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Literatur

05. Dezember 2012

Christiane Heibach über Atmosphäre: Das erste Klima

 Von Dirk Pilz
Christiane Heibach (Hg.): Atmosphären. Dimensionen eines diffusen Phänomens. Wilhelm Fink, München 2012, 328 S., 34,90 Euro.  

Ein Band über den Leitbegriff Atmosphären.

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Dies ist der neue Leit- und Lieblingsbegriff in den Geistes- und auch Naturwissenschaften, in der Kunst und in der Philosophie: Atmosphäre. Ein herrlich paradoxes Etwas. Einerseits ist es allgegenwärtig, wie das Wetter. Andererseits entzieht es sich einfacher Analysen. Ihnen kommt ein „diffuser, weil kategorienverweigernder Charakter“ zu, schreibt die Medienwissenschaftlerin Christiane Heibach in einem von ihr herausgegebenen Aufsatzband.

Das Diffuse erfreut sich in den Wissenschaften ja nicht nur deshalb größter Aufmerksamkeit, weil man es hierbei mit einem gehörig anspruchsvollen und also schön herausfordernden Phänomen zu tun hat. Das Atmosphärische scheint sich als Beschreibungsbegriff für das allgemeine Befinden, die Welt- und Subjektlage geradezu aufzudrängen. Nicht nur die Börse wird von Stimmungen bestimmt, auch politische Mehrheiten entstehen aus und in einem bestimmten gesellschaftlichen Klima. Es ist, als würden auf dem Arbeitsmarkt genauso wie im Beziehungsleben, bei Wahlen oder Wirtschaftsfragen nicht Fakten, sondern eben diffuse Atmosphäre entscheidend sein.

Das ist keine Neuheit in der Weltgeschichte, aber in einer Zeit umfassender Orientierungslosigkeit, die sich von der Zukunft allenfalls nebelhafte Vorstellungen zu machen imstande ist, wird die Rede von Atmosphären zur tröstlichen Selbstbeschreibung: Wenn alles diffus ist, gewinnt das Diffuse an göttlichen Eigenschaften.

Sloterdijk sorgt für Klarheit und Distanz

Auch deshalb braucht es die Wissenschaften: um hier für Klarheit und Distanz, also kritisches Unterscheidungsvermögen zu sorgen. Viel ist dabei Peter Sloterdijk und seinem dreibändigen „Sphären“-Werk (1998-2004) zu danken. Christiane Heibach hat jenen Abschnitt in ihren Sammelband aufgenommen, in dem Sloterdijk vom „fördernden Mikroklima“ der „frühen Binnenwelten“ spricht: „Über das erste Klima informiert kein Wetterbericht; woher die Innenweltbrise weht und welche Tiefdruckzonen über die zwischenmenschlichen Bemühungen hinwegziehen“, darüber gebe „die Urteilskraft des Atmosphärengefühls“ Auskunft. Atmosphäre wird so in den Status einer Seinskategorie gehoben. Hermann Schmitz, der „Doyen der Atmosphärenforschung“, liefert hierzu die Vorarbeit: Für ihn sind (auch) Gefühle „räumlich ausgedehnte Atmosphären“.
Solche Philosophie führt dieses Buch als „Meta-Atmosphären“, als die „theoretische Dimension“. Davon abgehoben sind die physikalischen, sozialen und medialen Dimensionen – sie alle sollen „die Vieldimensionalität“ des Phänomens erschließen helfen.
Noch befindet sich die konkrete Atmosphärenforschung jedoch im Anfangsstadium. Das neue, atmosphärengestützte Modell zur Erschließung von Wirtschaftskrisen von Uwe Hochmuth liegt allenfalls in Umrissen vor. Und was Gernot Böhme über das Flanieren im Nord-West-Zentrum in Frankfurt zu berichten hat, kommt über Offensichtlichkeiten kaum hinaus. Die Besucher dieses Shopping-Centers hätten es sich „urban village“ gemacht, zu einem Ort, „an dem man entlastet seine Zeit verbringt“ und „gelegentlich auch einmal etwas kauft“. Eine künftige Forschung wird das Ensemble der Faktoren zu ermitteln haben, die das Zeit-, Raum- und Kaufempfinden lenken.

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