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Literatur

10. März 2011

Chamisso-Preisträger 2011: „Ich lache gern, aus Verzweiflung“

 Von Sven Hanuschek
Der Luxemburger Lyriker Jean Krier.  Foto: Robert Bosch Stiftung GmbH

Eine Begegnung mit dem Luxemburger Jean Krier, Träger des Chamisso-Preises 2011. Seine Gedichte sind wild, sperrig, meist in Langversen, in schroffen Sprüngen montiert, manchmal auch gegen die Grammatik. Der Dichter zeigt sich dagegen umgänglich.

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Zur Sache

Der Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung wird seit 1985 an Autoren verliehen, deren Muttersprache und kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist und die mit ihrem Werk einen wichtigen Beitrag zur deutschsprachigen Literatur leisten.
Neben Jean Krier, der am 16. März in München den mit 15000 Euro dotierten Hauptpreis erhält, werden in diesem Jahr die in Russland aufgewachsene Frankfurter Schriftstellerin Olga Martynova sowie der aus Zagreb stammende Autor Niko Ljubic geehrt. Sie erhalten mit je 7000 Euro dotierten Förderpreise.
Von Jean Krier erschienen bisher die Bände „Herzens Lust Spiele. Gedichte“ (poetenladen, Leipzig 2010), „Bretonische Inseln. Gedichte“ (Rimbaud,
Aachen 2006), „Gefundenes Fressen. Gedichte (Rimbaud 2005),„Tableaux“ (Gollenstein, Blieskastel 2002). fr

Der Luxemburger Jean Krier ist der erste „reine“ Lyriker seit zehn Jahren, der den Chamisso-Preis erhält, vor allem für seinen jüngsten Gedichtband „Herzens Lust Spiele“ (2010) – Gedichte, die die deutsche Sprache bereichert haben, so die Jury. Es sind wilde, sperrige Gedichte, meist in Langversen, in schroffen Sprüngen montiert, rücksichtslos manchmal auch gegen die Grammatik. Motivisch sind sie einer starken Naturbildlichkeit verpflichtet, oft bestimmt vom Meer, von französischen Inseln und den menschlichen Relikten dort; kleine Apokalypsen aus Müll und Tod, mit einem düsteren Blick auf die menschlichen Befindlichkeiten, der trotz allem eine gallige Komik, eine verquere Lebenslust behält.

Kriers Gedichte lassen sich laut lesen, ihr Rhythmus, ihre Musikalität trägt über Verständnis-Klippen hinweg, auch für Kalauer ist er sich nicht zu schade: „Und / Kuchen, Kirchen u Krieg. Abgefackelt / haben, die Erde geformt u immer so schön / befleckt. Bis ans Lebensende Randale / im Bus. So zerstören wir uns Tag / für Tag, die Schwachstellen von Kopf / bis Fuß sind unsere Stärke.“

Der Wilde Mann des Gedichts zeigt sich im Gespräch umgänglich, der Preis freut ihn ebenso sehr für den jungen Verlag wie für sich selbst. Ein freundlicher Herr, Jahrgang 1949, nicht ganz schlank, der fast etwas stockend antwortet, angenehm unroutiniert, dafür ganz offen. Er kann im Gespräch auch laut werden, sei es im Lachen, oder im Zorn über die Luxemburger Sprachverhältnisse: Die „echten“ Luxemburger sprechen ihre Sprache immer noch als Widerstandsakt, sie ist als dritte Amtssprache neben Deutsch und Französisch noch keine 30 Jahre anerkannt. Luxemburg sieht Krier als Nest, als Rückzugsgebiet, das ihm entspreche; schließlich sei er kein Abenteurer, sondern ein ängstlicher Mensch.

Gut für die Querschläge

Warum schreibt er seine Gedichte in Deutsch, mit französischen Einschlüssen? Krier erklärt, auf Luxemburgisch könnte er solche Gedichte nicht schreiben, „weil gewisse Substantive einfach nicht existieren, die müssten umschrieben werden, das würde dann sehr schwerfällig werden“. Und Deutsch ist es geblieben, weil er in Freiburg studiert hat, seine Frau Deutsche ist und er als Deutschlehrer gearbeitet hat, jahrzehntelang, bis zum Herzinfarkt. Das Französische ist für die Querschläge gut, für Ironien, für Alltagssprache, und er zitiert einen seiner Lieblingssätze dieser Art (aus dem Band „Gefundenes Fressen“, 2005): „on aime bien le jardinage, même si l’on n’y va pas toutes les semaines“ – „Man liebt Gärten, auch wenn man nicht jede Woche hingehen kann“.

Die deutsche Lyrik – er nennt den späten Günter Eich – ist ihm wichtiger als die französische, die ihm zu preziös erscheint, zu sehr in der Tradition von Mallarmé; allerdings sind Beckett und Proust wahrscheinlich seine meistzitierten Autoren, auf die er unentwegt anspielt, und er sagt, er müsse täglich ein paar Seiten Proust lesen. Kriers Literatur ist schon „authentisch“ hybrid, zwischen dem Französischen und dem Deutschen, das er auch nicht ungerupft lässt: seine Abschlussarbeit hat er über Hans-Henny Jahnn geschrieben, ergreifend, aber völlig humorlos; heute unlesbar für ihn.

Angefangen zu schreiben hat er in der Pubertät, „wie jeder“, die frühen Gedichte sind nicht druckbar, meint er. Der erste Band erschien 1995, in seinem 46. Lebensjahr: „Bretonische Inseln“. Seine Themen sind da, die Gedichte kommen noch sehr direkt daher, „Vor Lachen / vergehn, / das ist mein Fall. So / hat alles ein Ende / gut.“

Fast wie Magie

In den folgenden Bänden haben die kargen, skelettartigen Verse allmählich „Speck angesetzt“, bis zu den komplexen Gebilden des aktuellen Bandes „Herzens Lust Spiele“, die ihre ganz eigene Welt aus Sprache errichten und nichts lediglich Abbildendes mehr haben. Sie zwingen Disparates zusammen, Umgangssprache, Naturbeobachtungen, literarische Anspielungen, Ängste, aus denen heraus das Schlimmste benannt werden soll, das vorstellbar ist, „bei Kindern, bei Tieren“, das sei fast wie Magie: In der Phantasie wird das Schreckliche benannt, um es zu bannen. „Aber es passiert dann doch immer etwas, was man sich nicht ausdenken kann.“

Die Gedichte wirken wie freie Assoziationen, die ineinandergeschoben werden: „War doch zum Zähneknirschen: / mit allen Waschmitteln das Meer, die Zunge ein Klumpen / in uralten Fratzen. Gelassen das Haar u Federn gespalten. / Wir sind bereits da, ganz sicher im Graben. Denn wüten / Wangenküsschen im Dorf.“ Krier erklärt sein Verfahren: Er sammle lange und montiere die Einzelteile, in einer Art bewusstem Traumzustand, einem „Balanceakt zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten“. Wenn das gelingt, wird ein Gedicht daraus, das „eine ohne das andere wäre nichts für mich“. Er feilt lange, liest schließlich laut, er zeigt ein engzeilig mit Bleistift beschriebenes kariertes Heft.

Markant an Kriers Gedichten sind die Verknappungen, die Ellipsen. Sie sollen den Lesern Assoziationsmöglichkeiten öffnen; vor allem entstehen so aber Überraschungseffekte. Ellipsen stören die Harmonie, die beim lauten Lesen aber wieder angestrebt wird, Satzzeichen, Zeilenbrüche sollen nicht betont werden. Dass seine Lyrik Widerstände bietet, veranlasst ihn nicht dazu, sie zu erklären; Dichter, die sich poetologisch auslassen, legten sich ein Korsett an, das er nicht tragen will – „das nächste Gedicht, das man schreibt, wird ja dann wieder anders. Und wenn man sich über die Schulter guckt – da sieht man auch nichts anderes als den eigenen Nabel, nicht?“ Wenn er überhaupt einen poetologischen Satz habe, dann nur den, dass er sich gegen jede Form von Verklärung, von Heile-Welt-Glauben wehre.

Das Geschenk

Ein Gedicht ist für Krier immer auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Unbewussten, das man aufnehmen und verarbeiten muss, „immer besser versteh ich so, was ich nicht versteh“ („Herzens Lust Spiele“). Sich selbst zu verstehen, sei letztlich unmöglich; aber „wenn man das nicht wenigstens versucht, dann tut man ja gar nichts“. Diese Auseinandersetzung in Sprache fassen zu können, sieht er als Luxus an, ein Geschenk. Die lyrischen Formen der Tradition spielen dabei keine Rolle; das „Elegische“, das ihm immer angehängt wird, findet sich nicht wirklich, schließlich schreibt er keine Gedichte in Distichen. Aber er versucht sich gerade an Oden, zum ersten Mal.

Auf die Frage, ob er sich und die Welt mit den Jahren besser verstehe, lacht er: „Immer schlechter“. Die Welt sei „eine Filiale von Dada“, es sei doch sehr viel Komisches daran: „Ich lache gern, aus Verzweiflung.“ Zwar ist die condition humaine und was einen umgibt nicht so heiter. Aber Krier schätzt die wuchtige Sprache, die er in Werken der Alten Musik findet, in der Apokalypse des Johannes, im „Deutschen Requiem“ von Brahms; noch die schroffen Landschaften, die Felsküsten, die schon von den Griechen entdeckte Ile d’Ouessant schätzt er als Veranschaulichungen einer fröhlich-mephistophelischen Welt – alles was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht...

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