Herr Becker, Sie werden mit dem diesjährigen Chamisso-Hauptpreis für Ihr "bisheriges Lebenswerk" geehrt. Fühlen Sie sich mit vierzig für diese Auszeichnung nicht etwas zu jung?
Artur Becker: Ich müsste jetzt eigentlich als Chamisso-Preisträger den Preis verteidigen. Ich habe gestern lange mit Feridun Zaimoglu gesprochen, dem Preisträger von 2005. Er vertritt vehement die Ansicht, er sei ein deutscher Autor, und ich sagte ihm: "Guck' dich im Spiegel an, wenn du ein deutscher Autor bist, dann bin ich ein Elefant." Ich sehe eigentlich, sagt man mir, wie fünfzig aus. Nicht, dass man jetzt wieder denkt, Artur Becker sei ein Macho. Nein, die Frage muss ernst beantwortet werden. In der Tat, "Lebenswerk" klingt beängstigend. Es sind ja mittlerweile ungefähr zwölf Bücher, ich fange immer wieder an zu zählen. Sie entstehen von sich aus, was ich früher nicht glauben konnte. Ich habe ja sehr früh angefangen zu schreiben und fragte mich immer, wie konnte Henry Miller so viele Bücher schreiben. Ich glaube, je älter man wird, desto mehr Geschichten entdeckt man, die unbedingt erzählt werden müssen. Deshalb muss ich mittlerweile planen wie ein Stratege.
Der Adelbert-von-Chamisso-Preis wird von der Robert Bosch Stiftung seit 25 Jahren an Autoren vergeben, die auf Deutsch literarisch überzeugen, deren Muttersprache aber nicht das Deutsche ist.
Inzwischen ist Deutschland als Einwandererland endlich allgemein akzeptiert. Wie sehr sich die Biographien und Erfahrungen der Migranten im Lauf der Zeit verändert haben, lässt sich anhand der Chamisso-Preisträger sehr gut studieren. Eine gewisse Normalisierung der gemischten sprachlichen und nationalen Identitäten fällt auf. Insofern erfüllt der Chamisso-Preis eine doppelte Funktion: Seismograph und Symbol.
Die Autoren:
Artur Becker, 1968 im polnischen Bartoszyce (Masuren) geboren, erhält am 5. März in München den 25. Adelbert-von-Chamisso Preis, dotiert mit 15.000 Euro. In seinem jüngsten Roman "Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken" (weissbooks) schildert er mit der ihm eigenen überbordenden Fabulierlust, wie sein am masurischen Dadajsee aufgewachsener Held nach zwanzig Jahren in Deutschland zurück in die Heimat reist.
Die beiden Förderpreise von je 7000 Euro gehen an María Cecilia Barbetta, 1972 in Buenos Aires (Argentinien) geboren, für ihren Debütroman "Änderungsschneiderei Los Milagros" (S. Fischer Verlag) und an Tzveta Sofronieva, die 1963 in Sofia (Bulgarien) zur Welt kam. Die in Berlin lebende Physikerin, Lyrikerin und Essayistin wird vor allem für ihren Gedichtband "Eine Handvoll Wasser" (Unartig Verlag) geehrt.
Hat sich in dieser Zeit Ihr Selbstverständnis gewandelt?
Artur Becker: Ich betrachte mich nicht ausschließlich als einen deutschsprachigen Autor, sondern auch als einen polnischen Autor der deutschen Sprache.
Frau Barbetta, Sie werden als erste Südamerikanerin mit einem der Chamisso-Preise ausgezeichnet. Ist die Änderungsschneiderei weltweit ein typischer Ort für weibliche Schicksale?
María Cecilia Barbetta: Durchaus. Es geht um eine Doppelgängergeschichte, um eine Suche nach weiblicher Identität. Deswegen ist die andere oder die Kundin ganz wichtig, ebenso die Mutter, die Mutter der Hauptfigur Mariana. Oder Maria, die Mutter Gottes: Der Katholizismus spielt eine enorme Rolle, zusammen mit dem Aberglauben, also dem Mythen-Synkretismus, was für Lateinamerika auch typisch ist.
Sie kamen 1992 mit einem DAAD-Stipendium von Buenos Aires nach Berlin und blieben. War es mit der deutschen Sprache eine Liebe auf den ersten Blick?
María Cecilia Barbetta: Ich habe in Buenos Aires einen deutschen Kindergarten besucht, weil meine Mutter in einer deutschen Schule unterrichtet hat, allerdings auf Spanisch, meine Eltern können kein Deutsch. Die kleine Cecilia geht also aus diesem Kindergarten hinaus und ich sage zu meiner Mutter: "Guck mal, Mama, die beiden Herren da streiten sich." Und meine Mutter sagt: "Nein, sie streiten sich nicht, sie sprechen Deutsch." Hinter mir liegt ein sehr weiter Weg, auf dem die Gefühle hin- und herschwankten. Die Liebe zur deutschen Sprache, vor allem zur Grammatik, kam erst im Laufe der Lehrerausbildung, die ich in Buenos Aires gemacht habe, für Deutsch als Fremdsprache. Für mich war von Anfang an klar: Das, worüber ich schreibe, wird in Buenos Aires stattfinden und die Sprache wird Deutsch sein.
Frau Sofronieva, in Ihrem Gedicht "Als Zeus ihr den Rücken kehrte" schreiben Sie: "Die Sprache, die mein Zuhause war, ist heute eine Feder in Europas Flügeln". Ist das ein poetischer Hinweis auf eine bulgarische Identitätskrise seit dem EU-Beitritt 2007?
Tzveta Sofronieva: Dieses Gedicht ist Teil eines kleinen Zyklus, den ich 2007, als Bulgarien Mitglied der EU wurde, verfasst habe: Kurze, oft ironische Gedichte, beinahe als eine Art Handbuch für Europa zu verstehen. Einige davon geben mein Gefühl in der Silvesternacht 2006 wieder, als ich in einem bulgarischen Fernsehsender beobachtete, wie euphorisch in Sofia gefeiert wurde. Es breitete sich dort sehr viel Erwartung aus, die mich beunruhigte: Die Lösungen in Bulgarien können doch nicht von außen, von Brüssel kommen. Aber "Als Zeus ihr den Rücken kehrte" weist nicht nur auf das bulgarische, sondern auf ein gesamteuropäisches Identitätsringen und auf die notwendige gemeinsame Entmythologisierung der Geschichte hin. Die Mehrsprachigkeit ist eine Art Programm für Europa; es geht darum, alle Sprachen und Kulturen zu bewahren. Und meine Frage im Gedicht war: Wird Europa dadurch kulturell etwas Neues erreichen, wird sie "fliegen oder sich nur narzisstisch in der Quelle spiegeln?" Damit ist auch meine eigene literarische Suche in der Mehrsprachigkeit ironisch angesprochen.
In Bulgarien ist das Interesse an Deutschland traditionell sehr groß, was leider nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Sehen Sie sich als eine literarische Botschafterin Ihres Landes?
Tzveta Sofronieva: Es passiert heute erfreulicherweise viel zwischen Bulgarien und Deutschland in der Literatur, an dem ich mich auch beteilige. Trotzdem betrachte ich mich nicht als Botschafterin. Ich bringe Bulgarisches in meine literarische Arbeit mit, was ich aber sofort mit den anderen Sichtweisen und poetischen Wahrnehmungen, die ich auf der Welt erworben habe, vermische. Natürlich fungiere ich als "Brücke", wenn ich Informationen über die jeweilige Literatur gebe, Kollegen verbinde oder Wortspuren zu einander bringe. Aber im Grunde genommen interessieren mich die Kluft unter der Brücke und das Wasser unter ihr: Was passiert an der Grenze der Sprache, wo sind die Probleme oder Gemeinsamkeiten? Diese Position "auf der Grenze" reizt mich am meisten.