Literatur

16. November 2012

Comic: Auch die Bibel bietet tolle Typen

 Von Christian Schlüter
Die Comic-Welt hat längst nicht nur "Superman" zu bieten. Foto: dpa

Comics und Literatur: Kann das gut gehen? Aber klar doch! Eine kleine Übersicht: gottergebene Superhelden, heilige Hundsköpfe, romantische Dschungelwelten und expressionistisch ausgeleuchtete Abgründe des Unbewussten.

Drucken per Mail

Die Lektüre von Comics gehört zu den echten, nicht zu ersetzenden Bildungserlebnissen. Das mag möglicherweise immer noch nicht allen klar sein. Macht nix. Kann ja noch werden. In jedem Fall ist es so, dass sich die lustig-bunten Bildergeschichten nicht nur unter dem Label „Graphic Novel“ zu einer neuen, wahren, ernsten und damit auf den Erwachsenengeschmack zielenden Comic-Herrlichkeit gemausert haben, sondern ganz allgemein auch vor den einschlägigen Hochkultursegmenten nicht zurückschrecken. Da darf die schöne Literatur nicht fehlen, diese beinahe schon letzte Bastion bürgerlichen Bildungsstolzes. Das gelingt im Medium des Comics sehr gut, selbstverständlich, aber nicht immer.

Schauen wir uns die Veröffentlichungen der letzten Zeit an. Lesen wir das Buch der Bücher, das 1. Buch Mose, die Genesis, Kapitel 6 bis 9. Mit dem Comic „Noah“ tritt der Hollywood-Regisseur Darren Aronofsky („The Wrestler“, „Black Swan“) erstmals als Szenarist in Erscheinung. Grundlage für das auf vier Bände angelegte Projekt ist ein unverfilmtes Drehbuch. Das erzählt uns noch einmal die Geschichte von den Menschen in ihrer maßlosen Gier, die allerdings nicht nur gegen Gott freveln, weil sie sich gegenseitig Böses tun; sie vergehen sich auch an der übrigen Schöpfung, das heißt an der Natur. Selbstverständlich passt die ökologische Botschaft in Zeiten des Klimawandels besonders gut.

Der Marvel- und DC-erprobte Zeichner Niko Henrichon („Spider-Man“, „X-Men“) hat der Geschichte vom Erbauer der Arche dann noch einige Extras aus dem Superhelden-Genre hinzugefügt. Die Erde erscheint als karger Wüstenplanet mit deutlich Science-Fiction-haften Zügen – bizarre Skelette etwa erinnern an Raumschiffwracks. Ansonsten wird ein bluttriefendes und muskelpralles Panorama geboten, eine fantastische Drastik, die dem biblischen Stoff durchaus angemessen ist, geht es hier doch nicht um religiöse Erbaulichkeiten, sondern um den per Sintflut grausam strafenden Gott. Abgesehen davon spricht nichts dagegen, Noah in superheldenhafter Pose zu zeigen. Die Bibel bietet ohnehin einige tolle Typen.

Ein echtes Bildungsangebot

Das jedenfalls hat sich auch der junge Kasseler Zeichner Markus Färber gedacht. Sein Comic „Reprobus“ macht uns mit einem Riesen bekannt. Der ist nicht nur groß, sondern auch sehr stark und vor allem brutal. Dieser Reprobus (der Verdammte) hat nur einen Wunsch, nämlich einem Herrn dienen zu dürfen, der stärker ist als er selbst. Und so macht er sich auf die Suche, die allerdings über weite Strecken erfolglos verläuft und deswegen viele Opfer kostet: Die Schwächeren müssen sterben. Endlich gerät der bestialische, moralisch überaus unzuverlässige Berserker an Jesus Christus und lernt am Totenfluss die Macht des Lebens und der Liebe kennen. Reprobus wird getauft und heißt fortan Christophorus.

Der Mann, der Jesus durch den Fluss und damit die Welt auf seinen Schultern trug, der Christusträger, soll zumindest einigen Quellen nach ein Riese mit einem Hundskopf gewesen sein. Die überwiegend düsteren und kräftigen Zeichnungen Färbers spüren diesen animalischen, letztlich heidnischen Ursprüngen des Christentums nach und geben ihnen eine schrille Gestalt: eine frühchristliche Freakshow. Im Unterschied zu „Noah“ werden hier nicht zwei Genre – Superhelden/Fantasy und Bibelgeschichten – ineinander geblendet, sondern neue Ausdruckformen gesucht. „Reprobus“ gehört in ästhetischer Hinsicht gewiss zu den spannendsten und gelungensten Neuinterpretationen eines (vor-) biblischen Stoffes.

Wir haben es insofern mit einem echten Bildungsangebot zu tun. Das betrifft allerdings nicht nur Färbers trotzigen Interpretationsvorschlag, sondern vor allem auch die Anstrengung, die seine expressiven Zeichnungen dem Auge abverlangen: Statt auf bereits eingeführte Bildklischees zurückzugreifen, muss sich das Sehen erst an eine ungewohnte, allemal eigensinnige Bildsprache gewöhnen. Hier ist, mit anderen Worten, die Einübung eines gelenkigen Blicks gefordert: Die Zeichnungen illustrieren nicht nur eine Geschichte, sondern entwickeln sie nach Maßgabe ihrer eigenen – bildästhetischen – Gesetzmäßigkeiten fort. Genau daran mangelt es manch anderem Comic-Unternehmen.

So hält etwa der Brockhaus-Verlag unverdrossen an seinen Reihe mit Literaturcomics fest. Zwar ist es durchaus zu begrüßen, dass uns mit Victor Hugos „Glöckner von Notre-Dame“, Charles Dickens’ „Oliver Twist“, Gustave Flauberts „Madame Bovery“, James Fenimore Coopers „Der letzte Mohikaner“ und Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ einige erlesene Werke als, so der Verlag, „Weltliteratur im Comic-Format“ vorgelegt werden – Weltliteratur hat schließlich noch nie geschadet und sie wird durch Bilder auch nicht unbedingt schlechter. Doch kommt diese aus Frankreich übernommene Reihe übers bloß Illustrative nicht hinaus. Hier ist der Comic nur der Name für einen schalen Tribut an die jugendliche Zielgruppe.

Allenfalls das „Dschungelbuch“ wäre davon auszunehmen, weil Szenarist Jean-Blaise Djian und Zeichner TieKo durch ihre „realistische“ Erzählweise mit der von Disney geprägten, allzu niedlichen Dschungelwelt brechen. Der Menschling Mowgli, der Bär Baloo, der schwarze Panther Bagheera und die Schlange Kaa stehen im harten Überlebenskampf, in einer unerbittlichen Naturordnung, gegen die sich allerdings ihre Freundschaft bewährt. So legen Djan und TieKo das – übrigens auch pfadfinderaffine – Programm einer naturnahen Erziehung wieder frei, das in dem romantisch gestimmte Original aus dem Jahre 1884 zu finden ist. Kurzum, das „Dschungelbuch“ lohnt die erneute Lektüre.

Gutes Handwerk, aber auch nicht mehr

Die segensreiche Kraft der Natur beschwor auch der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau. Sein ereignisreiches Leben schildern Maximilien Le Roy und A. Dan nun in einem bei Knesebeck erschienenen Comic. Was für eine Abenteuergeschichte! Denn Thoreau verdanken wir nicht nur ein beherztes Plädoyer für ein einfaches Leben („Walden oder Leben in den Wäldern“) und die immer noch lesenswerte Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Der Unruhegeist setzte für seine pädagogischen Prinzipien auch die berufliche Karriere aufs Spiel, schlug sich als Landvermesser, Gelegenheitsarbeiter und Vortragsreisender durch, er kämpfte gegen die Sklaverei und zahlte wegen des Krieges der USA gegen Mexiko keine Steuern.

Der Knesebeck Verlag versucht es schon seit einiger Zeit mit der Weltliteratur. Dabei sind sehr lesens- und sehenswerte Comic-Adaptionen herausgekommen, etwa von Franz Kafkas „Die Verwandlung“, Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ oder Dante Alighieris „Göttliche Komödie“. Auch im Genre der Biografie hat man in diesem Jahr einen interessanten, zumal grafisch anspruchsvollen Band zu „Freud“ vorgelegt. „Henry David Thoreau: Das reine Leben“ fällt dagegen etwas ab. Le Roy und A. Dan zeigen gutes Handwerk – allerdings auch nicht mehr. Gerade eine Figur wie Thoreau hätte statt einer musealen doch eher eine aktuelle, eine mitreißende und gegenwärtige Aufmachung verdient.

Das ist im Falle von Stefan Zweig vielleicht etwas anders. Der Zeichner Guillaume Sorel und der Szenarist Laurant Seksik erzählen von den „Letzten Tagen“ Tagen des jüdischen Schriftstellers vor dem gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte in Brasilien begangenen Selbstmord. Das war im Jahre 1942, nach einer langen und zermürbenden Flucht vor den Nationalsozialisten. Sorel und Seksik haben sich bewusst für einen klassischen Stil nach Art des franko-belgischen Comics entschieden. Dabei schafft die aquarellierte Leichtigkeit der Zeichnung mit ihren pointierten Lichteffekten einen spannenden Kontrast zu der tragischen Geschichte. Die auch noch bestens erzählt ist. So sieht gutes, von der ersten bis zur letzten Seite stimmiges Handwerk aus.

Es kann allerdings auch ganz anders aussehen. Etwa so, wie sich der Berliner Zeichner Jakob Hinrichs der „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler angenommen hat. Hinrichs greift ebenfalls in ein klassisches Register, aber in was für eins! Seine Bilder zelebrieren eine einzige expressionistische Farben- und Formenpracht. Ähnlich wie der französische Zeichner Blexbolex („Niemandsland“) hat Hinrichs seine Bildsprache in der Auseinandersetzung mit dem Holz- und Siebdruckverfahren entwickelt. Herausgekommen ist dabei eine kongeniale Übersetzung von Schnitzlers labyrinthischer Reise in die Abgründe des Unbewussten – diesem Reigen aus Wahn- und Wunschvorstellungen.

Hinrichs’ „Traumnovelle“ gehört zu den großen Comic-Veröffentlichungen des Jahres: ein echtes Bildungserlebnis, ästhetische Erziehung für Auge und Verstand.

Jetzt kommentieren

Spezial

Blicken Sie mit uns zurück auf die größte Buchmesse der Welt: Höhepunkte, Fotos, Interviews in unserem Buchmesse-Spezial.

Deutscher Buchpreis - Shortlist 2014
Buchtipps
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Video: Neue Krimis
Videonachrichten Kultur