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Literatur

11. Februar 2016

Christentum: Die gewaltbereite friedliebende Gesellschaft

 Von Dirk Pilz
Die eigene Wahrheit wurde bei den Kreuzzügen mit Gewalt durchgesetzt.  Foto: imago/United Archives

Woher rührt das apokalyptische Denken, das die derzeitige Debatte um die Flüchtlinge bestimmt? Historiker beleuchten aktuell die nachhaltig wirkende Gewaltgeschichte des Christentums.

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Die sogenannte Flüchtlingskrise, die Lage der Nation, die Merkel’sche Politik – viele Kommentare dazu derzeit mit schrillen Katastrophentönen. Als gäbe es nur das große Entweder-Oder. Entweder das Abendland verbarrikadiert sich oder Europa geht unter. Entweder Sieg oder Niederlage. Woher rührt dieses apokalyptische Denken? Und woher die wachsende Bereitschaft zur Gewalt dabei? Wer in der Flüchtlingsfrage nach Obergrenzen ruft, fordert implizit immer den Einsatz von Gewalt. Und diese Forderung erfreut sich wachsender Zustimmung – in einer Gesellschaft, die sich für friedliebend hält. Wie kann das sein?

Um solche Widersprüche zu verstehen, müssen wir zu den Anfängen des Christentums zurück, sagt der französische Historiker Philippe Buc. Er tut es in seinem Buch „Heiliger Krieg“ auf erschreckend erhellende Weise und spricht dabei von religiösen Konzepten, die „den Weg in die Moderne überstanden haben, indem sie sich in Ideen und Ideologien verwandelten, die ohne das Übernatürliche und Gott auskamen, aber vergleichbare Strukturen beibehielten“. Es sind Ideen wie jene, dass man um des Guten und Richtigen willen Opfer bringen müsse, dass die größte Gefahr von vermeintlichen Verrätern dieses Guten und Richtigen ausgehe, dass die eigene Freiheit auch mit Gewalt verteidigt werden dürfe.

Buc rekonstruiert jedoch nicht einfach die lange Dauer dieser (christlichen) Ideen, er schildert, wie sich die jeweiligen Akteure sie zu eigen gemacht haben. Schildert, wie sich frühchristliche Märtyrer als Instrument einer „Vergeltungstheologie“ verstanden, indem sie sich für ihre gute Sache – den wahren Glauben, den richtigen Gott – opferten, und wie das vermeintliche Recht, die eigene Wahrheit auch mit Gewalt verteidigen zu dürfen, in den Kreuzzügen, den Reformationskriegen, bei der RAF oder George Bush jr. jeweils neu in Anspruch genommen wurde. Diese Ideen sind „ideologische Schollen“, so Buc, die zwischen den Jahrhunderten wandern.

Er liest Texte der Kirchenväter und Reden US-amerikanischer Politiker, schaut – natürlich – auf die Unterschiede und die ebenfalls im Christentum gewachsenen Friedensideen der Nächstenliebe, zeigt aber zugleich, dass es von früh an auch darum ging, die jeweils „reine Lehre“ vor Abweichlern zu schützen, oft genug im Namen hehrer Ziele: „Christen haben Krieg für die Freiheit geführt, andere zur Freiheit zu missionieren.“ Sartre schrieb ganz in diesem Sinne einst, man bleibe terrorisiert oder wird selbst terroristisch. Das haben Tertullian oder Robespierre nicht anders gesehen, und es ist diese Ideologiescholle, auf der der Westen heute mit seinem „Krieg gegen den Terror“ schwimmt.

Illustration einer Kreuzzugs-Szene, frühes 20. Jahrhundert.  Foto: imago/United Archives

Buc ist weit davon entfernt, einfache Schuldzuweisungen zu treffen; aber er legt eine Dialektik frei, die vom Christentum in Gang gesetzt wurde. Und solange der Westen postchristlich sei, sagt er, werde „der Kampf bis zum Tod und das Sterben für die Sache“ uns weiter begegnen.

Man liest dieses ungewöhnlich genaue Buch mit stockendem Atem: Es handelt von unserer Gegenwart, von einer Dialektik der Gewalt, die ihre Schärfe heute einmal mehr offenbart. Und die augenscheinlich auch für die Durchsetzung und die Langlebigkeit des Christentums mitverantwortlich ist.

Oder ist alles viel schlichter? Manfred Clauss entwirft in seiner betont polemischen Abhandlung das Schreck-Bild eines frühen Christentums, das sich durch „fanatische Rechthaberei“ und das „Verleumden aller Andersdenkenden“ auszeichne. In den vielen Debatten zwischen den verschiedenen christlichen Gemeinden und mit dem heidnischen Umfeld habe sich die „Vorstellung einer wünschenswerten Vielfalt“ nie durchgesetzt. Das Christentum: eine von Streitsucht und Wahrheitsobsession befallene Sekte, die es empörenderweise zur Weltreligion geschafft hat.

Dieser Argumentation zufolge kann es nicht anders als gewaltaffin sein. Dem Christentum wird hiermit in seltener Eindeutigkeit die Schurkenrolle zugewiesen; damit macht es sich Clauss allerdings etwas sehr einfach – sein Buch ist eine absichtliche Vereinseitigung der historischen Verhältnisse.

Wer dagegen die vielschichtigen theologischen Debatten begreifen will, muss Udo Schnelles Geschichte des frühen Christentums lesen; sie zeigt, dass die Debatten um Wahrheit und Gewalt bereits im Neuen Testament selbst geführt wurden, mit unterschiedlichen Antworten. Und wer sich davon überzeugen will, dass mit einfachen Ableitungen ohnehin nichts gewonnen ist, studiere die Studie „Anziehung und Abstoßung“ von Peter Schäfer, dem Direktor des Jüdischen Museums Berlin. Er demonstriert an den Debatten um die alttestamentarische Figur des Henoch, wie die Herausbildung von Christentum und rabbinischem Judentum ein zutiefst wechselseitiger Prozess war.

„Zum Tango gehören zwei“, sagt entsprechend Buc. Das gilt auch für die Beziehungen von Moderne und Christentum, säkularer Gesellschaft und Religionen. Der scharfe apokalyptische Ton in gegenwärtigen Debatten, die Gewalt des Entweder-Oder-Denkens – das verdankt sich einer Geschichte, die keine Vergangenheit ist. Die moderne Hoffnung übrigens, die Konflikte verschwänden mit dem Überwinden der Religion, ist selbst eine christliche Idee. Die aber hat sich bislang als trügerisch erwiesen.

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