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Literatur

05. Januar 2016

Comic "Venustransit": Zwei Außerirdische in Berlin

 Von 
Berlins Alexanderplatz in dem Comic Hamed Eshrats.  Foto: Hamed Eshrat/Avant-Verlag

Hamed Eshrats „Venustransit“ ist ein gelungener Bildungsroman, nur leider ist er gezeichnet.

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Die Fernsehserie „The Walking Dead“ beweist, dass die Übertragung eines Kunstwerks von einem Medium ins andere (in dem Fall vom Comic ins TV) keineswegs ein Verlust, eine Verflachung, eine blasse Kopie, ein hohles Nachahmen sein muss. Ganz im Gegenteil. Bei den „Dead“ verhält es sich sogar so, dass ein eher mittelmäßiges Werk zu (sozusagen) richtig großem Kino werden kann, wenn es sein adäquates Medium nur findet.

Der gewichtige Comic „Venus-transit“ – immerhin 255 Seiten – von Hamed Eshrat ist ein solides Kunstwerk, keine Frage. Nur eben eines, das sein Medium verpasst hat. Anders formuliert: Eshrats „Venustransit“ ist ein Roman, bloß leider gezeichnet. Und nicht sonderlich gut oder ansprechend. Der Stil ist eine extrem wichtige Komponente des Mediums Comic: Spricht der Zeichenstil an, lässt der potenzielle Leser sich eher auf die Geschichte ein, als wenn der Stil abstößt. Wollte man den verlegerischen Klappentext ernstnehmen, der was vom „virtuosen Strich“ Eshrats weißzumachen versucht, müsste das Urteil extrem hart ausfallen: prätentiöser Unfug. Aber ist ja nur der Klappentext und schon ein ernsthafter Blick in den Comic muss das Urteil relativieren.

Mit autobiografischem Zwinkern

Eshrat erzählt – man darf vermuten: mit mehr als einem autobiografischen Zwinkern – die Leidens-, Liebes- und Lebensgeschichte des Mitt-End-Zwanzigers oder vielleicht Anfang-Dreißigers Ben, der sich in eine depressive Sackgasse seiner Existenz hat hineintreiben lassen und nur nach und nach, mit einiger Dramatik, mancherlei Glück, etwas Witz und guten Freunden wieder herausfindet. Am Ende ist er älter, erfahrener, erfolgreicher, vor allem aber, so scheint’s: gelassener und weiser.

Natürlich ist so eine Geschichte schon hundert-, tausend-, millionenmal erzählt worden, oft genug mit luxuriös unentschiedenen Noch-nicht-so-recht-Erwachsenen als Personal, zu oft mit Berlin als Kulisse, wo – Achtung, wieder etwas Klappentext – „die Inspiration an jeder Ecke wartet“. Der Witz an der Geschichte ist dagegen ihre Uninspiriertheit, ihre potenzielle Universalität, ihr beispielgebendes Potenzial, die Qualität eines Bildungsromans eben. Sonst bräuchte man die Geschichte ja auch nicht zu erzählen.

Das ist ein Grund, warum es gut ist, dass „Venustransit“ erzählt wird. Der andere ist ein eher beiläufiger, der sich an zwei Nebenpersonen festmacht. An dieser Stelle sei ein Einschub gestattet: Eshrats Figuren sind fein charakterisiert, manchmal vielleicht etwas zu fein, zu skizzenhaft, zu vage und zu ungefähr – was dann immerhin dem Zeichenstil absolut entspricht. So bleibt das Personal in seiner Gänze recht farblos, die Frauen merklich farbloser, was schade ist, aber die Dynamik der Erzählung nicht weiter stört. Außer bei besagten zwei Nebenfiguren: Spätkioskbetreiber Ali und Lebenskünstler Komet.

Die beiden sind von ihrem Alter her Überbleibsel Westberlins, also jenes kulturellen Sonderfalls zwischen 1945 und 1989, den das heutige Berlin betrügerisch wie selbstbetrügerisch als die eigene Identität verhökert. Eshrat zeichnet die zwei mit exakt jener Distanziertheit, mit der heutige Berliner damaligen Westberlinern begegnen würden – wie Wesen von einem anderen Stern. Diese Außerirdischen, zwei Philosophen getarnt als Händler und Hippie, geben „Venustransit“ Halt und Tiefe, sie verweisen auf Leben in anderen Bahnen als der – in dieser Lebensphase – extrem ego-zentrischen des Ben. Und das lässt mehr als nur vermuten, dass sich im Comicautor Hamed Eshrat ein sehr beachtenswerter Erzähler verbirgt. Nur eben kein Comiczeichner.

Hamed Eshrat: Venustransit. Avant-Verlag 2015. 256 S., 24,95 Euro.

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