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Literatur

11. April 2011

Comic : Literatur und Graphik

 Von Ole Frahm
Selten wurde versucht, den Erfahrungsbestand der Moderne selbst zu besichtigen, wie in dem Comic "Dri Chinisin" von Sascha Hommer nach Erzählungen von Brigitte Kronauer.  Foto: reprodukt

Behauptet seine eigene literarische Form: Im Comic-Band "Dri Chinisin" greift Sascha Hommer Erzählungen von Brigitte Kronauer auf. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich zwischen Schrift und Bild ein Raum öffnet für eine graphische Literatur. Nicht nur für Kinder!

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Comics als Literatur? Immer wieder wird diese Perspektive für die seriellen Bildchen eröffnet: Als würde es nicht genügen, dass sie mit ihren populären Figuren eine ganz eigene Ästhetik jenseits von Kunst und Literatur entwickelt haben. Und als hätten sich nicht schon Autoren wie Rolf-Dieter Brinkmann oder Elfriede Jelinek nach einer Literatur gesehnt, die sich an „Batman und Robin“ orientiert. Wie immer über Literatur und Comics geschrieben wurde, das angenommene Gefälle zwischen hoher Literatur und billiger Massenware blieb intakt, als wären diese Kategorien nicht längst ins Wanken geraten, sei es durch triviale Literatur, anspruchsvolle Comics oder eine veränderte Rezeption.

Sascha Hommers aktueller Comic „Dri Chinisin“ mit der gelungenen Übersetzung von Erzählungen Brigitte Kronauers sortiert dieses Feld leichthändig und souverän neu. Literatur im Comic: Bekannt und geschätzt ist die Büchner-Preisträgerin durch Romane wie „Teufelsbrück“ oder jüngst „Zwei schwarze Jäger“, insgesamt neun hat sie in den letzten dreißig Jahren veröffentlicht. Hommer entschied sich für die kleine Form und würdigt die Erzählerin Kronauer. Diese darf als eine der prononciertesten ihrer Generation gelten, sie ist durch die Moderne hindurchgegangen, Geschichten berichtend, aber immer einer literarischen Technik verpflichtet, die jeden Anschein der Authentizität verscheucht. Ihre Affinität zum Comic bewies sie schon 2007, als sie sich in der von Hommer und Jan-Frederik Bandel herausgegebenen Comic-Nummer vom Schreibheft als Leserin von Philippe Druillets „Vuzz“ outete.

Warum sind sie wutentbrannt?

Comics als Literatur? Nein, viel zu lange galten sie ausschließlich als Medium für Kinder. In der titelgebenden Erzählung „Dri Chinisin“ erinnert Sascha Hommer den guten Grund, warum dem so war: Comics bilden wie die Kinder eine eigene, den Erwachsenen nicht ohne Weiteres zugängliche Welt. Diese Welt scheint banal, oberflächlich und leicht zu verstehen zu sein. Die Eltern, so konstatiert Kronauers kindlicher Ich-Erzähler, den Hommer zitiert, „glauben alles zu wissen über uns“. Die Kinder der Erzählung wissen demgegenüber nicht alles über sich. Die Kinder variieren unentwegt „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“, stampfen wutentbrannt auf den Boden und wissen nicht, warum sie wutentbrannt sind.

Die Leser müssen sich sowohl in Kronauers Erzählung als auch in Hommers Version mit unbehaglichen Andeutungen begnügen: Eines der Kinder ist gestorben – doch es könnte sein, dass sie selbst die Mörder sind. Die ganze Unschuld der Kinder mit ihren Kinderzimmern voller pädagogisch wertvollem Holzspielzeug steht hier in Frage. Nichts ist so, wie die Oberfläche glauben macht. Gerade das Banalste kann zum Unheimlichen mutieren. Alles muss mehrfach gelesen werden.

Brigitte Kronauers Erzählungen zeichnet eine präzise Beobachtung aus, die aber oft nur ein wenig die Perspektive so verschiebt, dass das Vertraute fremd wird. Hommer löst diese Fremdheit nicht auf, sondern birgt sie, wenn er sie nicht sogar steigert. Seine Zeichnungen sind einerseits kühl, schematisch, oft an geometrischen Formen angelehnt. Die Rasterpunkte, die er meisterhaft zur Erzeugung von Räumen, Situationen und Atmosphären verwendet, zitieren die Graphiken des „Comic-Underground“ ebenso wie narrative Zeitungsstreifen der sechziger Jahre, die für ihre klischeehaften Zeichnungen bekannt sind.

Amüsement durch Distanz

Andererseits überlagern schwarze Schraffuren und Schlieren die saubere Ordnung des Rasters, der Welt haftet etwas Schmutziges an, das sich nicht wegwaschen lässt. Hommer ist ein Meister der Reduktion, die allen missfallen wird, die sich gerne in die Geschichten einfühlen. Hier werden die Leser durch das Verfahren auf Distanz gehalten, das gerade dadurch intellektuelles Amüsement verspricht. Erst so kann „Ein Tag, der zuletzt doch nicht im Sande verlief“ erzählt werden, der „Samstagabend“ der studentischen Fabrikarbeiter mit seinen Zoten und seiner Leere, und „Die hohen Berge“ als Erfahrungsraum geborgen werden.

In seinen Adaptionen hält sich der Zeichner ganz an den Sprachlaut der Autorin, hat ihn aber dem Medium angemessen umfangreich gekürzt. Seit vor siebzig Jahren in „Classics Illustrated“ Literaturadaptionen wie „Moby Dick“ oder „Don Quixote“ als Comic-Hefte erschienen, provozierte solches Vorgehen immer wieder den Vorwurf der Banalsierung wenn nicht sogar des höheren Analphabetismus. Hommers Übersetzungen düfen unwidersprochen ihre eigene literarische Form behaupten. Zurecht, wurde doch damals schon ignoriert, das zwischen Schrift und Bild sich ein Raum öffnet, dessen Unbestimmtheit die Leser der Comics ganz anders fordert. Immer müssen sie das Beschriebene und Gesagte mit dem Gezeigten abgleichen – und Hommer demonstriert nebenher, wie variantenreich dieses Verhältnis sein kann.

Erfahrungsbestand der Moderne

Noch wo Worte und Zeichnung dasselbe behaupten, sind sie nicht identisch und erzeugen keine Gewissheit, sondern die Frage, was mit einer solchen Insistenz der Wiederholung erzählt werden muss. Was wir gemeinhin Wirklichkeit nennen, bietet für Kronauers Sätze und Hommers Übersetzungen keine Gewähr. Sie ist nur ein mögliches Register, in dem sich Erzählte bewegt. Oft genug – gerade in den Geschichten, die aus kindlichem Blickwinkel erzählen – bleiben sie rätselhaft, ohne dabei raunend zu werden. Im Gegenteil, selten ließ sich so Welthaltiges im Comic lesen. Selten wurde versucht, den Erfahrungsbestand der Moderne selbst zu besichtigen, der ja ohne seine Reduktionen und Abstraktionen kaum zu erheischen ist.

Sascha Hommer eröffnet jenseits der leidigen Bestimmungsdiskussionen um die Graphic Novel einen neuen Raum für eine Graphische Literatur, der längst noch nicht ausgemessen ist. Aber die Latte, für die schon vor einem Jahr bei Suhrkamp angekündigte Reihe von Comic-Adaptionen – Uli Lust zeichnet „Flughunde“ von Marcel Beyer, Nicolas Mahler wird sich eingehender mit Thomas Bernhard beschäftigen – liegt schon einmal erfreulich hoch.

Sascha Hommer: Dri Chinisin. Nach Erzählungen von Brigitte Kronauer, Reprodukt Verlag, Berlin 2011, 80 Seiten, 14 Euro.

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