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Literatur

01. November 2010

Comic: „In meinen Augen“: Schwer verliebt

 Von Christian Schlüter
„Ich habe dich gar nicht gesehen“, sagt sie kokett, und auch uns bleibt der Betrachter, aus dessen Perspektive wir die junge Frau wahrnehmen, in diesem Comic verborgen.  Foto: Bastien Vivès

Eine mitreißendere, in jeder Hinsicht gelungenere Liebesgeschichte hat es in der graphischen Literatur lange nicht gegeben. Dabei bietet sie weder Happy End noch Tragödie.

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Was für eine Liebeserklärung! Was für ein Übermut! Bastien Vivès’ Comic „In meinen Augen“ geht aufs Ganze. Als hätte der 1984 geborene Franzose nichts zu verlieren. Als wäre ihm vollkommen gleichgültig, mit solch einem Projekt eigentlich nur scheitern zu können. Doch um es gleich vorweg zu sagen: Eine mitreißendere, in jeder Hinsicht gelungenere Liebesgeschichte hat es in der graphischen Literatur lange nicht gegeben. Dabei bietet sie weder Happy End noch Tragödie. Nur eine entzückende Hauptdarstellerin, sie zieht uns sofort in den Bann. Oder in den Wahnsinn, weil sie ein so flüchtiges wie albernes Wesen ist. Unfertig, unreif, nur mit sich selbst beschäftigt.

Bastien Vivès teilt seine Erzählung in locker verknüpfte Episoden auf. Wir begegnen der rothaarigen Studentin zum ersten Mal in der Universitätsbibliothek. Eine Zufallsbegegnung. Sie blättert und stochert in einem Buch, macht sich Notizen und wirkt nicht sonderlich konzentriert. Und so schaut sie zu uns herüber, uns – die Leser. Oder den Betrachter, den wir in dem ganzen Comic nicht sehen werden, den unsichtbar bleibenden Verehrer, durch dessen Augen wir die Geschichte erleben. Hätte man es mit einem Roman zu tun, würde man wohl von der Ich-Perspektive sprechen, in der wir den Platz des Erzählers einnehmen.

Doch wie gelingt einem Comic dieser Transfer? „In meinen Augen“ bietet nicht einfach eine Flucht in fantastische Bilderwelten an. Die bezaubernde Studentin bleibt uns fremd, ein unerreichbares, möglicherweise geheimnisvolles, vielleicht aber auch nur rücksichtsloses Gegenüber. Vivès verstärkt diesen Effekt auch noch, indem er nur sie zu Wort kommen lässt. Der unsichtbare Verehrer hingegen bleibt stumm, weder seine Äußerungen noch seine Gedanken tauchen in den Bildern auf. So scheint die Hauptdarstellerin aus allen Bezügen herauszufallen, redet viel und durcheinander, wechselt die Themen und Stimmungen, weint und lacht und schmollt – man kann ihr nur mit Mühe folgen.

Diese Frau ist ganz schön anstrengend. Uns bleibt nichts anderes übrig, den Raum zwischen ihren Äußerungen zu füllen, also zu erraten, worauf sie gerade antwortet, was wir anstelle des Erzählers möglicherweise gesagt und womit wir ihr einen Anlass gegeben hätten. Das geht im Laufe der Geschichte immer besser, man hat somit das Gefühl, das quirlige Wesen immer besser kennen zu lernen. Auf diese Weise füllt der Betrachter die Leerstelle des Erzählers und identifiziert sich mit ihm: Vivès zwingt uns in die Rolle des Verehrers. „In meinen Augen“ ist eine unverblümte Aufforderung, einer Verliebtheit zu folgen und sich hinreißen zu lassen. Wer sich hier verweigert, wird von Vivès’ passionierter Geschichte nichts haben.

Beim Verständnis helfen uns auch die Zeichnungen. Dabei hat sich Vivès für eine im Comic eher seltene Technik entschieden:Er arbeitet mit Buntstift. Der immer etwas grobe, körnige Strich und die mitunter kräftig-grellen Farben lassen Stimmungen sicht- und lesbar werden. Nicht nur Gesichter und Kleider, sondern die ganze Szenerie zeichnen sich durch eine farbensatte Sinnlichkeit aus, vom erregten Rot über das peinliche Grün-Gelb bis zum fröstelnden Blau künden die Farbarrangements vor allem auch von der Befindlichkeit des Erzählers. Vivès lässt seinen Verehrer zwar unsichtbar und wortlos, aber in den expressiv kolorierten Stimmungsbildern macht er sich dann doch bemerkbar.

Im Vordergrund bleibt allerdings die junge Frau. Ihr hat Vivès etwas deutlichere Konturen verliehen. Während umstehende Charaktere, insbesondere deren Gesichter, verwischt, unscharf, ja, wie unkenntlich gemacht erscheinen, erhält die Figur der Studentin feine schwarze Umrisslinien. Das betont ihre Gesichtszüge – vom kokett gesenkten Blick bis zum frivolen Augenaufschlag –, hat aber auch den Effekt, dass alles andere in den Hintergrund tritt. Besonders schön ist das in der Episode zu sehen, als sie und wir (!) in der U-Bahn fahren: Beinahe fotorealistisch löst sich die umstehende Menschenmenge in verschwommene Flächen auf: Nur SIE ist noch da. So fokussiert ein Verliebter seine Angebetete.

Hier zeigt sich die erstaunliche Könnerschaft eines gerade einmal 26-Jährigen. Im letzten Jahr erhielt Vivès für seinen Comic „Der Geschmack von Chlor“ auf dem Comic-Festival von Angoulême den Essentiel Révélation, den Preis als bester Nachwuchskünstler. Im Vergleich zu diesem, eher an dem durch Hergés „Tim und Struppi“ geprägten Ideal der Ligne Claire orientierten Werk, besticht „In meinen Augen“ durch seine geradezu barock wuchernde Farbenpracht. Ein vor sinnlicher Energie vibrierender Comic. Ein großartiges, ein gelungenes Erzählexperiment. Und eine Herausforderung für den Leser, eine Zumutung im besten Sinne.

Bastien Vivès: In meinen Augen. A. d. Frz. v. Kai Wilksen. Reprodukt Verlag, Berlin 2010, 136 Seiten, 18 Euro
www.bastienvives.blogspot.com

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