihm alles mit der prägenden Schullektüre von Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ begann, einfach zu verstehen und dann doch ein „komplexes Gebilde, worin man sich auch lustvoll verirren konnte“. Als er aufs Beschreiben von Objekten kam – höchste Kunst und archäologische Grundverpflichtung –, kam er auch auf Winckelmann (1717 bis 1768): „Er ist bis heute wohl der bedeutendste Vertreter meines Faches (auch wenn er von Fachkollegen nur noch selten gelesen wird)“. Das war die hübscheste Gemeinheit des Tages.

Akademiepräsident Klaus Reichert wetterte gegen die „Eintagsfliegen“ der Anglizismen. Wie immer, ist man geneigt zu sagen. Reich aber werden die Träger der Preise nicht. Merck- und Freud-Preis sind mit jeweils 12 500 Euro dotiert, der wichtigste deutsche Literaturpreis mit 40000 Euro. Ein bonusberechtigter Bankmanager wird lächeln.

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