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Literatur

24. September 2011

Comic: Ornamentale Bilderpracht

 Von Christian Schlüter
Craig Thompson: „Habibi“.  Foto: Reprodukt

Nach seinen ersten großen Comic-Erfolgen verschwand der amerikanische Zeichner Craig Thompson schnell wieder von der Bildfläche. Mit „Habibi“ hat er jetzt dem Comic eine neue Dimension erschlossen.

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Als der amerikanische Zeichner Craig Thompson vor acht Jahren seinen autobiografischen Comic „Blankets“ veröffentlichte, wurde das allenthalben als Sensation gefeiert. Der Künstler hatte zuvor nicht viel mehr als einen kleinen Band herausgebracht, die grotesk-traurige Fabel „Good-bye, Chunky Rice“, und legte nun ein wuchtiges, beinahe 600 Seiten starkes Meisterwerk vor. Thompson war zu dieser Zeit gerade einmal 28 Jahre alt, ein Frühvollendeter. Seine Arbeit wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, allen voran mit dem bedeutenden Eisner-Award für das „beste Album“ und als „bester Künstler“ – mehr geht nicht.

Danach verschwand der Amerikaner wieder von der Bildfläche. Es erschien noch das „Tagebuch einer Reise“ (2004), das aber nur die Vorstudie für ein sehr viel umfassenderes Projekt sein sollte. Jetzt, nach sieben Jahren, liegt das Ergebnis vor und übertrifft alle Erwartungen. Mit „Habibi“ hat Thompson dem Comic eine neue Dimension erschlossen. Es ist die erste Graphic Novel, die diesen Namen auch verdient, anstatt sich mit ihm nur dem hiesigen Buchmarkt anzubiedern, ein ziegeldicker Roman in Bildern, ein erzählerisches Experiment, das an Komplexität und Konsequenz seinesgleichen sucht.

Craig Thompson: „Habibi“.
Craig Thompson: „Habibi“.
 Foto: Reprodukt

Liebe auf den ersten Blick

Thompson erzählt eine anrührende und keineswegs kitschige Geschichte von der Macht der Liebe. Das wiederum tut er nicht nur in einer, sondern mehreren Geschichten, ungezählt vielen Geschichten, die er auf ornamentalen Bildertableaus in- und übereinander blendet. Und die sich für den Leser immer wieder neu zusammensetzen: in Retrospektiven, in Traum- und Märchensequenzen, philosophischen und religiösen Abhandlungen, buchstaben- und zahlenmystischen Beschwörungen, kurzum, in einer thematischen Opulenz, von der eigentlich anzunehmen wäre, das sie jede erzählerische Initiative im Keime erstickt.

Doch hat sich Thompson nicht zu viel zugemutet. Überwältigend ist die ästhetische Klugheit seiner Bildschöpfungen. Immer wieder führt er auf vollkommen überraschende Weise die verschiedenen Stränge seiner Erzählung zusammen und findet eine gemeinsame Sprache für das, was doch unvereinbar sein müsste. Dabei wirken seine Kompositionen nie erzwungen. Alles scheint sich, wie von selbst zu fügen. Und Thompson hält dieses Niveau auf 672 Seiten. „Habibi“ ist eine wunderbare Liebesgeschichte und zugleich eine umfassende Geschichte von der Entstehung der Welt.

Dodola und Zam begegnen einander, als sie auf dem Sklavenmarkt verkauft werden sollen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, geschwisterliche Liebe. Die ältere Dodola rettet Zam, der fast noch ein Baby ist, vor dem Tod und kann mit ihm in die Wüste fliehen. An diesem Nirgendort wachsen beide Kinder in den nächsten neun Jahren auf, bis Dodola von vorbeiziehenden Räubern verschleppt und dem mächtigen wie grausamen Sultan als Haremsdame zugeführt wird. Zam begibt sich auf die Suche und findet seine Liebe erst nach sechs qualvollen Jahren wieder. Eine neue Geschichte beginnt, vielleicht eine bessere Zukunft.

Was klingt wie aus Tausendundeiner Nacht, variiert Thompson zu einer Parabel auf die Gegenwart. Seine Geschichte spielt in einem islamischen Land namens Wanatolien. Dodola wurde ursprünglich von ihren Eltern zwangsverheiratet, an einen Schreiber, der sie, die Neunjährige, vergewaltigt, ihr aber auch das Lesen und Schreiben beibringt. Ihr erster Buchstabe wird eine Linie sein, sie bedeutet Schleier, und der darunter gesetzte Punkt verweist auf die „göttliche Essenz“. Ein Punkt, der in dem Bild Thompsons aussieht wie der Fleck auf dem weißen Bettlaken nach der Hochzeitsnacht...

Dodola ist klug und eigensinnig. In einer Welt religiöser Traditionalisten macht sie das verdächtig. Doch kennt sie die Schrift und weiß um die Kraft einer guten Geschichte. Thompson erinnert uns an die existenzielle Bedeutung des Erzählens. Denn es vertreibt nicht nur die Zeit, sondern ebenso den Hunger und die Angst. Wenigstens für eine Weile. In diesem Zusammenhang kommt „Habibi“ immer wieder auf die lebensrettende und trostspendende Kraft der christlichen und islamischen Überlieferung zurück: Sie erscheint als schwieriges, als unmögliches, aber auch unabweisbares Erbe.

Entstehung der Welt

Als sich Dodola und Zam wieder gefunden haben, wechselt die mittelalterliche Szenerie in die moderne Jetztzeit. Beide sind der Tradition entflohen und mit ihr auch dem Tode entronnen. Sie wollen ein neues Leben beginnen. In der großen Stadt fühlen sie sich endlich frei. Doch müssen sie auch hier erkennen, dass sie einer Täuschung aufgesessen sind: Ihre Sicherheit ist trügerisch, der sie umgebende Reichtum wird mit der Ausbeutung und Unterdrückung anderer bezahlt. Dieser Teil von „Habibi“ gehört zu den heikelsten, vermeidet es Thompson doch, Tradition und Moderne gegeneinander auszuspielen.

Stattdessen erzählt er von der Liebe als einer alle Konfessionen übersteigenden Macht. Dodola wird am Ende alle Buchstaben und trügerischen Geschichten erbrechen. Und abstrakte Schriftzeichen und Ordnungstafeln werden ihre ganze Schönheit offenbaren, weil Thompson sie uns ins Gegenständliche und Sinnliche übersetzt. Es ist wie eine Versöhnung der verschiedenen (Glaubens-)Systeme, nachdem ihr tieferer, da ästhetischer Sinn anschaulich gemacht wurde. Es soll die Schönheit der Liebe zeigen, ganz gewiss ist es das Schönste, was die letzten Jahre im Comic zu entdecken war.

Hubb – mit diesem arabischen Wort verabschiedet Thompson uns aus seiner Geschichte. Es bedeutet: Liebe. Habib heißt Geliebte/r. Und das Wort Habibi fügt noch ein possessives mein/e hinzu. Die Liebe, von der Thompson erzählt, verweist auf keine himmlische Macht, sondern auf eine künftige Welt, die Liebende erblicken, wenn sie einander in die Augen schauen.

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