Literatur

28. März 2011

Christian Füller "Sündenfall": Blind für die Versuchungen

 Von Jörg Schindler
Szene aus dem Alltag der Odenwaldschule. Foto: FR/Kraus

Ein Jahr ist vergangen, seit die Frankfurter Rundschau im zweiten Anlauf die düstere Vergangenheit der einstigen Unesco-Modellschule publik machte. Und Christian Füller hat die Zeit gut genutzt. Auf 250 Seiten nähert er sich dem „System Odenwaldschule“.

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Es kommt nicht allzu häufig vor, dass ein Journalist einen Text mit einer Selbstbezichtigung beginnt. Christian Füller hat sich dafür entschieden. Vor elf Jahren, schreibt er im Vorwort zu seinem Buch „Sündenfall“, habe er zu der überwältigenden Mehrheit im Land gehört, die die erste Aufdeckung des Missbrauchsskandals an der Odenwaldschule schlicht übersah. „Ein schwerer professioneller Fehler“, so der taz-Autor Füller, für den er sich mit seinem Buch entschuldige. Das ehrt ihn. Zumal von vielen anderen, die noch weit fahrlässiger und vorsätzlicher wegschauten, bis heute eine Entschuldigung aussteht.

Etwas mehr als ein Jahr ist nun vergangen, seit die Frankfurter Rundschau gewissermaßen im zweiten Anlauf die düstere Vergangenheit der einstigen Unesco-Modellschule publik machte. Und Füller, bei der taz zuständig für Bildungsfragen, hat die Zeit gut genutzt. Auf rund 250 Seiten nähert er sich dem „System Odenwaldschule“ und stellt die Fragen, die bis heute unbeantwortet im Raum stehen: War der Missbrauch von Schutzbefohlenen, der über mindestens drei Jahrzehnte im Odenwald stattfand, nur eine Art Betriebsunfall? Die Tat einiger weniger kranker Männer? Oder hat die Reformpädagogik mit ihren fast schon zwanghaft libertären Grundüberzeugungen den Pädokriminellen in die Hände gespielt? Wie konnte der langjährige Schulleiter Gerold Becker über Jahre hinweg scheinbar unbemerkt Kinder missbrauchen? Und wieso durfte er, nachdem er 1999 bereits aufgeflogen war, sich noch einmal zehn Jahre lang ungeniert in Deutschlands Pädagogen-Elite tummeln? Wer half ihm dabei?

Hang zum Selbstbetrug

Auch Christian Füller hat nicht auf all diese Fragen eine Antwort. Ein Jahr danach, schreibt er, stehe die Aufarbeitung „erst am Anfang“. Und doch liefert er in „Sündenfall“ einige neue Einsichten, die den vertuschten Skandal aus Ober-Hambach noch ungeheuerlicher erscheinen lassen.

Folgt man Füller, dann geriet der hochveranlagte Theologe Gerold Becker bereits Ende der fünfziger Jahre unter Verdacht, „Unzucht mit Minderjährigen“ betrieben zu haben. Einer Anzeige entkam der damalige Betreuer der evangelischen Jugend in Göttingen knapp – so wie er danach immer wieder knapp seinen Kopf aus der Schlinge zog.

Wo immer er danach auftauchte, sei es als Vikar in Linz, sei es an der Uni Göttingen, sei es als junger Lehrer im Odenwald, tauchten zuverlässig auch bald erste Gerüchte auf: „ Der Gerold steht auf kleine Jungs.“ Im Nachhinein wollen es fast alle geahnt, aber keiner gewusst haben. Und keiner ging dem Verdacht je ernsthaft nach. Das ist die verblüffendste Passage in „Sündenfall“ – sie erzählt viel über den (un)menschlichen Hang zum Selbstbetrug. Füller beschreibt eindrucksvoll, wie hartnäckig sich dieser Hang bis heute in den sanften Hügeln des Odenwalds hält. Bis heute habe sich dort kaum jemand mit der Tatsache auseinandergesetzt, „dass die Landerziehungsheime programmatisch und personell eng mit der pädophilen Szene des frühen 20. Jahrhunderts verwoben sind“. Bis heute stelle niemand ernsthaft eine Pädagogik in Frage, die Lehrer zu „Familienhäupter“ mache und ihnen eine theoretisch unbegrenzte Verfügungsgewalt über Schulkinder einräume. Bis heute gehe es einem Großteil der Verantwortlichen zuerst darum, das, was vom hehren Ruf der Reformpädagogik geblieben ist, mit Klauen und Zähnen zu verteidigen.

Geschichtsklitterung und Verharmlosung

„Es gab viele Sünden im Odenwald“, schreibt Füller. „Die Sünde der Gewalt und der Lüge Beckers; die Sünde des Schweigens und Wegsehens der Konferenz; die Sünde der Leugnung und der falschen Treue der pädagogischen Platzhirsche, die im Odenwald ein und aus gingen. Aber es gab auch eine Sünde der Reformpädagogik: sie war blind für die Versuchungen, die von ihr ausgehen.“

War? Es gibt noch immer und längst wieder Versuche, die Geschichte zu klittern. Versuche etwa von Hartmut von Hentig, Beckers langjährigem Lebensgefährten, das vermeintlich wertvolle pädagogische Vermächtnis des Freundes zu retten. Versuche von Hentig-Freunden wie Rita Süssmuth, den systematischen Missbrauch von Kindern als historischen Einzelfall zu veharmlosen und die Opfer zu Versöhnungsgesten zu nötigen. Versuche von aktuellen Vorständen der Schule, den berechtigten Ruf nach materieller Entschädigung als Hetzjagd auf eine ganze Pädagogik zu verdammen. Aus Schaden wird nicht jeder klug. Deshalb will und kann „Sündenfall“ nicht mehr sein als ein beredtes Mittel, den Reinwaschern und Verschweigern ein Warnschild vorzuhalten. Es wird weitere geben müssen.

Christian Füller: Sündenfall. Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte. Dumont Buchverlag, Köln 2010´, 200 Seiten. 18,99 Euro.

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