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Literatur

18. August 2015

Christian Gerhaher: Nie, nie, niemals buhen!

 Von 
Bariton Christian Gerhaher (rechts) mit seinem Pianisten Gerold Huber.  Foto: Alexander Basta/Sony BMG

„Halb Worte sind’s, halb Melodie“: Der großartige Bariton Christian Gerhaher redet über seine Arbeit und über Musik, Regietheater, Opernhäuser. Jeden Satz aus diesem Buch müsste man zitieren.

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Ein Sänger muss nichts über seine Kunst sagen können, eine Kunst, die letztlich voller Geheimnisse steckt. Kann ein Sänger aber doch etwas sagen und will er es auch, dann ist der Aufschluss enorm.

Die singende Person allein ist es ja zum Beispiel, die einräumen kann, dass sie selbst nicht wirklich versteht, wie sie klingt. „Das ist die einzige wirkliche Tragik des Gesangsberufs.“ Oder dass sie auf einer Opernbühne unter Umständen kaum etwas vom Orchester hört, und dass dies ganz normal ist – auch wenn selten darüber gesprochen wird –, und dass der gute Operndirigent, wenn er es merkt, sich notfalls einfach nach dem Sänger richten wird. Und dass es Häuser gibt, die via Lautsprecher von der Seite den Orchesterklang für das Personal auf der Bühne zu verstärken versuchen, dass dieser Klang aber mit einer Nuance Verspätung eintrifft. Dass also das Phänomen Oper in der Realität mit teilweise spektakulären Kompromissen zurandekommen muss, von denen das Publikum nichts merken soll.

Christian Gerhaher hat die Fähigkeit zu und das Vergnügen an der Reflexion seiner eigenen Tätigkeit schon in zahlreichen Interviews bewiesen, auch im Gespräch mit der FR. Der Gesprächsband, den er jetzt gemeinsam mit der Musikjournalistin und -publizistin Vera Baur herausgegeben hat, erreicht aber natürlich eine Ausdehnung, die in Presse und Funk nicht möglich ist. Man erlebt den nachdenklichen Bariton gut sortiert – und wo die Sortierung aus den Fugen geriet, weil er etwas Wichtiges noch einmal wiederholen wollte, wird es erst recht interessant – in elf Kapiteln, die mit Schumann-Liedtiteln überschrieben sind (wie das ganze Buch).

Schumann, Schubert, Mahler

Schumann zeigt sich erwartungsgemäß als Zentrum seines Schaffens, gefolgt von Schubert und Mahler. Aus seinen Liedprogrammen ist das dem Publikum wohlvertraut, während seine kühle Haltung gegen die Lieder von Brahms und Richard Strauss in ihrer Vernichtungskraft gelegentlich überrascht: Brahms, dem er vor allem eine allzu simple Gedichtauswahl vorwirft. „Ich fühle mich bei ihm von den Texten, die ich dann ja aussprechen muss, oft angegriffen.“ Strauss, dessen (vor allem bei den Orchesterliedern von Gerhaher oft als manupulativ erlebte) Musik „mir ein groß angelegter Zeitvertreib ist – und das aus den vielleicht begabtesten Komponistenhänden seiner Zeit“.

Gerhaher, 1969 in München geboren, zuerst Philosophie-, dann Medizinstudent (mit allen Staatsexamen) und um Ecken und an der Seite seines Pianisten Gerold Huber zum professionellen Gesang gekommen, gilt als Grübler unter den Interpreten. In diesem wunderbaren Band, aus dem man jeden Satz zitieren müsste, tritt er einem vor allem als ungemein eigenständig denkender Profi entgegen. Letzteres ist ein wichtiges Wort in seinem Vokabular. Eichendorff, sagt er etwa, hinterlasse bei ihm oft den Eindruck, nicht wirklich Profi zu sein, womit er tiefer in dessen Lyrik vordringt als ein Dutzend Gedichtanalysen.

Dass Gerhaher, trotz eines frühen Engagements in Würzburg, vom Liedgesang kommt und erst von dem Frankfurter Intendanten Bernd Loebe ernsthaft zu Opernpartien ermutigt wurde, prägt seinen Blick auf das Phänomen Musiktheater. Schärfer als alte Routiniers erkennt er, siehe oben, die Grenzen der Möglichkeiten, aber auch das Wunderwerk. Die Schließung eines Opernhauses, sagt er, sei Mord, die Abschaffung eines Orchesters komme dem Abriss einer Kathedrale gleich.

Gerhaher macht immer klar, dass er nur für sich spricht. Er tritt dem Publikum als Leser und Hörer entgegen, als Leser und Hörer des Primärmaterials (selbst in seinen Urteilen gegen Strauss, bei denen man zuerst meinen könnte, sie basierten auf dem Vorurteil: wer skatet, leidet nicht). „Halb Worte sind’s, halb Melodie“ ist gerade dadurch ein Spiegel im Sinne von: Lehrbuch für die junge Kollegenschaft, für die Regie, für das Publikum.

Ein Sänger, erklärt Gerhaher, müsse seines Erachtens nach „größtenteils selbst lernen, wie er singt“, und auch, wenn daraus die Karriere eines Menschen spricht, dem das lange nicht zugetraut wurde, schlägt er damit doch einen Pflock ein. Dietrich Fischer-Dieskau, dessen sicher ernsthaftester Nachfolger Gerhaher ist, habe ihm einst geraten, doch besser Arzt zu werden, berichtet er in diesem angenehm anekdotenarmen Buch (aber wenn er eine erzählt, sitzt sie. Fischer-Dieskau nahm das übrigens zurück).

Das Buch

Christian Gerhaher: "Halb Worte sind’s, halb Melodie". Gespräche mit Vera Baur. Henschel / Bärenreiter, Leipzig / Kassel 2015. 174 Seiten, 22,95 Euro.

Die Regie lernt: „Der Respekt vor dem Stück kann schon eingefordert werden, aber nicht der vor dem Willen des Autors.“ Gewalt gegen ein Stück könne diesem manchmal helfen, „Entertainment und Dekoration“ seien hingegen stets fatal. Liebevoll geht er etwa auf den Frankfurter „Tannhäuser“ von Vera Nemirova (2007) ein, bei dem sein Wolfram in der Erinnerung doch den einzigen Lichtblick darstellte. Manchmal schämt man sich beim Lesen und schmiedet Pläne für ein neues, wahrhaftigeres Leben. Wahrhaftigkeit, ein wesentlicher Gerhaher-Begriff: die Wahrheit nicht zu kennen, aber sie zu suchen.

Das Publikum lernt aber, dass ein anständiger Mensch nicht buht, niemals buht, dass Buhrufe keine Option sind. Schon darum muss es dieses Buch geben.

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