Literatur

16. Dezember 2012

Comic: Für den kleinen Lesehunger zwischendurch

 Von Christian Schlüter
Comic-Empfehlungen. Foto: Andreas Arnold

Wir stellen Ihnen vier neu erschienene, ganz hervorragende Comic-Kurzgeschichten vor.

Drucken per Mail

Zum Glück gibt es noch die kurzen Geschichten. Gewissermaßen für den kleinen Lesehunger zwischendurch. Aber auch, wer weiß, als schnelles Geschenk, bei dem man eigentlich nichts falsch machen kann. Vielleicht. Die kurzen Geschichten, um die es im Folgenden gehen soll, gewähren uns in jedem Fall einen Einblick in die Arbeit von hervorragenden, sowohl bekannteren wie auch neueren Zeichnern. Sie beschäftigen sich anstatt mit großen und ernsten Themen eher mit dem Nebensächlichen und Alltäglichen. Oder doch nicht?

Jiro Taniguchi und Masayuki Kusumi würden natürlich sofort bestreiten, dass im Alltag nichts Bedeutendes geschieht. Taniguchi gehört zu den bedeutendsten Manga-Zeichnern in Japan, und sein gesamtes Werk lässt sich als Appell lesen, gerade den kleinen Begebenheiten alle Aufmerksamkeit zu schenken. Niemand erzählt so rührend von dem scheinbar Geringfügigen. Und ganz groß ist Taniguchi immer dann, wenn er von Tieren erzählt – das zerreißt einem regelrecht das Herz.

In dem neuen Band „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“ folgt er gemeinsam mit dem Schriftsteller Masayuki Kusumi der Idee des absichtslosen Spaziergangs: „Spontan eine Runde drehen und seine Stadt neu kennen lernen“. Dabei herausgekommen sind acht Kurzgeschichten, wie immer mit sehr viel Liebe zum Detail gezeichnet und voller Absonderlichkeiten, wie etwa den Mann, der sein gestohlenes Fahrrad sucht und mit einer Edison-Glühbirne aus dem Jahre 1879 nach Hause kommt...

Nicht minder lesenswert ist ein schmales Büchlein der polnischen Zeichnerin Agata Bara. Es trägt den einfachen Titel „Der Garten“ und handelt von einer kleinen Familie im Polen der Achtzigerjahre. Erzählt wird nur eine kurze Episode, in der ein Nachbarschaftsstreit um ein getötetes Huhn die Vergangenheit des Großvaters ans Tageslicht bringt. Der hat nämlich während der Besetzung durch die Wehrmacht mit den Deutschen kollaboriert und dabei auch einen polnischen Freund ans Messer geliefert. Dieser Verrat wird ihm nicht verziehen – und er verzeiht ihn sich auch selbst nicht.
„Der Garten“ ist ein großartiges Debüt. Agata Bara hat mit der Geschichte ihr Studium an der Folkwang-Universität in Essen abgeschlossen. Sie findet starke, eindringliche Bilder für eine überaus vertrackte Handlung und lässt dennoch genügend Raum für Leichtes und Heiteres. Denn erst so kann der Kontrast zum historischen Grauen entstehen, zum Beispiel immer dann, wenn die überaus niedliche Enkelin dem ansonsten so ernsten Großvater ein Lächeln abringt.

Von einem ganz anderen Ernst sind die kurzen Episoden in „Das Gemetzel“ von Bastien Vivès. Der Franzose gehört, obwohl erst 1984 geboren, längst zu den etablierten Zeichnern. Für seine Erzählung „Der Geschmack von Chlor“ wurde er 2009 auf dem Comic-Festival in Angoulême ausgezeichnet. Und seine Graphic Novel „In meinen Augen“ (2010) gehört zu den besten Liebesgeschichten des Genres überhaupt. Nun, Vivès kann es auch ein paar Nummern kleiner, wie er in dem jetzt erschienen Band zeigt. Wie meistens bei ihm geht es hier um das prekäre Beziehungsleben. Dabei interessiert ihn das rasante Wechselspiel von Nähe und Ferne, den zärtlichen Berührungen und verliebten Tagträumen, denen er stets ein böses Erwachen folgen lässt – Verletzungen, Unverständnis und Schmerz. Man lasse sich von den lichten Farben nicht täuschen, Vivès bietet keine leichte Kost.

Deshalb sei zum Schluss noch schnell eine kleine Lockerungsübung empfohlen: „White Line“ von dem in Hamburg lebenden Zeichner Calle Claus. Nennen wir seinen episodisch erzählten Comic eine durchzechte-Nacht-surreale-Kater-am-nächsten-Morgen-Geschichte. So ungefähr: Ein junger Mann erlebt eine Reihe seltsamer Begebenheiten, die sich allmählich zu einem Ganzen fügen. Kurze Geschichten eben, die das Leben schreibt.

Jiro Taniguchi, Masayuki Kusumi: Der geheime Garten vom Nakano Broadway. Carlsen, Hamburg 2012. 104 S., 12 Euro.

Agata Bara: Der Garten. Salleck Publ., Wattenheim 2012. 56 S., 12,90 Euro.

Bastien Vivès: Das Gemetzel. Reprodukt, Berlin 2012. 88 S., 15 Euro.

Calle Claus: White Line. Edition 52, Wuppertal. 144 S., 18 Euro.

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Deutscher Buchpreis - Shortlist 2014
Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Spezial

Blicken Sie mit uns zurück auf die größte Buchmesse der Welt: Höhepunkte, Fotos, Interviews in unserem Buchmesse-Spezial.

Buchtipps
TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Video: Neue Krimis
Videonachrichten Kultur