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Literatur

01. März 2013

Comic „Der Tod von Adorno“: Der Libido-Kick von ’68

 Von Christian Schlüter
Held der Geschichte: Hermann C. Trollschack beim antifaschistischen Kampf. Foto: Metrolit

Helmut Wietz’ toll-dreister Comic „Der Tod von Adorno“ über die studentische Kulturrevolution.

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Allmachtsfantasien sind kleinbürgerlich, ein billiges, starkes Ressentiment der ewig Zukurzgekommenen, derjenigen also, die eigentlich etwas vom großen Kuchen haben wollen und sich stattdessen in rachegesättigten Weltbeherrschungsvisionen verlieren. Doch Allmachtsfantasien sind auch revolutionär, ein teures, starkes Ressentiment der ewigen Besserwisser, derjenigen also, die endlich selber den großen Kuchen backen wollen und deswegen ihren theorieklugen Weltveränderungsszenarien in Wort und Tat folgen.

Mit diesen beiden Sätzen wären die politischen Widersprüche der 68er-Studentenrevolte etwas rasant zwar, aber dennoch bündig beschrieben. Das jedenfalls legt uns ein Buch nahe, das nur als Überraschung der Saison bezeichnet werden kann: „Der Tod von Adorno“ ist ein in jeder Hinsicht erstaunliches Werk, eine filzstiftbunte Hommage an die Pop-Art, an Robert Crumb und die Underground Comix der Siebzigerjahre, ein psychedelisch-pornografischer Rechenschaftsbericht, auch eine Abrechnung mit dem immer noch sensationellen Irrsinn einer Epoche.

Einheit von Sex und Revolte

Die von Helmut Wietz gezeichnete Geschichte beginnt an der Stör, einem Nebenfluss der Elbe. Hier setzt der „nimmermüde Hermann C. Trollschack“ mit seinem Fährschiff die Menschen über. Er hat nie etwas anderes gemacht, Trollschack ist ein einfacher Mann mit großen Sehnsüchten – eine durch die Lektüre von Bild, Bravo, Zeit und Konkret erwachte Proletenseele. Als eines Tages die unfassbar schöne Kunigunde aufs Schiff kommt, verliebt er sich sofort. Er will vom Handbetrieb loskommen und sich an einem realen Gegenüber probieren.

Das Begehren ist groß, aber beim Geschlechtsverkehr macht Trollschack schlapp. Das lässt ihn fortan einen „Kampf gegen die Schlappheit“ führen, ganz allgemein, in gesamtgesellschaftlicher Perspektive. In einer ersten Übung schlägt er das NPD-Gesindel seines Dorfes zu Brei, ein bluttriefender Erfolg, der auch seine Libido auf Vordermann bringt. Damit ist die Verbindung zwischen Revolte und Sex unaufhebbar hergestellt: Aus dem einfachen Mann vom Lande wird ein Kulturrevolutionär, aus seinem Leben der revolutionäre Kampf im Zeichen der Dauererektion.

Damit kann der eigentliche Wahnsinn seinen Lauf nehmen. Die Geschichte Trollschacks zeigt einige Parallelen zu Helmut Wietz’ Lebenslauf. Wietz wurde 1945 in Hamburg-Altona geboren, zog 1967 nach Berlin und studierte dort an der Deutschen Film- und Fernsehakademie; seitdem arbeitet er als freischaffender Filmemacher und Produzent. Während seiner Studentenzeit begann er auch, seinen Comic zu zeichnen, allerdings blieb das Werk unvollendet. Erst 2007 führte er den „Tod von Adorno“ und damit die Geschichte Trollschacks zu Ende – sie reicht bis in die Nachwendezeit.

Wietz versteht sich somit als Chronist einer jüngeren bundesrepublikanischen Episode, die mit der Wiedervereinigung ihren Abschluss fand. Im Zentrum bleibt aber die 68er-Bewegung. Trollschack also zieht es nach Berlin, dort findet er schnell Anschluss. Die Studenten der Filmakademie, darunter Ulrike (Meinhof) und Holger (Meins), heißen den Proleten willkommen, dessen rustikal-libidinöses Wesen großen Eindruck macht. Der Mann wird für den Pornofilm entdeckt, das Medium der Wahl, wenn es darum geht, „gesellschaftsverändernde Phrasen“ massentauglich unters Volk zu bringen.

An dieser Stelle hat Bazon Phoenix Phlebas, unschwer als der Künstler und Kunsttheoretiker Bazon Brock zu erkennen, seinen fulminanten Auftritt, als er sein Ressentiment gegen das bürgerliche Kunstwerk in ein Plädoyer für die pornografische, „alle Menschen mit starken Affekten“ erfüllende Bildkunst einmünden lässt und sich gleich als Regisseur anbietet. Das Geld kommt vom März-Verleger Jörg Schröder, das Drehbuch vom späteren Doktorvater Rudi Dutschkes, dem Berliner Philosophen Peter Furth („Auch der gemeine Mensch braucht Pornografie.“).

Und „so fickt sich Trollschack durch zehn künstlerisch wertvolle Zielgruppenfilme“, fasst Wietz das akademisch geweihte Setting zusammen, spürt allerdings bald ein Ungenügen und zieht weiter gen Frankfurt, „wo die Gralshüter der ,Dialektik der Aufklärung‘ sitzen!“ Denn eigentlich sucht der Mann immer noch, wie schon in seinem Heimatdorf, nach „Wegen, das alte Nazi-Pack aus der Welt zu bekommen“, das heißt nach dem anfänglichen, ultimativen Libido-Kick. Hier nun kommt es endlich zur – tragischen – Begegnung mit Adorno …

Maßlose Übertreibung

Der Tod des Frankfurter Meisterdenkers im Jahre 1969 markiert auch die Unterbrechung im Comic: Wietz ließ sein, wie er es nennt, „Adorno-Fragment“ ruhen und wandte sich dem Geldverdienen zu. Der Unterschied zu der 30 Jahre später wieder aufgenommen Arbeit ist indes minimal, auf den letzten Seiten des Comics kommt statt Filzstift und Rasterfolie nun zeitgemäß Photoshop zum Einsatz, die digitale Bildbearbeitung lässt die Farbflächen etwas glatter wirken. Dem grobschlächtigen, schablonenhaften Gesamteindruck tut dies erfreulicherweise keinen Abbruch.

„Der Tod von Adorno“ ist in seiner eigenwilligen und, gemessen an dem zur Zeit vorherrschenden Graphic-Novel-Ernst, grotesk-komischen, bisweilen dilettantischen und durchweg eklektischen Machart schlichtweg großartig. Und eine erfrischend kluge, maßlos übertreibende, aber gerade deswegen angemessene Auseinandersetzung mit der studentischen Kulturrevolution. Jedoch denunziert der Comic nicht einfach nur den hypertrophen Irrsinn, sondern macht den Antifaschismus als normativen Kern der Revolte anschaulich: Der Kampf war historisch notwendig.

Helmut Wietz: Der Tod von Adorno. Metrolit, Berlin 2013. 72 Seiten, 22 Euro.

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