Am Anfang stehen Worte, die von einem unmöglichen Ort herüber zu wehen scheinen. Die Rede ist von einer "Innertown", erinnert von einem Ich namens Leonard, der sich aber zum Zeitpunkt seiner Beschreibung schon auf dem Sprung in einen anderen Zustand befindet. Was hier gleich zu Beginn zu verlöschen scheint, erhält jedoch im selben Atemzug einen neuen Namen: Der "Glister", der John Burnsides Roman seinen Titel gibt, wird von Leonard zunächst so verheißungsvoll im Dunkeln belassen, dass man sich auf eine Erzählung von letzten Dingen gespannt einlässt.
Schnell begibt sich Burnsides metaphysische Expedition auf vertrauteres literarisches Gelände, denn "Glister" setzt auch auf Elemente der Kriminalliteratur und des Öko-Thrillers. Erzählt wird von einer heruntergekommenen Stadt an der Küste, deren Bewohner einst in einer großen Chemiefabrik Arbeit fanden und seit der Stilllegung der kontaminierten Anlage mit todbringenden Spätfolgen zu kämpfen haben. Burnsides besonderes Augenmerk liegt auf den Kindern und Jugendlichen der Innertown, die von ihren kranken und deprimierten Eltern in ein seltsam vogelfreies Leben entlassen scheinen.
So beginnt die Geschichte, auf die der 15-jährige Leonard zurückblickt, mit dem Verschwinden mehrerer Jungen in den verseuchten Wäldern der Halbinsel. Auf die Spur der Vermissten begibt sich ein Polizist namens Morrison. Dieser ermittelt, unter dem Druck eines allmächtigen Abwicklers der Umweltkatastrophe, nur halbherzig.
Als Leonard auf einen verborgenen Garten trifft, mit dem Morrison seinen Schuldgefühlen ein Denkmal gesetzt hat, betritt er ein Terrain, das die Gesetze von Genre-Literatur hinter sich lässt.
Weil Glister nicht als "whodunit" zu erfassen ist, gibt auch das fulminante Finale des Romans keinen klassischen Täter preis. Zwar schließt sich ein Kreis, denn Leonard kehrt in jene Anfangssituation zurück, in der seine Erinnerungen allmählich mit dem Geschrei der Möwen und dem Grollen der See verschmelzen.
Nun wird aber das Szenario einer schier unmöglichen Erzählung auf ebenso bedrohliche wie betörende Weise erleuchtet. Das assoziationsreiche "Glister" leitet sich vom Namen des Ingenieurs ab, der mit der Konstruktion der chemischen Anlagen betraut war. Dessen Sohn, ein rätselhafter "Mottenmann", wird zum väterlichen Freund Leonards, der seinem eigenen Vater beim Sterben zusehen muss.
Als der "Mottenmann" Leonard in die labyrinthische Anlage der stillgelegten Fabrik geleitet, entpuppt er sich als weitaus dämonischere Figur. Hatte er bisher nur Insekten gezählt und berauschende Tees zubereitet, gerät er nun zu einem Todesengel der verschwundenen Jungen, für die er aus den Plänen seines Vaters eine Transzendenz-Maschine rekonstruiert zu haben scheint. Sein "Glister" erwächst aus einem postindustriellen Komplex, in den die Zurückgelassenen ihr Bedürfnis nach Schönheit und Glauben tragen; er ist ein Portal im Herzen der aufgelassenen Brache, deren Finsternis längst gleißendes Licht eingelassen hat.
Es ist dieser Übergangsort, von dem Leonards letzte Worte ihren Ausgang nehmen: "diesmal kann ich ihn deutlich erkennen, den Körper im Dämmerschein, die malträtierte Gestalt eines Jungen, der in der Luft schwebt wie ein fallender Ikarus auf einem alten Gemälde; ein Junge in meinem Alter Ein Spiegelbild meiner selbst, ein Junge, der auf paralleler Spur reist wie jenes Ich/Nichtich, das ich im Wald gesehen habe, mon semblable - mon frère."
Weil Leonard ein leidenschaftlicher Leser ist, legt seine Schluss-Apotheose literarische Spuren aus, in denen sich Biblisches mit Baudelaire und T.S. Eliots postapokalyptischen Stadtlandschaften kreuzt. Leonards malträtierter Doppelgänger ist aber nicht nur eine Christus-Figur, sondern ebenso ein fallender Held, an dem Burnside ein weiteres Experiment des Verschwindens durchführt.
Solche Experimente finden sich bereits in den elf Gedichtsammlungen, den Kurzgeschichten und sechs Romanen, die der 1955 im schottischen Dunfermline geborene Autor bisher vorgelegt hat. Schon hier tauchen mit den Wracks vermisster Seeleute oder dem wiederkehrenden Bild eines im Wald verschwindenden Jungen Motive auf, die immer wieder vor Augen führen, wie sich im Unsichtbaren etwas zeigt, wie Vergessen Erinnerung erst ermöglicht.
Burnsides Kunst, dem Abwesenden Präsenz zu verleihen, ist indessen nie ästhetischer Selbstzweck. Seine traumwandlerisch durchgeführten Metamorphosen von Räumen wie der Chemie-Fabrik bewahren immer auch soziale Orte, an denen vernachlässigte und zum Schweigen gebrachte Figuren mit einem Leben kämpfen, das heute gern als "prekär" klassifiziert wird. Diesen Figuren verleiht Burnside eine komplexe Statur und eine unpathetische Würde, die in der sprachlichen Variation der verschiedenen Perspektiven in "Glister" ihren Ausdruck findet:
Berührend gerät ihm der Einblick in die Psyche eines als pädophil ausgegrenzten Sonderlings, der nur durch die Erinnerung an den von ihm gepflegten Vater weiterlebt; eindringlich die abgeklärten erotischen Begegnungen früh desillusionierter Teenager; verstörend die Episode, in der der intelligente Außenseiter Leonard sich einer Gang anschließt und den vermeintlichen Kinderschänder wider besseres Wissen erschlägt.
Mit Glister zeigt sich Burnside endgültig als ein Dichter, der auch die lange Form einsetzen kann, um seinen außergewöhnlichen Blick für Transformationen sozial zu grundieren. Als Naturlyriker ringt er einer industriellen Wildnis Detailaufnahmen von beunruhigender Präzision ab. Als Chronist einer durch Strukturwandel geschundenen Arbeiterklasse verdankt er D.H. Lawrence viel; von diesem literarischen Vater unterscheidet den von Vaterfiguren faszinierten Burnside allerdings eine weitaus elegantere und flexiblere Diktion, für die ihn auch seine schottische Kollegin A.L. Kennedy bewundert. John Burnsides anrührendes Buch über seinen eigenen Vater ist bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Es ist zu hoffen, dass Bernhard Robbens gelungener Übersetzung von "Glister" weitere folgen werden, um auch deutschen Lesern den Kontinent eines beeindruckenden Werkes zu erschließen.