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C.G. Jungs "Rotes Buch": Der Krieg als Retter

Carl Gustav Jungs "Rotes Buch" ist das überwältigende Denkmal einer Überwältigung. Es ist im Grunde kein Buch, sondern ein Evangeliar. Den Autor brachte die Erfahrung, es zu schreiben, an den Rand des Wahnsinns. Von Arno Widmann

Und so zerlegt sich das Jungsche Ich vor unseren Augen auf unzähligen Seiten. Schrift und Bild geraten aus den Fugen, überbordendes Ornament eine neue Ordnung soll sich herstellen.
Und so zerlegt sich das Jungsche Ich vor unseren Augen auf unzähligen Seiten. Schrift und Bild geraten aus den Fugen, überbordendes Ornament eine neue Ordnung soll sich herstellen.
Foto: Patmos

Ein Monument. Ein großes Buch, für das man ein Lesepult braucht wie der Heilige Hieronymus eines hatte - oder einen Esstisch, wie ich ihn benutze. Das Buch, wie es jetzt vor mir liegt, ist 30 mal 40 Zentimeter groß, 4 Zentimeter dick und wiegt 3900 Gramm. Ein solches Buch liest man nicht. Man studiert es. Seiner Gemeinde gilt Carl Gustav Jungs (1875 bis 1961) "Rotes Buch" als einer der zentralen Texte des 20. Jahrhunderts. Die Öffentlichkeit konnte dazu nichts sagen. Sie kannte den Text nicht, geschweige denn das Buch. Sonu Shamdasani hat es jetzt aus dem Nachlass Carl Gustav Jungs zusammengestellt. Jung hatte es niemals zu Ende geschrieben. Was dieses Buch ist, darüber entscheidet der Herausgeber. Denn er legt fest, was von den zahlreichen unveröffentlichten Texten Jungs zu diesem Buch gehört.

Der Kern aber des Buchs ist mehr noch als jeder andere Text vom Autor selbst festgelegt. C.G. Jung hat ihn nämlich nicht nur geschrieben, abtippen lassen und korrigiert. Er hat diese korrigierte Fassung dann noch einmal abgeschrieben auf Pergament-Papier. Er hat also aus einem modernen Text eine mittelalterliche Handschrift gemacht. Mit einer eigens dafür erlernten Handschrift. Es fehlen auch nicht die ausgemalten Initiale und die Buchmalerei. Alles von Jung selbst.

Man erinnert sich, dass Stefan Georges Gedichtsammlung "Das Jahr der Seele" 1897 erschienen war und dem gedruckten Text die Anmutung einer Handschrift verschaffte - von nun an ein Erkennungszeichen von Georges Veröffentlichungen. Ein Text, der auftrat mit dem Selbstbewusstsein, das Alte zu beerdigen und etwas Neues in die Welt zu bringen. Nicht nur in die Literatur.

Kein Buch, ein Evangeliar

Noch gewaltiger ist der Anspruch C.G. Jungs. Er hat kein Buch geschrieben, sondern ein Evangeliar hergestellt. Er hat es geschrieben, gemalt und produziert im Bewusstsein einer Botschaft, im Gefühl einer großen Erfahrung, die er weitergeben muss, um sich dabei über sie und damit über sich klar zu werden. Eine Erfahrung, die ihn in seinem überlangen Jahr der Seele an den Rande des Wahnsinns brachte. Der Pfarrerssohn Carl Gustav Jung hatte mit Nietzsche den Glauben an Gott verloren. Er war Psychologe geworden. Auch weil er davon ausging, dass, was ihn am Glauben, am Mythos erregt hatte, nichts sagte über die Welt da draußen, sondern ihm - richtig gelesen - einen Schlüssel bot einzudringen ins eigene Innere. In die verwinkelten Falten eines unbekannten, vielfach gespaltenen Selbst. Er zweifelte nicht daran, dass man es aufdecken konnte, Stück für Stück. Man musste vorsichtig vorgehen, jeden Schritt protokollieren und nichts auslassen.

Vor allem aber musste man sich mal der Mechanik, mal den Kaskaden der Assoziationen, mal der bitteren Einfallslosigkeit der Depression überlassen. Man musste wagen, die Kontrolle zu verlieren. Um zu erfahren, wie der Verstand funktionierte, um ihn hören zu können, musste man ihn stumm stellen. Gleichzeitig musste er wach gehalten werden, um beobachten, um aufzeichnen zu können, was mit ihm, was neben, unter und über ihm noch alles passierte.

C.G. Jung wollte Klarheit. Übers Dunkle. Also ging er hinein. Er wollte Aufklärung über den Abgrund. Also stieg er hinab. Aber bald reichte das bisschen Licht, über das er verfügte, nicht mehr gegen die Dunkelheit, er stolperte über sich selbst und war dabei, jeden Halt zu verlieren.

"Ich bin viele" sagt sich heute leicht. Wir wissen, dass unser Selbst kein Singular, sondern ein Plural ist. Zusammengehalten von der selegierenden Gewalt unseres Gedächtnisses, unserer Gedächtnisse. Wir wissen, dass, was wir aus diesen löschen und in den Papierkorb unseres Gehirns werfen, weiter da ist und weiter wirkt. Wir wissen auch, dass wir diesen Papierkorb nicht leeren können.

Wir haben also ein Bewusstsein davon, dass unser Ich, unser Selbst eine Konstruktion ist, an der wir sekündlich arbeiten. Wir sind sind uns klar darüber, dass dieses Wir mehr ist als auch noch das über sich selbst aufgeklärteste Bewusstsein. Wir ahnen etwas vom Körpergedächtnis, wir haben uns inzwischen den Phantomschmerz erklärt.

Vor einhundert Jahren war das anders. Man war gerade dabei, den der Wissenschaft unbekannten Kontinent der menschlichen Seele zu betreten. Je näher man ihr kam, desto unfassbarer wurde sie. Die Welt der klaren Argumente, der überprüfbaren Beobachtungen, in deren Zentrum ein unbeteiligter Beobachter, ein cartesianisches Ich stand, zerfiel. In Wien wurde es von Sigmund Freud in einem langen Prozess, der auch der einer Verarbeitung der tiefen Kränkung seines Ichs war, zerlegt in Überich-Ich-Es. Sicher mit dem Anspruch aus Es durch Psychoanalyse Ich zu machen. Aber auch mit der mit den Jahren wachsenden Einsicht, dass das niemals wirklich zu erreichen sein würde.

Traum-Sammlung

Im "Roten Buch" sammelte C.G. Jung seine Träume. Er hielt darin fest, was ihn zutiefst verstörte: Die Auflösung seines Ichs. Dass er sich selbst zu einem unlösbaren Rätsel wurde, war der eigentliche Skandal. Er traf ihn unvorbereitet. Im Roten Buch spüren wir die Wucht, mit der dieses "Ich bin viele" vor einhundert Jahren seine Erforscher traf. Es gab noch kein neckisches Kokettieren damit, es war noch nicht Mode geworden, sondern der reine Schrecken. Da half nicht, dass auch die zeitgenössische Kunst ihn erfuhr.

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Autor:  Arno Widmann
Datum:  16 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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