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Chamisso-Preisträger: Geschichten vom verlorenen Spiegelbild

In dem Essay "Die (p)ostmodernen (F)rauen Stimmen?" schildern Sie den Balkan als Kontinent der "gemischten Identitäten von altem Ruhm und späterem Misserfolg, von Unruhe der seelischen Landschaften".

Tzveta Sofronieva: Bulgarien hatte jahrhundertelang eine extrem geteilte Identität: Auf der einen Seite der Ursprung Europas und die Wiege der kyrillischen Schrift, auf der anderen Seite eine lange von der Entwicklung Europas getrennte Kultur. Die Situation heute ist kompliziert: Es fehlt dort an vielem, was eine zivile Gesellschaft ausmacht, aber gleichzeitig gibt es auch eine ungeheure Energie der jüngeren Menschen, die sich von alten und falschen Entwürfen verabschieden. Und wir wollen nicht vergessen: Europa hat angefangen mit der Suche nach Europa. Dadurch liegt der Balkan richtig, weil dort heute einfach weiter gesucht wird. Und es gibt keine Garantie. Aber die gibt es woanders auch nicht.

Frau Barbetta, an Ihrem unter anderem mit dem "Aspekte"-Preis ausgezeichneten, reich illustrierten Roman wurde seine Kombination aus südamerikanischer Fabulierlust und europäischer Intellektualität gelobt. Stimmen Sie dem zu?

María Cecilia Barbetta: Das sind Kritikerstimmen von Leuten, die eine Begründung für einen Preis suchen. Ich lebe seit mittlerweile zwölf Jahren in Berlin und kann nicht mehr sagen, was an mir deutsch und was argentinisch ist. Mich interessieren diese Kategorien überhaupt nicht. Ich habe zwei Pässe, und genau in der Mitte fühle ich mich zuhause.

Orientieren Sie sich am magischen Realismus eines Gabriel Garcia Márquez?

María Cecilia Barbetta: Anders als der magische Realismus hat mein Roman keine Nähe zum Märchenhaften. Er neigt eher zur Tradition der phantastischen Literatur eines Julio Cortázar, wo die Bedrohung inhärent ist. Das Doppelgängermotiv an sich ist aber auch in der romantischen Literatur zu Haus, etwa in E.T.A Hoffmanns "Geschichte vom verlorenen Spiegelbild" oder in Adelbert von Chamissos "Peter Schlemihl".

Herr Becker, wo sind Ihre Vorbilder? Verbirgt sich in dem Buchtitel "Messer und Wodka" eine Anspielung auf Roman Polanskis Filmdebüt "Das Messer im Wasser" (1962), der ebenfalls auf der masurischen Seenplatte spielt?

Artur Becker: Klar, der Handlungsort ist derselbe, dazu kommen immer wieder diese Fallen, die ich stelle: "Das Herz von Chopin" entpuppt sich als Autohändler-Roman, obwohl man hätte meinen müsse, es gehe um die romantische polnische Seele. Oder "Wodka und Messer": Da denkt man an einen besoffenen Polen, mit einer Flasche Wodka in der linken und einem Messer in der rechten Hand, nicht wahr? Aber insofern völlig richtig entschlüsselt, weil der Film natürlich auch in Masuren gedreht wurde und dieser Neorealismus, dieses kinematographische, szenische Schreiben mich sehr fasziniert, weil der moderne Film doch einen großen Einfluss auf die Literatur hatte.

Sehen Sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ein Defizit an Schelmen und komischen Käuzen? Geht es nach wie vor zu ernst zu?

Artur Becker: Manchmal schon, wobei Andreas Maier immer lustiger und humorvoller schreibt. Der gewaltige Roman von Uwe Tellkamp, das ist doch tatsächlich manchmal wirklich zu pathetisch an manchen Stellen, aber es entspricht, glaube ich, teilweise einer ganz bestimmten geheimnisvollen Seite der deutschen Mentalität. Ein "Zauberberg" konnte wirklich nur in der deutschsprachigen Literatur entstehen. Da kommen wir jetzt zu dem schwierigen Thema, dass manche Nationalliteraturen offenbar nur bestimmte Themen abdecken können, die Franzosen mit ihren Existenzialisten, oder die Polen mit ihrer Lyrik, die kaum übersetzbar ist und die sich immer wieder mit dem Jenseits, mit der Metaphysik auseinandersetzt, mit den Naturwissenschaften, also fast schon ins Philosophische abdriftet. Ich muss ja wirklich lachen über die Deutschen: Seit zwanzig Jahren warten sie auf ihren "Wenderoman", und es gab schon so viele dicke Bücher darüber, nicht wahr?

Sie kamen als Sohn einer polnisch-deutschen Familie im Alter von 17 aus Masuren nach Verden an der Aller. Von Ihnen dreien kennen Sie Deutschland am besten. Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Ihrer zweiten Heimat im Lauf der Jahre geändert?

Artur Becker: In dem Moment, in dem das Herz anfängt zu schmerzen in einem Land, da ist man, glaube ich, angekommen. Vor etwa fünfzehn Jahren hätte ich es nicht gewagt, meine deutschen Landsleute zu kritisieren. Jetzt kann ich mir das erlauben, weil es ist tatsächlich durch und durch mein Land geworden ist. Und ich empfinde es als die verdammte Pflicht eines Schriftstellers und Intellektuellen, dass er, wenn er seine Heimat liebt, vor bestimmten Problemen nicht die Augen verschließt. Lange habe ich hier in einem Paradies gelebt, und irgendwann sind mir die Augen aufgegangen. Ich wusste in dem Moment, ich bin angekommen, als ich aufgehört habe zu denken: "Das ist ein Deutscher." Plötzlich ist mir klar geworden: "Das sind Menschen." Und das denkt man nur in der Muttersprache über seine eigenen Landsleute.

Interview: Katrin Hillgruber

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Datum:  5 | 3 | 2009
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