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Literatur

06. September 2010

Claude Lanzmanns "Erinnerungen": Schweigen ist Lüge

 Von Grete Götze
Der französische Filmemacher Claude Lanzmann.  Foto: Public Domain

Claude Lanzmann veröffentlicht seine „Erinnerungen“. Der französische Regisseur greift in ihnen noch einmal zentrale Themen des 20. Jahrhunderts auf: Nationalsozialismus, Staatsgründung Israels, Kalter Krieg. Und immer wieder die Shoah.

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Catherine Pederzoli hat für vier Monate Berufsverbot, melden dieser Tage französische Tageszeitungen. Zu häufig, so der Vorwurf an die Lehrerin aus Nancy, habe sie Bildungsreisen an die historischen Schauplätze des Grauens verantwortet. Außerdem, so befanden französische Beamte, habe sie das Wort „Shoah“ zu oft benutzt. Genauer: 14 Mal in der Befragung, und zwar zu Lasten des „gleichzeitig neutraleren und juristisch angemessenen Begriffs ,Genozid’“.

Hätte Claude Lanzmann seinerzeit die Schulleitung von Nancy um Rat gefragt, wäre „Shoah“, der immer noch bedeutendste Film über den Holocaust, wohl nicht zustande gekommen. Lanzmann hat den Begriff „Shoah“ etliche Male häufiger benutzt als besagte Lehrerin, über zwölf Jahre hinweg Reisen an die historischen Schauplätze des Grauens verantwortet, daraus 350 Interviewstunden mit Opfern und Tätern des Holocaust aufgezeichnet und einen neunstündigen Film daraus gemacht.

Der Begriff „Shoah“, so lernen wir in Lanzmanns Memoiren, die heute auf Deutsch erscheinen, „bedeutet Katastrophe, Zerstörung, Vernichtung und kann ein Erdbeben, eine Überschwemmung oder einen Orkan bezeichnen“. Für Lanzmann ist es ein undurchdringliches, nicht aufzubrechendes Wort. Es steht für die Dringlichkeit all seiner Anliegen. Für „Shoah“ wird der besessene Filmemacher selbst zu einem Betrüger, der mit falschem Pass die Alt-Nazis, die nicht vor der Kamera über ihre Gräueltaten sprechen wollen, überlistet. Sie heimlich filmt. Sich von Geldgebern immer wieder die Frage stellen lassen muss: „Mr. Lanzmann, what is your message?“ Und diese Frage um keinen Preis beantworten möchte.

Als „Erinnerungen“, also als etwas subjektiv Erlebtes, hat der Rowohlt-Verlag Lanzmanns Autobiografie im Untertitel beschwichtigend ausgewiesen, wohl wissend um die starke Subjektivität eines Mannes, der mit all seiner Energie nur ganz für oder gegen etwas sein kann. Wohl wissend auch um die Feuilletondebatte, die 2009 über die Wahrhaftigkeit einiger seiner Darstellungen entbrannte. Der Historiker Christian Welzbacher warf Lanzmann, der in seiner Autobiografie auch über seine Zeit an der Freien Universität berichtet, Geschichtsfälschung vor. Deren Gründungsdirektor Edwin Redslob sei nicht, wie Lanzmann behaupte, entlassen worden, sondern freiwillig gegangen.

Ob das stimmt oder nicht: Für den heute 84-Jährigen ist, wie er schon in seinem ersten Artikel für die „Temps Modernes“ schrieb, Wahrheit Publizität. Ihr Gegenteil ist nicht die Lüge, sondern das Schweigen, die Zensur. Nach Lanzmanns Logik ist es insofern ziemlich irrelevant, ob Breglob entlassen wurde oder nicht. Relevant ist nur, wie Lanzmann es sieht. Nach dieser Logik lebt, filmt und schreibt Lanzmann.

Er steht für die Generation der Sartre-Beauvoir-Familie, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit heute fast naiv anmutender Radikalität die Neuordnung aller politischen wie persönlichen Probleme von der Abschaffung der Ausbeutung und des Kolonialismus bis zur sexuellen Befreiung vornimmt. Dieser Radikalität ist Lanzmann treu geblieben. Aus dieser Perspektive greift er auf 667 Seiten noch einmal viele Probleme auf, die das 20. Jahrhundert beschäftigten: die Beschreibung und Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die Staatsgründung Israels, den Algerienkrieg, das Festhalten Frankreichs an seinem Kolonialreich in Asien, die DDR, den Kalten Krieg, den Koreakrieg und die erste Mondlandung.

Lanzmann fordert von seinen Lesern eine ähnliche Ausdauer, wie er sie von den „Shoah“-Zuschauern und von sich selbst fordert: „Ich bin von der Welt weder übersättigt noch ermattet, und hundert Leben, das weiß ich nur zu gut, würden mich nicht müde machen“, schreibt er. Deswegen würde er sich auch am liebsten als Hase wiedergeboren sehen, genauer: als patagonischer Hase, der bei einer Reise in Patagonien blitzschnell seinen Weg querte und seinen Erinnerungen den Titel gab.

Der 84-Jährige beschreibt sein Leben mit einer solchen Glut, mit so rasanten Sprüngen in die Gegenwart, dass man sich seinem Bann kaum entziehen kann. Unter anderen treten auf: sein bester Freund Jean Cau, mit dem er als Jugendlicher das Bordell „Sphinx“ besucht und das erste Mal „glüüücklich“ ist, seine dem „Dämon des Absoluten“ so schutzlos ausgelieferte Schwester, dass sie Selbstmord begeht, seine stotternde jüdische Mama, die in Religion aber nur „Affentheater“ erkennen möchte, sein kommunistischer Papa, sein geistiger Übervater Sartre, seine Geliebte Beauvoir, die beschließt, dass Lanzmann der sechste Mann in ihrem Leben werden sollte, was diesen gleichermaßen mit Stolz wie mit Entsetzen erfüllt. Und viele andere Frauen.

So wie man mitleidet und mitfiebert, so ärgert man sich über andere Passagen: über das maßlose Selbstbewusstsein dieses Mannes, über seinen Chauvinismus, seinen Hang zur Angeberei und seine Hinwendung vom Widerstandskämpfer der Résistance zum pathetischen, ja überidentifizierten Verteidiger des Staates Israel. Lanzmanns Biografie bietet viel Material – für seine Kritiker, die sicher weitere Anhaltspunkte für „Geschichtsfälschung“ finden werden und für die glühenden Bewunderer eines Mannes, der in einer allseits verdrängenden Welt einen Film über die größte Verdrängung der europäischen Geschichte gemacht hat.

Claude Lanzmann: Der patagonische Hase. Erinnerungen. Dt. v. B. Heber-Schärer u.a. Rowohlt 2010, 688 S., 24,95 Euro.

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