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Literatur

19. November 2015

Comic „Petit – Riesen wie Götter“: Immer Ärger mit den Eltern

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Die Riesenkönigin und ihre Zofen: Gatignol zeichnet das Riesenreich in schroffen Schwarz-Weiß-Kontrasten.  Foto: Gatignol/Reprodukt

Das Drama des Erwachsenwerdens: Der fantastische Comic „Petit – Riesen wie Götter“ von Hubert und Bertrand Gatignol.

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Was soll das bloß sein, ein Anti-Märchen? Eine Geschichte ohne Happy End etwa? Der Comic „Petit – Riesen wie Götter“ wird jedenfalls mit diesem Etikett beworben. Immerhin: Ein Märchen ist das Werk des Szenaristen Hubert (alias Hubert Boulard) und des Zeichners Bertrand Gatignol schon, handelt es doch von einem Riesenkönig und seinem Riesenreich. Das „Anti“ mag sich darauf beziehen, dass eben diese Riesen keine sonderlich freundlichen Wesen sind und Menschenfleisch verzehren. Die Menschen sind dem königlichen und gottgleichen Geschlecht nämlich vollkommen unterworfen – als Leibeigene und Leibspeise. Ein solch düsterer Plot erinnert allerdings an die rabenschwarzen Grausamkeiten in den Märchen der Brüder Grimm.

Die Geschichte, die Hubert uns erzählen will, beginnt mit Petit, einem kleinen Jungen, der eigentlich gar nicht klein sein dürfte, weil er als letzter Spross und damit als Thronfolger und Statthalter des Riesenkönigs geboren wurde. Doch ist die Dynastie dem Untergang geweiht: Dem einst erhabenen Riesen-Geschlecht hat die Inzucht alle Kraft genommen. Und so erscheint auch Petits geringer Wuchs als Ausdruck des sicheren Endes, das sein Vater, der Riesenkönig, allerdings nicht wahrhaben will. Er ordnet an, den Sohn gleich nach der Geburt zu töten; die Schande ist ihm unerträglich. Noch unerträglicher ist ihm allerdings, den Nachwuchs als Vorboten des eigenen Verfalls, als Menetekel neben sich zu sehen.

Dynastisch schwer vorbelastet: Petit, hier noch besonders klein.  Foto: Gatignol/Reprodukt

Ein märchenhafter Plot also, der psychoanalytisch gedeutet werden könnte, mitunter enden Vater-Sohn-Konflikte ja tödlich. Besonders aufregend wird der Comic aber durch die Zeichnungen von Bertrand Gatignol. Der 1977 in Paris geborene Künstler machte vor ein paar Jahren von sich reden, da veröffentlichte er mit „Pistouvi“ (Dargaud, 2011) einen Tierfabel-haften Comic im Stil japanischer Mangas. Doch was für ein Unterschied jetzt bei „Petit“! Von mangaesker Niedlichkeit keine Spur mehr: Gatignol zeichnet das Riesenreich in schroffen Schwarz-Weiß-Kontrasten; der königliche Palast ist ein labyrinthischer Ort, an dem hinter jeder Ecke der Tod lauert. Alles ist hier unheimlich. Alles ist hier monströs – aus den Fugen geraten.

Petit soll sterben. Doch lässt ihn die Mutter zu seiner Tante bringen, einer Riesin, die dereinst in Ungnade fiel, weil sie sich nicht an Menschenfleisch vergehen wollte und sogar wagte, den Menschen mit Respekt zu begegnen. Nun lebt sie in einem entlegenen Winkel des Riesenschlosses, von der eigenen Sippe verstoßen. Gut versteckt vor dem Vater, erkundet Petit die grausamen Seiten des Riesenreiches, sieht die Menschen, die auf Farmen gezüchtet werden, um als Snacks oder Menüs zu enden, und die als Bedienstete des Palastes nicht weniger grausam und verlogen sind als die Riesen. Die kolossalen Herrscher ergehen sich unterdessen in frivolen Spielen, dekadent und inzestuös, jeder treibt es hier mit jedem.

Im Königspalast ist alles monströs und aus den Fugen geraten.  Foto: Gatignol/Reprodukt

Und allmählich offenbart sich auch der teuflische Plan von Petits Mutter: Sie möchte ihn verkuppeln, auf dass ein neues, unangekränkeltes Riesengeschlecht entstehe. Der Junge ist also nur Mittel zum Zweck – einer, der sich ob seiner Größe mit menschlichen Frauen paaren könnte, um so den Teufelskreis der blutsverwandten Verbindungen zu durchbrechen. „Verstehst du, Petit?“, flüsterte sie ihrem winzigen Sohn zu, „du wirst uns alle erretten. Und durch dich werde ich diese Familie vor dem Niedergang bewahren.“ Doch Petit widersetzt sich seiner dynastischen Bestimmung; er verweigert sich jener herrschenden Reproduktionsordnung, der allein sich die Mutter verpflichtet fühlt.

Damit ist ein zentrales Motiv von „Petit“ berührt: die Suche nach der eigenen Identität – der Konflikt zwischen (sexueller) Fremd- und Selbstbestimmung. Nicht zum ersten Mal beschäftigt sich Hubert mit diesem Thema. In „Schönheit“ (Reprodukt, 2013) etwa ging es um den gesellschaftlichen Zwang zur äußerlichen Perfektion, in „Luft und Liebe“ (Carlsen, 2012) um Anpassungsdruck und Magersucht. Der Franzose leuchtet die Abgründe der menschlichen Existenz aus, Tod und Gewalt, das Hässliche und die Verzweiflung. Bei „Petit“ ist es ganz genauso: Was sich als märchenhafte, geradezu fantastische Erzählung mit Splatter-Einlagen ausgibt, erweist sich als recht wirklichkeitsnahe Coming-of-Age-Geschichte.

Die Riesen verkörpern sinnbildlich die einschüchternde Konvention, die übermächtige Zumutung, in einer erwachsenen Gesellschaft groß werden zu müssen. Der unerlässliche Zivilisationsprozess, das Drama der Adoleszenz: Hubert und sein Zeichner Gatignol setzen es großartig in Szene, strikt parteiisch, versteht sich, niemals aufseiten der Riesen. Die Erwachsenen sind die Bösen – wohin diese Haltung führt, darf die Jugend nicht interessieren, sonst hört sie auf, Jugend zu sein. So gesehen, handelt „Petit – Riesen wie Götter“ zwar von einer Befreiung, bietet allerdings kein Happy End, weil uns die Geschichte zum Schluss hin ahnen lässt, dass es mit der jugendlichen Sorglosigkeit bald vorbei sein wird.

Hubert / Bertrand Gatignol: Petit. Riesen wie Götter. A. d. Franz. v. Ulrich Pröfrock. Reprodukt, Berlin 2015. 176 S., 29 Euro.

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