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Christa Wolf zum 80. Geburtstag: Das richtige Leben

Christa Wolf ist die Verteidigerin der Einzelnen gegen das Ganze. Wir sind wieder dabei, den Einzelnen ernst zu nehmen um der Verbesserung des Ganzen willen. Wir sind wieder bei Christa Wolf.Von Arno Widmann

Christa Wolf in den achtziger Jahren.
Christa Wolf in den achtziger Jahren.
Foto: Ullstein/Köppe

Es gibt inzwischen eine ganze Generation, die ohne Christa Wolf auszukommen sich angewöhnt hat. Das ist der Nachteil des Alters: Man entdeckt, dass die Welt sehr gut ohne einen auskommt. Als vor einem Vierteljahrhundert Christa Wolfs Roman "Kassandra" erschien, als sie 1982 ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen hielt, da war ein solcher Gedanke unmöglich. Die großen Hörsäle waren proppenvoll. Hunderte, Tausende hingen an den Lippen der Frau, die - so lebendig sie hier vor einem stand - doch längst eine Legende geworden war.

Ihr Buch "Nachdenken über Christa T." war der entscheidende Beitrag der DDR zur 68er-Literatur. Für Sozialisten, denen der Sozialismus unheimlich geworden war und die zu zweifeln begannen, dass die ach so schöne Sache tatsächlich aller persönlichen Opfer wert sei.

Sie war lange davon überzeugt, dass sich eine Gesellschaft konstruieren lässt

Christa Wolf war die Verteidigerin der Einzelnen gegen das Ganze. Das tat sie besonders überzeugend, weil sie das Kollektiv liebte oder doch wenigstens felsenfest davon überzeugt war, dass Menschen zusammengehören, dass nicht ein jeder des anderen Wolf sein muss - wie oft wird sie an die Ungerechtigkeit dieser Metapher den Wölfen gegenüber gedacht haben? -, sondern dass der Mensch dem Menschen ein Helfer sein kann. Sie war lange davon überzeugt - vielleicht ist sie es auch noch -, dass sich eine Gesellschaft konstruieren lässt, ein Kollektiv also, das dem Einzelnen jene Entfaltung seiner Fähigkeiten, jene Freiheit also, erst ermöglicht, die ihm zuzusprechen den Kern der bürgerlichen Theorie der bürgerlichen Gesellschaft ausmacht.

Christa Wolf verteidigte also den Einzelnen gegen die Gesellschaft, aber mit dem deutlichen Interesse an einer Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es ging ihr nicht darum, dem Egoismus eines jeden von uns das Wort zu reden. Sie war für das Große und Ganze des Sozialismus. Aber sie brachte die Erfahrung der geschundenen und der sich im Dienste einer Idee schindenden Einzelnen ein in die Auseinandersetzung um das richtige Leben.

Ihre Bücher waren Trauergesänge auf jene berühmten Späne, die bekanntlich fallen, wenn gehobelt wird. Sie erinnerten daran, dass auch die beste Sache nicht jeden Preis wert ist. Sie schrieb nicht über den Stalinismus, nicht über die Millionen Toten, die der angebliche Aufbau des Sozialismus gekostet hatte. Sie schrieb über eine einzige Frau, eine Frau, die zerbrach, weil ihre Umgebung sie nicht aufzunehmen, sie nicht zu nehmen verstand.

Christa T. lebte in der DDR. Aber an Christa T.s gab es auch im Westen keinen Mangel. Es gibt Menschen, die sind nicht gesellschaftsfähig. Es gehört viel Mut dazu, das zu sehen und daraus den Schluss zu ziehen, dass nicht an diesen Menschen etwas verkehrt ist, sondern an der Gesellschaft.

Dieser Mut ist uns abhanden gekommen. Ich weiß nicht wann. Irgendwann in den achtziger Jahren wahrscheinlich. Wir haben ihn abgestoßen. In kleinen Portionen. Die Welt war zu groß geworden. Sie als Ganzes zu ändern, galt als lächerliches Unterfangen. Es war jene Zeit, da Enzensberger das Lob des Mittelmaßes sang. Tänzelnd, ironisch, dialektisch gar, aber doch vor allem eine Einübung in die Realität, in der kein Platz war für Christa T.s.

Christa Wolf gründete, als die DDR unterging, einen Arbeitskreis. Die Ironie dieser Aktion war ihr sicher nicht immer so präsent wie das Bewusstsein ihrer Hilflosigkeit. Über Jahre diskutierte sie mit ein- bis zweihundert Leuten einmal im Monat die Weltlage. Es wurden illustre Gäste eingeladen, die ihre Ansichten der versammelten Intelligenzia des Wolf-Kreises vortrugen, sich deren Kritik aussetzten.

Treibende Kraft dieser Bemühungen war Christa Wolfs Neu- und Wissbegierde. Sie wollten verstehen, in was für einer Welt sie jetzt angekommen war. Sie wollte begreifen, wie sie funktionierte, wie zum Beispiel Gerechtigkeit und Rechtsstaat sich zueinander verhalten, wie Armut und Reichtum, wie der Einzelne und das Ganze. Niemand weiß so gut wie Christa Wolf, dass man nur begreift, was man fühlt, aber sie weiß auch sehr genau, dass man sehr genau wissen muss, um begreifen zu können. Es sagt viel über die Berliner Republik, dass im Westen niemand sich auch nur einen Bruchteil der Mühe gemacht hat, den Osten zu verstehen, die Christa Wolf und ihre Freunde auf sich nahmen, um den Westen zu kapieren. Nimmt man das nicht nur moralisch, so wird einem schnell klar, dass Christa Wolf unsere jetzt ja gemeinsame Welt besser verstehen wird als wir. Wir, die wir in sie hineingewachsen sind, bilden uns ein, sie zu kennen.

Jetzt, da wir merken, wie fremd sie uns ist, wie fremd wir ihr sind, jetzt fangen wir an, wieder nach den Büchern zu greifen, die uns als Fremde zeigen. Die Zeit des Einverständnisses ist vorbei. Es ist wieder Zeit für Christa Wolf. Der Einzelne, der sich verraten hat, in den Jahren der großen gesellschaftlichen Versöhnung, als er den Genossen der Bosse wählte, als er glaubte, selbst für freedom and democracy in die Welt ziehen zu müssen, der wird jetzt wohl zu den Büchern der Christa Wolf greifen, die sich auch vertan hatte, als sie glaubte, vernünftig sein zu müssen im Dienste der Sache. Er wird das tun nicht auf der Suche nach jemandem, der immer schon wusste, was richtig und falsch ist. Ihn interessieren die Irrtümer der Christa Wolf, weil er gelernt hat, dass es ohne Irrtümer nicht geht und darum interessiert ihn, wie es mit ihnen geht.

Schon ist er bei Christa Wolf. Er wird "Leibhaftig" - die 2002 erschienene Erzählung ist einer der großen Texte unserer Zeit - als eine Erkenntnis des Schmerzes lesen. "Leibhaftig" ist der Wenderoman, auf den alle noch warten, eine körperliche Reflexion auf die Gewalt der Veränderung der Verhältnisse. Krankheit als Metapher, hieß es bei Susan Sontag. Sie hatte Recht. Sie starb daran. Die Herzrhythmusstörungen der Erzählerin von "Leibhaftig" führen sie aus der Welt hinaus und wieder zurück. Das ist wie im Buche. Aber es ist ihr wirklich passiert. Es ist die Geschichte einer Einzelnen. Aber es könnte auch meine und Ihre, es könnte sogar unsere sein.

Christa Wolf ist nicht Kassandra. Christa Wolf hegt Hoffnungen. Hegt sie sie nicht, so weckt sie sie doch. Es gab eine Zeit, da glaubten wir, auf das Stimulans Hoffnung verzichten zu können, hielten das Sich-Einpassen im Gegebenen nicht nur für das Leichtere, sondern auch für das Klügere. Ja, es gab dialektische Schlaumeier, die uns weismachen wollten, es sei sogar das Interessantere. Heute ahnen wir, dass wir selbst die Späne sein könnten, die weggehobelt werden auf dem Weg zu einer neuen, schöneren Welt.

Christa T. ist kein Opfer der DDR mehr, sondern eine von uns, jedenfalls eine, deren Verletzlichkeit, deren Schmerz uns nicht mehr schwach und wehleidig vorkommen, sondern wir begreifen, dass wir nur durch sie erkennen, wo die Maschinerie des Ganzen versagt. Wir sind wieder dabei, den Einzelnen ernst zu nehmen um der Verbesserung des Ganzen willen. Wir sind wieder bei Christa Wolf.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  18 | 3 | 2009
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