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C.G. Jungs "Rotes Buch": Der Krieg als Retter

"Nu descendant un escalier" von Marcel Duchamp aus dem Jahre 1912 hält die Verdopplung der Person fest wie Picassos "Les Demoiselles d´Avignon" deren Zersplitterung. Das Bild entstand schon 1907, wurde aber erst 1916 öffentlich ausgestellt. Es sind Parallelen, die den Wissenschaftlern nicht zugänglich waren. Entweder, weil sie sie nicht kannten oder aber, weil ihr Blick auf die Kunst wesentlich konservativer war als der in die Realität ihrer vielfach gespaltenen Ichs.

C.G. Jung brachte die Einsicht in den multiplen Charakter seiner Persönlichkeit an den Rand des Wahnsinns. Er erfuhr den Einblick in die verzwickte Vielfältigkeit des Selbst nicht als Triumph seiner Wissenschaft, sondern als Zusammenbruch desselben. Das "Rote Buch" ist sowohl Dokument dieses Zusammenbruchs als auch Dokument seiner Verarbeitung. Es ist aber auch - das macht es zu etwas ganz Einzigartigem - wesentliches Instrument dieses Heilprozesses.

Das Aufschreiben seiner Fantasien, die Vergegenständlichung seiner Visionen in Wahnbildern, half Jung, sie festzuhalten, sie sich vorzuhalten, sich gegen sie zu positionieren. So begegnete er dem Schrecken der Vervielfältigung seiner Person nicht durch den Versuch einer gewalttätigen Wiederherstellung der Einheit, ein Bastawort des gekränkten Ich, sondern im Gegenteil durch die nochmalige Vermehrung seines Selbst durch den Schriftsteller, den Mystiker, den Maler.

Entscheidend aber war etwas ganz Anderes. Nicht vor allem der kreative Umgang mit den verstörenden Erfahrungen bewahrte Jung vor den Absturz in den Wahn. Der erste Weltkrieg riss Jung aus dem Abgrund. Vor dem Zusammenbruch seiner selbst und seines Selbst wurde Carl Gustav Jung bewahrt durch den Europas. Die Schüsse von Sarajewo zerschlugen das alte Europa. Mit einem Schlag erkannte Jung - glaubte er zu erkennen -, dass die zerklüftete Welt, die er als die seines eigenen Ichs interpretiert hatte, auch die große, weite Welt der Völker und Staaten gewesen war.

Die katastrophische Zuspitzung bis hin zu Überlegungen zur Selbstabschaffung mochte persönliches Leiden gewesen sein, aber sie war auch blutige Realität der wirklichen Welt außerhalb seines Selbst. So wie sein Ich zerschlagen war, so war Europa, so war die Welt zerschlagen. Wie Anima und Animus in ihm kämpften, so kämpften die Staaten gegen einander. Die Verwüstungen seiner Seele wiederholten sich in denen ganzer Landstriche Europas. Für Jung war das die Rettung. Sein Wahn war kein privater mehr, sondern er spiegelte eine wahnsinnige Wirklichkeit. Seine zerstörerischen Träume, seine Fantasien von großen Schlachtereien bildeten nicht mehr nur sein zerklüftetes Selbst ab, sondern waren hyperrealistische Gemälde der Außenwelt.

Was er für seinen Wahn gehalten hatte, war im Gegenteil Ausdruck seiner Sensibilität, seiner genauen Auffassungsgabe für die Wirklichkeit. Er hatte geahnt. Nein, es hatte in ihm geahnt. Das war unheimlich genug. Aber es war weniger unheimlich, als wenn es in ihm einfach nur blind gewütet hätte. Er hatte geglaubt, seine Fantasien hinderten ihn an der Wahrnehmung der Welt. Nun erfuhr er, dass sie ein zusätzliches Organ waren, mit dem er die Welt aufnehmen, erkennen, wenn vielleicht nicht verstehen, so doch abbilden konnte.

Diese Erfahrung rettete ihn. Sein Lebtag versuchte er nun, dieses Organ offenzuhalten. Er hat manchen Blödsinn, den ihm sein Seelenleben zutrug, für wahr gehalten im Laufe seines Lebens. Aus dem, der Licht ins Dunkel hatte bringen wollte, wurde oft genug einer, der seine Aufgabe darin zu sehen schien, das Licht zu verdunkeln.

"Das Rote Buch" ist ein Dokument der europäischen Krise zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier irrlichtert schon viel von dem, das später versuchte, der neuen Unübersichtlichkeit der Moderne den Garaus zu machen, so oder so tabula rasa zu schaffen. Die Vertracktheiten, die gebrochene Vielfältigkeit sollten weggewischt werden, die Wachstafel wieder glatt sein, nichts mehr künden von dem, was war. Damit ein neuer Text entstehen konnte, einer der nichts zu tun hatte mit dem, was vorher war. Ein neuer Mensch, eine neue Seele.

Das war entschieden nicht und niemals Jungs Programm. Nimmermüde erinnerte er daran, dass es keine tabula rasa gibt, dass unser Universum wie unsere Seele nicht nur Produkte einer abgelegten Geschichte sind, sondern, dass diese Geschichte - in allen Stücken - in ihnen immer weiterlebt, immer wieder Neues bewirkt.

Darin war er klüger als die Revolutionäre, die dem Wahn huldigten, man könne nicht nur die Welt, sondern auch das eigene Selbst wegwerfen wie einen alten Lappen, um sich und die Welt neu zu erfinden. Da hatte - beginnt man zu ahnen - das Fin de Siècle recht gegen die aufbrechende neue Zeit. Und mit ihm der große Ahner, der 22-jährige Hugo von Hofmannsthal, der 1896 geschrieben hatte:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten

Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,

Noch weghalten von der erschrockenen Seele

Stummes Niederfallen ferner Sterne.

C. G. Jung: Das Rote Buch, Patmos Verlag, Düsseldorf 2009, 404 Seiten, 168 Euro.

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Autor:  Arno Widmann
Datum:  16 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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