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Literatur

10. Mai 2015

Claus Leggewie: Der teilnehmende Beobachter

 Von 
Claus Leggewie.  Foto: Christoph Boeckheler

Claus Leggewie, soeben 65 geworden, erinnert sich an „Politische Zeiten“. Heute Abend auch im Frankfurter Literaturhaus.

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Die 68er. Was für ein Begriff, regelrecht feststehend, dabei ist er wohl jedem mitlaufenden Menschen geläufig, aber keinem mitdenkenden völlig einsichtig. Eben dafür muss man etwas tun.
Claus Leggewie, Jahrgang 1950, darf zu den 68ern gezählt werden. Und tatsächlich, seine Lebensgeschichte liest sich deswegen ungewöhnlich anregend, weil er sie als eine Ethnografie der 68er angelegt hat. Als eine Stammesgeschichte kompromissloser Staatsfeindschaft, radikaler Institutionenferne, des bald auch ökologischen Umbauwillens – schon das konnten drei unterschiedliche Stammeszugehörigkeiten sein, einander verfeindet.

Leggewie nennt sich in seinen Erinnerungen einen „antikommunistischen Linken, katholisch fühlenden Agnostiker, angeschlossenen Außenseiter und respektvollen Grenzverletzer“. Das mag eitel anmuten, war aber kaum Mainstream-kompatibel, als er 1990 mit dem Begriff Multikulti eine gesellschaftliche Neuorientierung forderte. Angesichts der großen Wanderungen, weltweit, sah er auf Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft zukommen und forderte ein neues Staatsbürgerrecht.

Aktivist und Stratege

Der Außenseiter als Abweichler? Liegt diesem Bekenntnis, unausgesprochen, auch die Neigung der 68er für Fraktionierungen zugrunde. Für selbstgerechtes Sektierertum? Leggewies Geschichte liest sich nicht als die eines Abtrünnigen. Er verteilt keine Denkzettelchen, Abrechnungen, bei aller Abneigung (Günter Grass, Joschka Fischer), liegen ihm fern. „Teilnehmende Beobachtung“, so hat er seine Haltung als Wissenschaftler, Journalist und Intellektueller bezeichnet.

Dass die Zeiten immerzu „Politische Zeiten“ gewesen sind, betont bereits der Titel, während der Untertitel „Beobachtungen von der Seitenlinie“ in Aussicht stellt – denn hier zählt man zwar nicht zu den Akteuren auf dem Spielfeld. Aber von hier, wo die Gelegenheit zum Überblick besteht, geht man doch engagiert mit. Man coacht, der Seitenlinienakteur ist ein Aktivist strategischer Beratung.

Zur Sache

Claus Leggewie: Politische Zeiten. Beobachtungen von der Seitenlinie. C. Bertelsmann Verlag, 2015, 476 S., 24,99 Euro.

Am Montag stellt Leggewie um 19.30 Uhr im Frankfurter Literaturhaus sein Buch vor, moderiert von Peter Kemper.

Unvergessen ist ihm die Kindheit im kriegszerstörten Köln, unvergessen, als er an der Hand seines Vaters, vor den Hakenkreuzschmierereien an der Kölner Synagoge erstarrt. Der Junge ist neun Jahre alt. Noch zwischen Ruinen aufgewachsen, ein Kind, dem die Trümmergrundstücke ein Abenteuerspielplatz waren, und Adenauerdeutschland eine existentielle, eine existentialistische Herausforderung, studierte Leggewie zunächst Geschichte. Immerhin ein Schüler des berühmten Theodor Schieder, wandte er sich der unmittelbarer denkenden Politologie zu.

Als Akademiker begann Leggewie unverschämt jung in Göttingen, noch keine Mitte 20, unter aufgewühlten Umständen. Von Leggewie sprechen heute noch Studenten, die ihn in den 1990ern in Gießen hörten, ein öffentlicher Freidenker in einem in sich verkapselten akademischen Milieu. Aufgekratzt erlebte er New York, wohnte in einem Haus mit Lou Reed, und die USA lebten ihm die legere Toleranz und die unverhohlene Intoleranz vor, nicht zuletzt den „lockeren und diskursivere Lehrstil“. Heute leitet er das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen.

In der FR, die ihm mit Anfang Zwanzig erste Publikationsmöglichkeiten einräumte, begann er seine journalistische Laufbahn, neben seiner akademischen Karriere lockte ihn das Zeitungsgeschäft, wohl auch deswegen, weil es „brenzlig“ werden konnte. Denn Leggewie, in der Tasche hatte er Aufträge, am Körper schusssichere Westen, bereiste das von einem brutalen Bürgerkrieg heimgesuchte Algier oder den Kessel von Sarajevo. „Profunder Journalismus“, wie er ihn nennt, erklärt sich aus der „teilnehmenden Beobachtung“, aus einem empirischen Eifer, aus einem „ethnografischen Zugang“, insgesamt einer „Neugierde auf das Unvorhergesehene“, an der sich die theoretische Erkenntnis zu bewähren habe. Nicht von ungefähr widmet Leggewie einem René König bewundernde Passagen – die empiriegesättigte Beschreibung der Verhältnisse, die soziologische Durchdringung anstelle prätentiöser Spekulation erfährt der FR-Leser noch heute aus seinen Texten.

Ausdrücklich thematisiert Leggewie sein Engagement in der „Politikberatung“, eine Dreiheit aus Gedächtniskultur, Klimakultur und Interkultur. Ausdrücklich bekennt er sich auch zu seiner Schwäche für schnittige und rasante Autos. Und wenn er sie typisch deutsch nennt, dann gilt dieser Leichtsinn seiner Giulia (Alfa Romeo), später einem Jaguar (für Kenner: einem XJ 6). Blue-motion-bewegt fuhr allerdings bei seiner geschmackvollen Mobilität das schlechte Gewissen stets mit. Abbitte leistet er auch als Zocker, und so ist dieses Buch eines Agnostikers insgeheim auch ein Beitrag tätiger Buße. Offen angesprochen wird die Leidenschaft für den 1.FC Köln, dem er jedoch die Mitgliedschaft aufkündigte, weil sich der Verein nicht schützend vor einen Spieler stellte, als diese von Ultras rassistisch niedergemacht wurde.

Freimütig erzählt Leggewie, nicht etwa zerknirscht; das dürfte katholischen und ziemlich kölschen Sozialisation geschuldet sein. Im Rückblick erscheint ihm sein Sarajevo-Auftritt absurd, lässt ihn „heute schwanken zwischen Depression und dem Gefühl, ein ziemlicher Idiot gewesen zu sein.“ Leggewie notiert diese Selbstbezichtigung mit Sicherheit im Bewusstsein seines Weitblicks. Dazu zählt sein Augenmerk für die Schönheiten der arabischen Welt ebenso wie sein Scharfblick für die entsetzliche Dauerkrise Algeriens als das vom Westen ignorierte Menetekel islamistischer Radikalisierung.

Weitblick, Scharfblick. Durch Hannah Arendts Abgleich mit der Wirklichkeit geschult, geht ihm ein missionarisches Avantgardebewusstsein ab. Vorneweg war er dennoch an vielen Debattenfronten. Seinen Gegnern, den Pazifisten, galt er in der Irakkriegsfrage als Inbegriff des Bellizisten; die Frage ist: Wer brachte das heilsgeschichtliche Pathos, damals, in die Debatte ein? Nach 9/11 forderte er in der FR, dass die Universitäten „den Krieg denken“ müssten, ihn nicht zu unterstützen hätten, aber sich „hörbar und als solche erkennbar an der Debatte beteiligen“ müssten“.

Öffentliches Denken

Öffentliches Denken als nicht verschwiegene Gewissensache. Den einen zu links, den anderen nicht links genug, erscheint sein Links-Sein republikanisch und zivilgesellschaftlich (eingehegt). Hier die Guten, dort die Bösen: Wer so zu denken nicht antritt, sieht sich grotesken Verschwörungstheorien und revolutionären Verwöhnungstheorien ausgesetzt. Leggewie begeisterte sich schon als Student für frankophile Milieus, wahrscheinlich ist es die Bewunderung für den großen Albert Camus, dass ihm das für die 68er-Mentalität nicht untypische Jakobinertum abgeht.

Leggewies hin und wieder nicht uneitle Selbstreflexion thematisiert ausdrücklich die „Gefahr der autobiografischen Illusion“. Nicht dass er nicht wüsste, dass seine Draufgängerei auch Einwände provoziert hätte: „Was ich für angewandte Kultursoziologie hielt, brachte mir den Ruf eines Über-alles-Schreibers ein, der in der Wissenschaft um seinen Ruf fürchten musste und in Journalistenkreisen als unliebsame Konkurrenz galt.“

Mit den Nöten des „Südens“ machte er den Leser seiner Reportagen schon vor Jahrzehnten bekannt, mit den Hoffnungen des „Mare nostrum“ ebenso wie mit dessen Tragödien. Seine Umtriebigkeit brachte ihn in lebensbedrohliche Situationen, die er indes nicht aufbauscht. Lakonisch ist auch der Satz: „Verhaftet und ausgeplündert, verkaffert und verunglückt wurde und war ich immer nur in Frankfurt.“

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